Eine leere Straße führt zu einer Großbaustelle mit vielen Kränen. | Bildquelle: dpa

Ökopunkte und Flächenversiegelung "Moderner Ablasshandel"

Stand: 20.08.2019 12:56 Uhr

Ökopunkte sollen das Versiegeln von Flächen kompensieren - so die Idee. Recherchen von Report Mainz zeigen, dass das oft nicht funktioniert. Kritiker sprechen von "modernem Ablasshandel".

Von Niklas Maurer, Nick Schader, SWR

Das Prinzip der Ökopunkte zum Ausgleich bebauter Flächen steht in der Kritik. Sie werden laut einer Umfrage von Report Mainz mittlerweile in den meisten Bundesländern anerkannt. Umweltschützer kritisieren aber, dass dadurch die Versiegelung der Landschaft erleichtert werde.

"Wir erleben im Moment in Deutschland, dass immer mehr gebaut wird, dass immer mehr Flächen zersiedelt und zubetoniert werden", sagte Axel Mayer vom "Bund für Umwelt- und Naturschutz" (BUND). Die Flächen würden zwar offiziell ausgeglichen. "Aber es ist kein realer Ausgleich. Und so werden wir in Zukunft irgendwann erleben, dass alles zubetoniert ist, aber alles naturschutzrechtlich korrekt ausgeglichen wurde."

60 Hektar pro Tag versiegelt

Kritiker bezeichnen das Prinzip als "modernen Ablasshandel". Wer zum Beispiel einen Acker in eine Wiese umwandelt, kann sich dafür Ökopunkte gutschreiben lassen, weil eine Wiese "ökologisch wertvoller" ist, als ein Acker. Diese Punkte darf er weiterverkaufen - beispielsweise an eine Kommune oder eine Firma, die ein Bauvorhaben realisieren möchte. 

Kommunen oder Bauträger, die keine gesetzlich vorgeschriebenen Flächen zum Ausgleich eines Bauvorhabens mehr haben, können sich die nötigen Punkte auch von einer weit entfernten Fläche kaufen und damit dann bauen. Aktuell werden in Deutschland knapp 60 Hektar pro Tag versiegelt. Bis 2020 will Deutschland den Wert eigentlich auf 30 Hektar verringern.

Eine Fischtreppe für mehrere Baugebiete

Besonders hoch im Kurs stehen zum Beispiel Fischtreppen. Die sollen dafür sorgen, dass Flüsse oder Bäche wieder von Fischen durchschwommen werden können. In den meisten Bundesländern werden Fischtreppen als Ökomaßnahme anerkannt. In Baden-Württemberg wurden für solche Treppen an Bächen zum Teil mehrere Millionen Ökopunkte angerechnet. Umweltschützer kritisieren, dass man mit nur einer Treppe mehrere große Baugebiete ausgleichen könnte. Das sei unverhältnismäßig.

Zudem seien Fischtreppen von der EU schon längst verpflichtend vorgeschrieben - daher dürfe man hierfür eigentlich gar keine Ökopunkte vergeben, so der Gewässerökologe Nikolaus Geiler.

Bei ebay zum Verkauf angeboten

In einem weiteren Fall untersuchte Report Mainz, wie der Flächenfraß beim Neubau des neuen Amazon-Logistikzentrums bei Mönchengladbach ausgeglichen wurde. Für das über 130.000 Quadratmeter große Bauwerk wurden 240.000 "Wertpunkte" als sogenannte Kompensationsmaßnahme von der Baubehörde festgelegt. 140.000 der benötigten Punkte kamen allein von einem ehemaligen Sportplatz mit rund 8500 Quadratmeter, der zu einem Auwald umgewandelt werden soll.

Bei der Umfrage unter den Bundesländern stellte sich heraus, dass die meisten Umweltministerien selbst nicht wissen, wie viele Ökopunkte in ihrem Land registriert sind oder gehandelt werden. Zudem werden die Punkte mittlerweile auch bei Onlineplattformen wie Ebay angeboten. Auch der Bund kauft Ökopunkte, zum Beispiel aus Waldgebieten in Hessen, als Ausgleich für den Autobahnbau.

Studien: Ausgleichsflächen oft nicht vorhanden

Forscher der Universität Freiburg untersuchten beispielhaft 26 Ausgleichsmaßnahmen in Baden-Württemberg. Ergebnis: Fast 30 Prozent der Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen wurden nie umgesetzt. Im Ergebnis wird kritisiert, dass oft versucht werde, "möglichst viele anrechenbare Ökopunkte auf möglichst wenig Fläche zu generieren". Das Fazit der Forscher: "Der Wert der Eingriffsregelung für den Naturschutz ist, gemessen an seiner eigenen Zielsetzung, eher enttäuschend."

Das Ergebnis deckt sich mit zwei weiteren, aktuellen Studien aus Bayern und Schleswig-Holstein. Auch hier wurde festgestellt, dass rund ein Drittel der Ausgleichsmaßnahmen nicht umgesetzt wurden. Ein weiteres Drittel sei in einem schlechten Zustand.

Agenturen handeln mit Ökopunkten

Gehandelt werden Ökopunkte in Deutschland unter anderem von privaten Anbietern, Stiftungen oder sogenannten Flächenagenturen. Letztere werben auf ihren Internetseiten mit ihren Angeboten für Bauträger. Ein Sprecher des "Bundesverbandes der Flächenagenturen" bestritt, dass durch Ökopunkte Bauvorhaben erleichtert würden. Vielmehr würden die Agenturen dafür sorgen, dass die Ausgleichsflächen eine hohe ökologische Qualität für den Naturschutzausgleich hätten.

Die Umweltministerien in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen lehnten Interviewanfragen von Report Mainz ab. Das Bundesumweltministerium antwortete auf einen Fragenkatalog nicht. Konkrete Beispielfälle wollten die Landesministerien nicht bewerten.

Schriftlich verwiesen die Landesministerien an die jeweils zuständigen Behörden, in der Regel die Landratsämter und Kommunen. Doch die seien mit der Kontrolle und Bewertung von Ökopunktemaßnahmen völlig überfordert, so ein Sprecher des BUND. "Die Ökopunkte funktionieren nicht", so Axel Mayer.

Über dieses Thema berichtete das Magazin "Report Mainz" am 20. August 2019 um 21:45 Uhr.

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