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Kriegsverbrechen in Syrien Video zeigt Massenerschießung durch Assad-Regime

Stand: 29.04.2022 11:18 Uhr

Ein bisher unbekanntes Video zeigt erstmals eine Massenerschießung durch Sicherheitskräfte des Assad-Regimes im Jahr 2013 in der Hauptstadt Damaskus - von den Tätern selbst gefilmt.

Von Eric Beres, SWR

Das Video, das offenbar aus syrischen Geheimdienstkreisen stammt und dem ARD-Politikmagazin Report Mainz zugespielt wurde, dokumentiert in sechs Minuten und 43 Sekunden insgesamt zehn Erschießungen. Zu sehen ist, wie Uniformierte mitten am Tag Menschen an eine in einer menschenleeren Straße ausgehobene Grube heranführen.

Eric Beres

Die Augen sind mit Klebefolie verbunden, Hände mit Kabelbindern gefesselt. Die Menschen werden in die Grube gestoßen und erschossen - teilweise werden sie aufgefordert zu springen und dann in der Luft erschossen. 

Routinierte Ausübung der Verbrechen

Forschende des niederländischen Instituts für Kriegs-, Holocaust- und Genozidstudien, NIOD, haben das Video über einen Zeitraum von insgesamt zwei Jahren untersucht. Sie gehen von dem Stadtteil Tadamon als Tatort aus. Die Erschießungen hätten in der Nähe einer Moschee und eines Hochzeitssaals stattgefunden, in einer Gegend, die zuvor vom Regime stark zerstört worden sei, sagt eine mit den Recherchen betraute Mitarbeiterin, die anonym bleiben will. 

Im Interview mit Report Mainz sagt Uğur Üngör, Professor am NIOD und Experte für Täterforschung: "Niemals zuvor haben wir Täter so klar bei der Ausübung ihrer Verbrechen gesehen. Sie nehmen die Opfer, sie erschießen die Opfer, sie machen Witze untereinander und führen überaus routiniert das Massaker an hilflosen Opfern aus."

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Uğur Üngör, Professor am NIOD und Experte für Täterforschung, hält das Assad-Regime für die in dem Video dokumentierten Verbrechen direkt verantwortlich. Bild: SWR

Forscher: Assad-Regime wollte Region "säubern"

Die in dem Video enthaltene Datumsangabe, den 16. April 2013, halte man auf Grundlage weiterer Recherchen, etwa Interviews mit Nichtregierungsorganisationen vor Ort, für zutreffend. Insgesamt zähle man mehr als 40 Opfer. Die Leichen von fünf Menschen hätten sie identifizieren können. Sie seien zuvor vermutlich an Check-Points oder in ihren Häusern festgenommen worden.

"Ich glaube, dieses Massaker wurde begangen, um die Grenzregion zwischen den Rebellen und dem Assad-Regime zu ‘säubern’," vermutet Üngör. Der Stadtteil Tadamon war nach Berichten von Medien und Aktivisten zwischen 2012 und 2013 sowohl von Seiten der Rebellen als auch seitens des Assad-Regimes umkämpft. 

  

Zwei mutmaßliche Täter identifiziert

Nach eigenen Angaben hat NIOD zwei Täter in dem Video identifiziert und mit einem der Täter direkt gesprochen. Demnach handelt es sich um einen Angehörigen der Abteilung 227 des syrischen Militärgeheimdienstes. Dieser Abteilung wird in zahlreichen Berichten von Menschrechtsorganisationen systematische Gewalt und Folter etwa in Gefängnissen vorgeworfen.

Der Mann ist in dem Video bei mehreren Erschießungen deutlich zu erkennen und besitzt auch einen Facebook-Auftritt. Persönliche Angaben und Gesichtsvergleiche hätten eindeutig gezeigt, dass es sich um ein und dieselbe Person handele, so die Forscher.

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Im Video ist zu sehen, wie Sicherheitskräfte des Assad-Regimes zehn Menschen erschießen. Bild: SWR

"Ich habe viele Menschen getötet, ich weiß nicht mehr, wie viele." 

