Website mit Nahrungsergänzungsmitteln

Geschäft mit der Angst Nahrungsergänzungsmittel gegen Corona?

Stand: 14.04.2020 06:02 Uhr

Die Corona-Krise ruft auch dubiose Geschäftemacher auf den Plan: Sie bieten online angebliche Vorbeugekuren oder sogar Heilmittel gegen Covid-19 an. Die Produkte sind wirkungslos - bestenfalls.

Von Philipp Reichert, SWR

Vitaminpillen gegen den "Corona-Wahnsinn", Pülverchen, die "Viren den Kampf ansagen", "Corona Kits" zur Stärkung des Immunsystems. Nach Recherchen des ARD-Politikmagazins Report Mainz kursieren vor allem im Internet zahlreiche entsprechende Angebote. Besonders Nahrungsergänzungsmittel werden derzeit stark beworben. Manche Produkte kosten bis zu 260 Euro.

Werbeaussagen meist verboten

Doch nicht nur das Angebot an solchen Produkten steigt. Immer mehr Menschen suchten derzeit gezielt nach Nahrungsergänzungsmitteln, beobachtet Professor Martin Smollich, Pharmakologe an der Universitätsklinik Schleswig-Holstein. Denn das Coronavirus verunsichere viele Menschen. "Es bleibt wenig, was man tun kann. Wir haben keine bestehenden Therapien und keine Impfung", so Smollich. Nahrungsergänzungsmittel gäben vielen Menschen ein gutes Gefühl, irgendwas tun zu können.

Dabei seien Nahrungsergänzungsmittel nur für wenige Menschen sinnvoll, etwa wenn ein Nährstoffmangel vorliege oder wenn man schwanger sei. "Die meisten Menschen brauchen keine Nahrungsergänzungsmittel", so Smollich. "Das gilt insbesondere im Kontext von Corona."

Es sei klar, dass es kein Nahrungsergänzungsmittel gebe, das zur Prävention oder zur Therapie von Corona-Infektionen wirksam sei. Entsprechende Angebote seien fast immer unzulässig. Denn Nahrungsergänzungsmittel gelten als Lebensmittel und sind deshalb nicht dazu bestimmt, Krankheiten zu heilen oder zu verhindern.

Auch gefährliche Heilmittel werden angeboten

Nach Recherchen von Report Mainz kursieren im Internet außerdem viele Gerüchte über angebliche Heilmittel gegen Covid-19. Darunter sind auch Produkte, die von Experten als gefährlich eingestuft werden, etwa Chlordioxid. Das Gas entsteht, wenn die Chemikalie Natriumchlorit mit einer Säure gemischt wird.

Tabletten, Kapseln und Pillen in verschiedenen Farben liegen in einem Medikamenten-Behälter einer Apotheke. | Bildquelle: dpa
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Viele der Produkte sind nicht nur nutzlos, sondern sogar gefährlich.

Der Stoff wird beispielsweise als Bleichmittel oder zur Wasserdesinfektion verwendet. Seit Jahren wird Chlordioxid jedoch auch zur Nahrungsergänzung gegen jegliche Krankheiten empfohlen, etwa unter dem Namen CDL oder MMS. Es soll angeblich sogar Aids und Krebs besiegen. Gesundheitsbehörden auf der ganzen Welt warnten schon mehrfach vor schweren Nebenwirkungen. Einen therapeutischen Effekt gebe es hingegen nicht.

"Falsch und kriminell"

Auch Verbraucherschützer sehen im Zuge der Corona-Pandemie eine Zunahme unseriöser Angebote, falscher Versprechen und gefährlicher Produkte. "Es ist wirklich krass, was da im Internet an irreführender Werbung gemacht wird", sagt Angela Clausen von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Sie hat sich auf Nahrungsergänzungsmittel spezialisiert und informiert seit Jahren auf dem Portal "Klartext Nahrungsergänzung" über Sinn und Unsinn solcher Produkte.

Mit den Ängsten vor dem Coronavirus ein Geschäft zu machen, sei höchst unseriös. "Das ist einfach nur falsch und eigentlich gerade schon kriminell", so Clausen. Außerdem seien Verbraucher gefährdet.

Zu wenig Kontrolle

Seit Jahren kritisieren Clausen und ihr Team, der Markt für Nahrungsergänzungsmittel und ähnliche Produkte werde zu wenig kontrolliert, vor allem im Internet. Zuständig für die Kontrolle sind die Lebensmittelüberwachungen der Bundesländer. Ihnen fehle es oft an Personal, so die Verbraucherschützerin. In Zeiten von Corona werde das Problem zusätzlich verschärft.

Gegenüber Report Mainz teilte das Bundesministerium für Ernährung mit, dass man bereits vor einigen Wochen vor Nahrungsergänzungsmitteln mit unzulässigem Corona-Bezug gewarnt habe. Außerdem führe eine Fachstelle derzeit verstärkte Recherchen zu solchen Angeboten durch und fordere auf, entsprechende Produkte nicht mehr zu verkaufen.

Angebote bleiben online

Doch nach Recherchen des ARD-Politikmagazins bleiben viele Angebote mit eindeutigem Corona-Bezug über mehrere Wochen online. Die Verbraucherzentrale fordert deshalb, dass die Behörden schneller reagieren, vor allem jetzt, wenn viele Menschen aus Angst nach solchen Produkten suchen. "Wenn jemand mit Corona wirbt, ist das Irreführung und das muss vom Netz genommen werden", fordert Clausen. Außerdem müsse man große Plattformbetreiber wie Amazon, Ebay und Facebook gesetzlich haftbar machen können, wenn solche Angebote auf ihren Seiten zu finden sind.

Über dieses und andere Themen berichtet Report Mainz heute um 21.45 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichtete Report Mainz am 14. April 2020 um 21:45 Uhr im Ersten.

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