Spritzen liegen neben einer Ampulle mit dem Impfstoff von AstraZeneca. | EPA
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Vordrängler beim Impfen Tricksen für die Spritze

Stand: 10.05.2021 13:03 Uhr

Ärzte und Impfzentren haben Probleme mit Impfdränglern. Weil Geimpfte jetzt mehr Rechte haben sollen, könnte das Problem noch größer werden, warnen Experten in Report Mainz.

Von Claudia Butter und Sara Rainer-Esderts, SWR

Arztpraxen und Impfzentren - sie werden überrannt von Menschen, die sich mit allen Mitteln impfen lassen wollen. Das zeigen Recherchen des ARD-Politikmagazins Report Mainz. "Es ist schon interessant, was sich die Leute alles einfallen lassen. Es kann passieren, dass falsche Altersangaben gemacht werden, plötzlich haben alle einen ganz besonders relevanten Beruf in der kritischen Infrastruktur oder pflegen einen Nachbarn", erzählt beispielsweise der Impfkoordinator des Landkreises Neuwied, Werner Böcking.

Etwa 70 Personen muss er in der Woche wieder nach Hause schicken, weil sie noch nicht berechtigt sind. Viele reagierten dann aggressiv: "Wir müssen uns vieles anhören. Die Leute beschimpfen uns, teilweise auch persönlich. Es ist eine riesige Belastung." Weil Geimpfte jetzt mehr Rechte haben, befürchtet er, dass sogar noch mehr Leute versuchen werden sich vorzudrängeln.

Hohe Zahl und Dunkelziffer an Impfvordränglern

Nicht alle Impfzentren in Deutschland erfassen Zahlen zu Impfvordränglern. Auf Report Mainz-Nachfrage bei den Impfzentren der Landeshauptstädte liefern einige aber zumindest Anhaltspunkte: Im Hamburger Impfzentrum wurden zuletzt 2000 Vordrängler in einer Woche erwischt. In Saarbrücken sind es bis zu 140 Vordrängler in der Woche, in München bis zu 350.

Die Impfzentren können nicht jedem Impfvordrängler auf die Spur kommen. Report Mainz-Recherchen zeigen, dass die Regelung, sich als Kontaktperson von Pflegebedürftigen oder Schwangeren impfen zu lassen, ein Einfallstor für Impfvordrängler ist. Eigentlich kann eine Schwangere oder ein Pflegebedürftiger nur zwei Kontaktpersonen benennen, die dann eine Impfung erhalten.

In einem Report Mainz bekannten Fall schafften es aber statt zwei sogar acht junge und gesunde Leute, sich als Kontaktpersonen impfen zu lassen: "Im Impfzentrum hat keiner nach den Dokumenten gefragt", erklären sie. Fehlende Kontrollen bestätigen auch andere Impflinge. Der Name der schwangeren oder pflegebedürftigen Person werde nicht erfasst. Auf Anfrage von Report Mainz erklären die meisten Bundesländer dazu, eine absolute Kontrolle sei nicht möglich, man vertraue auf wahrheitsgemäße Angaben.

Arztpraxen bestätigen Vordrängler-Phänomen

Auch in der Arztpraxis von Gabriele Müller in Göttingen lügen manche, um schneller geimpft zu werden. Andere Patienten bringen einfach Post vom Landesgesundheitsministerium mit: Briefe, in denen steht, sie seien ab sofort impfberechtigt. Eigentlich sollten sie an vorerkrankte Leute verschickt werden, aber in der Praxis von Gabriele Müller tauchen auch junge und völlig gesunde Menschen damit auf. Dabei reicht ihr Impfstoff nicht einmal für die Risikopatienten.

Inzwischen ist die Ärztin von den Schreiben der Politik nur noch genervt: "Die Leute verstehen nicht, dass ich sie wieder wegschicken muss und konfrontieren mich mit Frustration und Aggression." Gegenüber Report Mainz spricht das niedersächsische Gesundheitsministerium von Einzelfällen und bittet die Personen herzlich "mit der Impfanmeldung noch ein wenig zu warten". 

STIKO rät dazu, Priorisierung beizubehalten

Schummeln, Drängeln, Lügen - viele wollen geimpft werden, mit wachsender Ungeduld. Und nun kündigt die Politik auch noch das Ende der Impfreihenfolge für spätestens Juni an. Dann konkurrieren noch mehr Menschen um einen Impftermin. Laut Ständiger Impfkommission (STIKO) haben aber noch nicht alle Menschen mit einem hohen Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf ein Impfangebot erhalten.

Der Vorsitzende der STIKO, Thomas Mertens, rät deshalb an der Priorisierung zunächst festzuhalten: "Als STIKO und mithilfe der RKI-Impfdaten haben wir berechnet, dass es noch ungefähr zehn Millionen Menschen gibt, die priorisiert sind und die kein Impfangebot erhalten haben. Leider Gottes ist aber auch das Problem der Impfung gegen Covid-19 mittlerweile Gegenstand der politischen Auseinandersetzung und vielleicht sogar zum Wahlkampfthema geworden. Das tut aus meiner Sicht den Dingen, der sachlichen Beurteilung nichts Gutes." 

Ethikrat-Mitglied sieht Populismus

Ähnlich argumentiert auch Franz-Josef Bormann, Moraltheologe an der Universität Tübingen und Mitglied im Ethikrat: "Zu erwarten ist, dass sobald der Startschuss fällt, der große Run auf die Arztpraxen erfolgt. Und ich finde es nicht richtig, dass man die Organisationslast jetzt einfach den Arztpraxen aufdrückt. Es gibt eine neue Knappheitssituation und das führt zu Frustrationen, zu Ärger und wachsender Ungeduld." Man merke deutlich: Es sei Wahlkampf, "und jeder versucht sich durch solche Ankündigungen beim Volk beliebt zu machen. Also, das ist meiner Meinung nach reiner Populismus."

Bereits die Aufhebung der Impfreihenfolge bei AstraZeneca hatte in Freiburg am vergangenen Wochenende zu langen Schlangen vor dem Impfzentrum geführt.

Über dieses Thema berichtete Report Mainz am 11. Mai 2021 um 21:45 Uhr.

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Moderation 10.05.2021 • 17:54 Uhr

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