Report Mainz konnte Gespräche und Videochats mit dem Mann auswerten. Darin berichtete er, dass er während des Kriegs, über mehrere Jahre, für eine bestimmte Front zuständig gewesen sei. Wörtlich sagte er: "Ich habe viele Menschen getötet. Ich weiß nicht mehr, wie viele." Konfrontiert mit dem Video, soll der Mann nicht abgestritten haben, die entsprechende Person auf den Bildern zu sein.

Ein mutmaßlicher Vorgesetzter und Oberst bezeichnete den Geheimdienstmitarbeiter in einem weiteren Videochat als "Helden". Wörtlich sagte er zudem: "Wir haben das Recht, die zu töten, die unser Land angreifen und zerstören. Warum bringt ihr mir die ins Gefängnis, um sie zu töten? Das kann ich doch gleich auf der Straße machen. Im Gefängnis muss ich ihnen eine Nummer geben, sie durchfüttern. So sind sie eine Belastung für den Staat."

"Täter sind das Assad-Regime"

Üngör hält das Assad-Regime für die in dem Video dokumentierten Verbrechen direkt verantwortlich, zumal Präsident Bashar Al-Assad die Leiter der Geheimdienste bestimme. "Es gibt mehrere Hierarchiestufen zwischen dem Hauptschützen und Präsident Assad persönlich", erklärt er. "Und es sind nicht viele. Zweifellos haben die Täter nicht nur eine Verbindung zu dem Assad-Regime, sie sind das Assad-Regime."

Er gehe davon aus, dass das Assad-Regime solche Verbrechen systematisch mit der Kamera festgehalten habe - als Beweismittel für vollzogene Erschießungen oder auch, um Beteiligte damit zu einem späteren Zeitpunkt erpressen zu können, so seine Vermutung.

Video als Beweismittel "phantastisch" 

Mehrere Wissenschaftler, denen Report Mainz das Video gezeigt hat, zeigen sich schockiert über die darin dokumentierten Massenerschießungen. Die Schweizerin Carla del Ponte, ehemalige Chefanklägerin am internationalen Strafgerichtshof in Den Haag und bis 2017 Mitglied einer UN-Untersuchungskommission zu den Verbrechen in Syrien, sagte, das Video habe sie nicht überrascht: "Das ist Alltag im Syrienkrieg, das ist unglaublich. Die [Täter] sind alle stolz, auf das was sie gemacht haben, darum filmen sie."

Als Beweismittel sei das Video "phantastisch" und könne eine "gute Grundlage" für eine Anklageschrift sein. "Für Syrien natürlich wäre es gut, wenn Deutschland ein Ermittlungsverfahren eröffnet", sagte del Ponte.

Carla del Ponte | SWR

Carla del Ponte, ehemalige Chefanklägerin am internationalen Strafgerichtshof in Den Haag und bis 2017 Mitglied einer UN-Untersuchungskommission zu den Verbrechen in Syrien, sieht das Video als wichtiges Beweismittel. Bild: SWR

Bundesanwaltschaft äußert sich nicht

Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe, die auf Basis des so genannten Weltrechtsprinzips bereits mehrere syrische Staatsbürger wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt hat, will sich auf Anfrage nicht dazu äußern, ob sie auf Grundlage des Videos ermittelt. In einer schriftlichen Stellungnahme heißt es, man informiere die Öffentlichkeit "regelmäßig nur im Falle von Festnahmen und Anklageerhebungen sowie umfangreichen Durchsuchungsmaßnahmen".

Das Auswärtige Amt schreibt auf Anfrage, mit Blick auf die Anwendung des Weltrechtsprinzips ermutige man andere Staaten, "in die gleiche Richtung zu gehen". Im UN-Menschenrechtsrat verhandele man derzeit über eine Verlängerung des Mandats der UN-Untersuchungskommission zu Syrien. Die syrische Botschaft in Berlin hat auf einen Fragenkatalog zu Massenerschießungen und zur Verantwortlichkeit des Präsidenten Assad nicht reagiert.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. Januar 2022 um 11:05 Uhr.