Eine Besucherin unterhält sich im Besuchsraum des Elisabeth-Roock-Haus in Solingen mit ihrer Angehörigen. | Bildquelle: dpa

Wegen Corona-Krise Kaum Kontrollen in Pflegeheimen

Stand: 18.08.2020 04:00 Uhr

Der Corona-Infektionsschutz führt zu deutlich weniger Qualitätskontrollen in Pflegeheimen - mitunter mit nachteiligen Folgen für die Bewohner, wie eine Recherche von Report Mainz zeigt.

Von Gottlob Schober, SWR

Rund 14.000 Pflegeeinrichtungen gibt es in Deutschland - sie werden durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) und durch die Heimaufsichten überwacht. Doch seit Mitte März wird als Folge der Corona-Pandemie in den Heimen kaum noch kontrolliert, wie es um die Qualität der Pflege bestellt ist - mit dramatischen Folgen. Das zeigen Recherchen des ARD-Politikmagazins Report Mainz.

Demnach hat der MDK seit Mitte März lediglich 51 anlassbezogene Prüfungen in ganz Deutschland durchgeführt. Das sind 56 Prozent weniger als im Vergleichszeitraum der drei Vorjahre. Auch viele Heimaufsichten räumten ein, dass sie im selben Zeitraum weniger anlassbezogen kontrolliert hätten.

Regelkontrollen durch den MDK hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn am 19. März 2020 ohnehin ausgesetzt, vorläufig bis Ende September. Hintergrund: Das Personal in den Heimen sollte entlastet und die Pflegebedürftigen vor Corona-Infektionen geschützt werden. Spahn betonte damals: "Nur wenn die Pflegekassen über Missstände in einzelnen Einrichtungen informiert werden, sollen weiterhin anlassbezogene Prüfungen stattfinden."

Besuchsbeschränkungen verhindern Einblicke in Pflegequalität

Solche anlassbezogenen Kontrollen werden allerdings oftmals auf Betreiben von Angehörigen durchgeführt, die konkrete Qualitätsdefizite in der Pflege bemängeln und melden. Wegen der Besuchsverbote durften aber viele Angehörige wochenlang nicht mehr in die Heime hinein.

Bahar Yavasoglu und ihr Mann Akin | Bildquelle: SWR Report Mainz
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Bahar Yavasogu stellte bei ihrem Mann gesundheitliche Rückschritte fest.

So ging es auch Bahar Yavasoglu. Ihr 44 Jahre alter pflegebedürftiger Mann Akin sitzt seit einem tragischen Unfall 2015 im Rollstuhl. Zu Hause konnte sie ihn nicht mehr versorgen. In der Corona-Hochzeit konnte Yavasoglu ihren Mann wochenlang nicht besuchen, ihn nur durch die Fensterscheibe seines Erdgeschosszimmers im Pflegeheim sehen.

Die ganze Zeit habe sie das beunruhigt, erzählt sie: "Ich habe das Gefühl gehabt, dass da drin einfach gemacht wird, was sie eigentlich wollen. Ich hatte überhaupt keinen Einfluss mehr darauf, was darin geschieht und ob er überhaupt Therapie bekommt, weil ich ja gar nicht drin war". 

Gesundheitliche Rückschritte in der Corona-Zeit

Als Bahar Yavasoglu ihrem Mann nach vielen Wochen das erste Mal wieder näherkommen konnte, hätten sich ihre Befürchtungen bewahrheitet. Ihrem Mann sei es schlechter gegangen als vor der Corona-Zeit. Er habe zum Beispiel seine Finger nicht mehr öffnen können, und sein Körper sei insgesamt steifer geworden als zuvor. 

Die Pflegeeinrichtung bestreitet gegenüber Report Mainz, dass es Defizite bei der Pflege gegeben habe: Die "Grund- und Behandlungspflege" sei "uneingeschränkt fortgesetzt" worden. Einige Therapien aber hätten wegen des "Risikos einer möglichen Ansteckungsgefahr" "nicht durchgeführt werden können".

Bahar Yavasoglu sagt, sie hätte sich gewünscht, dass die pflegerischen Entscheidungen des Heims und deren Folgen von unabhängigen Behörden überprüft worden wären. Auf die Idee, die Heimaufsicht selbst zu alarmieren sei sie gar nicht gekommen, auch weil sie die Situation mit ihrem Mann in der Corona-Hochzeit völlig überfordert habe.

Sozialwissenschaftler sieht quasi rechtsfreien Raum

Stefan Sell, Sozialwissenschaftler an der der Hochschule Koblenz, sagte zu den von Report Mainz recherchierten Zahlen:  "Die Ergebnisse sind gelinde gesagt dramatisch, vor dem Hintergrund, dass wir in den vergangenen Wochen und Monaten in vielen Pflegeheimen einen quasi rechtsfreien Raum hatten." Es habe lange niemanden gegeben, der geschaut habe, was mit den Menschen in Pflegeheimen passiert sei. 

"Wenn man Einrichtungen vollständig vom Netz nimmt, keinen mehr reinlässt, dann muss sichergestellt werden, dass es eine intensive Betreuung und Begleitung durch staatliche Aufsichtsbehörden gibt. Das darf nicht wieder passieren, dass Heime machen können, was sie wollen", sagte Sell im Interview mit Report Mainz.

Ministerium: Ab Oktober wieder Regelkontrollen

Das Bundesgesundheitsministerium teilte dem ARD-Politikmagazin mit, aktuell sei geplant, ab 1. Oktober wieder mit Regelkontrollen zu beginnen. Die Aussetzung der Regelkontrollen sei eine schwierige Abwägung gewesen, zwischen dem Infektionsschutz auf der einen sowie der Sicherstellung eines ausreichenden Qualitätsniveaus in der Pflege auf der anderen Seite. 

Folge der Corona-Pandemie: Kaum noch Qualitätskontrollen in Pflegeheimen
Gottlob Schober, SWR
18.08.2020 09:19 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Report Mainz am 18. August 2020 um 21:45 Uhr.

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