Ein junges Mädchen hält sich die Hände vor ihr Gesicht.
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Überlastete Jugendämter Kinder in Not

Stand: 23.01.2024 05:02 Uhr

Der Personalmangel in vielen Jugendämtern sorgt laut einer Umfrage von Report Mainz immer wieder für eine Gefährdung von Kindern und Jugendlichen. Oft fehlen auch geeignete Plätze, um Kinder in Not unterzubringen.

Von Aleksandra van de Pol und Gottlob Schober

Klara ist Sozialarbeiterin in einem Jugendamt in Berlin. Schon am zweiten Tag nach ihrem Urlaub wachse ihr die Arbeit wieder über den Kopf, erzählt sie. Die Sorge sei, dass man Familien, Kinder und Jugendliche aus dem Blick verliere. Es gebe nur noch selten Zeit für Hausbesuche.

"Kaum zu schaffen"

Stattdessen: Viel unbearbeitete Post, unzählige E-Mails und ständig klingelt das Telefon. Obwohl sie nur halbtags arbeitet, betreue sie mehr als 50 Fälle. Viel zu viele seien das, sagt Klara. Wenn Kollegen langfristig krank werden, müsse sich Klara mit deren Fällen beschäftigen. Die eigene Arbeit sei kaum zu schaffen.

In vielen Jugendämtern herrscht Personalmangel und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter leiden unter Überlastung. Das hat eine Umfrage des ARD-Politikmagazin Report Mainz bei den bundesweit knapp 600 Jugendämtern ergeben. Weit mehr als die Hälfte der Ämter haben geantwortet.

Rund 24 Prozent aller antwortenden Jugendämter, also fast jedes vierte, räumten anonym ein, dass es 2023 deshalb zu einer Gefährdung von Kindern beziehungsweise Jugendlichen gekommen sei.

"Keine Hilfe in absoluten Gefährdungslagen"

Für die Kinderschutzexpertin der Hochschule Koblenz, Kathinka Beckmann, ist das Ergebnis der Report Mainz-Umfrage besorgniserregend. "Das heißt, dass wir hier Kinder in absoluten Gefährdungslagen haben, denen gerade nicht geholfen wird, die zuhause vergewaltigt werden, die zuhause in Kellern gefangen gehalten werden, die mit Gürteln geschlagen werden", sagt Beckmann.

"Und wir haben hier also Fachkräfte, die das nicht sehen können, weil sie zum Beispiel gerade keine Hausbesuche durchführen", so die Wissenschaftlerin.  

Ein weiteres Ergebnis der Umfrage: 327 Jugendämter, also 80 Prozent der Antwortenden, teilten Report Mainz mit, dass Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes des Jugendamtes überlastet seien, zum Beispiel weil sie zu viele Fälle bearbeiten müssten oder der Krankenstand hoch sei. Nur rund 20 Prozent der Jugendämter sagen, sie hätten das Problem nicht.

Übernachtungen im Jugendamt

Auch falle es den Jugendämtern immer schwerer, Kinder in Not in geeigneten Inobhutnahmestellen unterzubringen. Rund 24 Prozent der antwortenden Jugendämter berichteten, dass Kinder 2023 aufgrund mangelnder Plätze in der Inobhutnahme in den Räumlichkeiten des Jugendamtes übernachten mussten, Kinder sogar Privatpersonen anvertraut würden oder Mitarbeiter des Jugendamtes Kinder mit nach Hause nehmen mussten.

Kinderschutzexpertin Beckmann sieht auch diese Entwicklung kritisch. "Dass jetzt Mitarbeitenden zugemutet wird, Kinder einfach in die eigenen privaten vier Wände mitzunehmen, ist unhaltbar. Es würde auch niemand von einem Arzt verlangen, den Frischoperierten jetzt mit nach Hause zu nehmen, weil kein Bett mehr im Krankenhaus frei ist“, so die Wissenschaftlerin. 

Auf Anfrage wollte das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) zu den Zahlen konkret keine Stellung nehmen.

Dem Ministerium "sehr bewusst"

Ein Ministeriumssprecher teilte dem ARD-Politikmagazin mit: "Die gegenwärtige Situation der Jugendämter - insbesondere der Allgemeinen Sozialdienste (ASD) wie auch der Kinder- und Jugendhilfe insgesamt - ist dem BMFSFJ sehr bewusst."

Und weiter: "Das BMFSFJ sieht insbesondere bei der Fachkräftesicherung in der Kinder- und Jugendhilfe eine zentrale Herausforderung und steht dazu im Rahmen seiner Zuständigkeit in engem Kontakt mit den Ländern".

Mehr zu diesem und anderen Themen sehen Sie heute um 21:45 Uhr beim Report Mainz im Ersten.