Demonstration gegen die Corona-Beschränkungen in Oberwiesenthal | picture alliance / Fotostand
Exklusiv

Corona-Impfgegner Warnung vor "Guerilla-Aktionen"

Stand: 09.02.2021 15:49 Uhr

Aktivisten versuchen, Menschen mit Falschbehauptungen über die Corona-Impfung zu verunsichern. Der Konfliktforscher Zick warnt gegenüber Report Mainz vor dezentralen Aktionen, deren Gefahrenpotenzial nicht unterschätzt werden sollte.

Von Christian Saathoff und Aleksandra van de Pol, SWR

Es sind nur rund ein Dutzend Demonstranten, die sich vor einigen Wochen mit Transparenten und Lautsprechern vor dem Seniorenheim Melanchthonhaus in Schwäbisch Gmünd versammelt haben, doch ihre Botschaft an die Bewohner der Einrichtung ist laut und deutlich. Der Corona-Impfstoff sei hochriskant, behauptet der Wortführer: "Die Nebenwirkungen können erheblich sein." Geimpfte könnten Schäden erleiden, die nicht mehr reparabel seien.

Christian Saathoff

Mobile Impfteams würden die Seniorinnen und Senioren mit der Impfung überrumpeln - den Demonstranten gehe es darum, die Bewohner über Gefahren bei der Corona-Impfung aufzuklären: "Wir stehen hier für Sie, um Sie zu informieren. Die Regierung macht das nicht. Die will Ihnen nur Angst einjagen."

Protest-Aktionen gegen Corona-Impfung

Es ist nicht die einzige Aktion gegen die Corona-Impfung. In den vergangenen Wochen wurden Impfzentren oder Wegweiser dorthin beschädigt und beschmiert, etwa in der Nähe von Zwickau mit der Aufschrift "Gift", bundesweit werden Flyer verteilt, die Corona verharmlosen und Zweifel an der Corona-Impfung wecken sollen. Auf Kundgebungen, Mahnwachen und mit Autokorsos warnen Impfgegner vor einer angeblichen "Zwangsimpfung" und verbreiten Falschbehauptungen über die Corona-Impfstoffe.

Vor rund zwei Wochen dringt eine kleine Gruppe von Impfgegnern in den Vorgarten des rheinland-pfälzischen Innenministers Roger Lewentz ein, und verteilt Flyer und Grabkerzen vor seiner Haustür. Lewentz sagte gegenüber dem SWR, die Aktion habe ihn und seine Familie erschreckt. Eine derart organisierte Aktion gegen ihn habe er noch nie erlebt.

Konfliktforscher machen Guerilla-Aktionen Sorge

Lokale, dezentrale Impfgegner-Aktionen wie diese bezeichnet der Konfliktforscher Andreas Zick von der Universität Bielefeld als Guerilla-Aktionen, deren Gefahrenpotential nicht zu unterschätzen sei: "Wir haben gesehen, dass zu dieser Guerillataktik auch etwas gehörte, was wir wiederum aus dem Rechtsextremismus kennen, nämlich den Kampf um Räume. Also die ersten Demonstrationen haben deutlich immer wieder lokal den Raum besetzt. Es ist aktionsorientiert, das befördert den Zusammenhalt der Gruppen", so Zick gegenüber Report Mainz.

Professor Andreas Zick | Screenshot BR

Konfliktforscher Andreas Zick sieht beim Vorgehen von Impfgegnern Parallelen zur Taktik von Rechtsextremen. Bild: Screenshot BR

Impfgegner instrumentalisieren Impfpflicht-Debatte

Nicht zuletzt durch die Debatte über eine mögliche Impfpflicht, etwa für Mitarbeitende in medizinischen Berufen, oder über die Lockerung der aktuellen Corona-Beschränkungen für Geimpfte, sehen sich Impfgegner bestätigt. In Chatgruppen werden Aussagen von Politikern als vermeintlicher Beleg für eine angebliche "Zwangsimpfung durch die Hintertür" gesehen und vor dem Hintergrund kursierender Verschwörungstheorien geteilt.

Auch Vergleiche, die den Holocaust verharmlosen, werden dabei gezogen, bei denen eine angebliche "indirekte Impfpflicht" mit der Judenverfolgung der Nationalsozialisten gleichgesetzt wird. Ein Telegram-User schreibt über in einer impfkritischen Chatgruppe: "Kann man gleich Auschwitz wieder aufmachen."

Hetzattacken auch gegen Hausärzte

Auch vor Attacken auf Privatpersonen schrecken manche Impfgegner nicht zurück. Einen regelrechten Shitstorm von Impfgegnern erlebte der Arzt Christian Kröner aus Neu-Ulm. Im Dezember ging ein Zettel des Mediziners im Internet viral, der ursprünglich nur als Aushang in seiner Praxis gedacht war und gängige Vorbehalte gegen die Impfung entkräften sollte.

Verschwörungstheorien erteilte der Arzt mit dem Zettel ebenfalls eine eindeutige Absage - neben viel Zuspruch von Kollegen, Patienten und Wissenschaftlern brachte das auch Impfgegner auf den Plan. Ihn erreichte eine Vielzahl an Hassbotschaften und Drohungen, berichtet Kröner im Interview mit Report Mainz: "Man hat mir angedroht, die Praxis anzuzünden. Man hat gesagt, ich bin ein Mörder, ein Hochverräter, wie ich sowas empfehlen kann."

Der Großteil der Rückmeldungen auf seinen Aushang sei aber positiv gewesen, betont Kröner. Der Bedarf an Aufklärung sei da. Dem Hausarzt ist bewusst, dass er radikale Impfgegner nicht mit Aufklärung erreichen kann - sein Zettel sei vor allem an die noch Zweifelnden gerichtet gewesen. Von der Politik wünscht sich der Hausarzt eine breit angelegte Aufklärungskampagne. Die Corona-Impfung sei von der Regierung nicht gut kommuniziert worden.

Informationskampagne der Bundesregierung

Auf Anfrage von Report Mainz verweist das Bundesgesundheitsministerium auf seine Kampagne "Deutschland krempelt die #Ärmel hoch". Diese sei in zwei Phasen unterteilt: "Die ersten Phase, in der noch nicht Impfstoff für alle zur Verfügung steht, nimmt die Menschen in den Blick, die (…) zuerst geimpft werden. Die zweite Phase startet, wenn Impfstoff für die gesamte Bevölkerung vorhanden ist."

Wegen anhaltender Lieferproblemen mit dem Impfstoff wird es also vermutlich noch dauern, bis die zweite Phase beginnt. Zeit, die schon jetzt für eine intensive Aufklärung über die Impfung genutzt werden könnte, die die Politik allerdings verstreichen lässt - und die Impfgegner nutzen, um weiter Stimmung gegen die Corona-Impfung zu machen.

Konfliktforscher Andreas Zick warnt: "Wenn der Anteil der Impfgegner durch Radikalisierungsprozesses es schafft, noch mehr Menschen davon abzuhalten, sich impfen zu lassen, dann haben wir eine enorm große Herausforderung. Wir haben politische Gruppierung, die werden alles versuchen, daraus Kapital zu schlagen."

Über dieses Thema berichtete die ARD in der Sendung "Report Mainz" am 09. Februar 2021 um 21:45 Uhr.