Helfer des THW bei Aufräumarbeiten im rheinland-pfälzischen Ahrweiler nach der Flutkatastrophe. | dpa
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Flutkatastrophe Scharfe Kritik am Krisenmanagement

Stand: 03.08.2021 18:03 Uhr

Nach der Flutkatastrophe im rheinland-pfälzischen Kreis Ahrweiler mehrt sich der Frust. Vor Ort erheben private Helfer und Amtsträger in Interviews mit Report Mainz schwere Kritik an Krisenmanagement und Kommunikation.

Von Niklas Maurer, Sara Rainer- Esderts und Christian Stracke, SWR 

"Hilfe hat in den ersten Tagen gar nicht stattgefunden", sagt Michael Lang aus dem rheinland-pfälzischen Bad Neuenahr-Ahrweiler. Er ist Betroffener der verheerenden Flutkatastrophe Mitte Juli: "Man war mit dem Schaden, den man hatte, auf sich allein gestellt", macht er seinem Ärger im ARD-Politikmagazin Report Mainz Luft. Unterstützung von offiziellen Hilfsorganisationen wie Feuerwehr oder THW habe er in der Zeit nicht bekommen, sagt er.

Dafür kamen zahlreiche Handwerker, Bauunternehmer und Landwirte aus ganz Deutschland in die Region, um zu helfen. Einer von ihnen ist Markus Wipperfürth. Der Agrarunternehmer aus der Nähe von Köln beklagt sich im Interview mit Report Mainz, auch er hätte Unterstützung von mehr offiziellen Helfern seitens THW und Feuerwehr gebrauchen können. Straßen seien mit Holz, Autos, Gasflaschen drei Meter hoch vollgeschwemmt gewesen.

Auch Leichen hätten die vielen privaten Helfer gefunden: "Uns wurde dann nur gesagt, wenn ihr eine Leiche findet, dann ruft die Polizei an, die kommen dann raus. Dann waren wir fünf Tage auf uns allein gestellt." Erst danach habe er den ersten Rettungssanitäter gesehen.

Benötigte Hilfe kommt nicht an

Alleingelassen fühlt sich neun Tage nach der Katastrophe auch die Bürgermeisterin der Verbandsgemeinde Altenahr, Caroline Weigand. Sie steht vor einem riesigen, grünen See. Hier war eine Straße. Jetzt fließt hier eine Mischung von Ahr- und Abwasser. Die Verbandsbürgermeisterin von insgesamt zwölf Gemeinden im Hochwassergebiet hat noch immer nicht alle zerstörten Orte gesehen. Im rund 500-Seelen-Dorf Rech gebe es zu diesem Zeitpunkt keinen Strom, kein fließendes Wasser, keine Kanalisation. Und es drohe Seuchengefahr: "Wir haben keine Kanalsysteme. Wir haben nicht genug Dixi-Toiletten. Die Dixis werden nicht ausgepumpt. Wir haben auch nicht genug Brauchwasser, um mal vernünftig Hände waschen zu können."

Trotzdem kämen die von ihr bestellten Hilfsgüter und dringend benötigte Unterstützung tagelang nicht dort an, wo sie gebraucht würden. Schon vor Tagen habe sie beispielsweise mobile Toiletten angefordert. "Es scheint ein massives Kommunikationsproblem zu geben. Wir wissen nicht, woran es liegt, denn technisch funktioniert die Kommunikation. Warum oben nichts ankommt, weiß ich nicht."  

Die Kritik richtet sich gegen die für die Krisenbewältigung in Rheinland-Pfalz zuständige Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD). Präsident Thomas Linnertz erklärt im Interview mit Report Mainz, es könne durchaus passieren, dass mal etwas verloren ginge: "Wir haben so viele Kräfte im Einsatz, sodass in der technischen Einsatzleitung natürlich Hunderte und Tausende von Anfragen ankommen." Man werde aber von Tag zu Tag besser, so Linnertz.  

Feuerwehrleiter kritisiert Mängel in der Kommunikation

Kritik an Kommunikation und Organisation des Krisenstabs kommt selbst Helfer aus den eigenen Reihen von THW und Feuerwehr. Mehr als 700 Einsatzkräfte mit rund 150 Fahrzeugen aus Schleswig-Holstein mussten rund eine Woche nach der Katastrophe mehrere Tage ohne Einsatz im Krisengebiet auf einem Parkplatz im rheinland-pfälzischen Windhagen warten. Von dort aus sei die komplette Einheit samt Fahrzeugen erst zum 90 Kilometer entfernten Hilfszentrum am Nürburgring geschickt worden - und am gleichen Tag wieder zurück nach Windhagen.

Alle hier seien sehr frustriert, erklärt Stefan Hellmich von der Feuerwehr Pinneberg im Interview mit Report Mainz: "Für den einfachen Feuerwehrmann ist es natürlich erst mal unverständlich, warum wir zwei- oder dreimal hin und her verlegt werden. Das ist natürlich sehr unbefriedigend, weil man helfen möchte. Alle sind hier verärgert."

Führungsstruktur fehlte am Anfang

Christian Füllert, Leiter der Feuerwehren im rheinlandpfälzischen Winnweiler, wirkt äußerlich gefasst, hochkonzentriert, als er seinen nächsten Einsatz im Katastrophengebiet vorbereitet. Innerlich sehe das jedoch anders aus. Er sei frustriert, erzählt er. Der 44-Jährige ist seit Beginn der Flutkatastrophe im Hochwassergebiet tätig. Unter seinem Kommando stehen bis zu 70 Einsatzkräfte.

Im Interview mit Report Mainz erhebt er schwere Vorwürfe. Die Krisenkommunikation habe vor allem am Anfang versagt: "Es gab kein Lagebild, keine Kräfteübersicht, keine Führungs- oder Kommunikationsstruktur. Am Unglücksort dringend benötigte Einsatzkräfte oder Fahrzeuge seien teilweise verspätet oder gar nicht erst angekommen, kritisiert Füllert: "Es war so, dass dann Einheiten, teilweise 300 bis 400 Mann stark, im Bereitstellungsraum standen und nicht zeitgerecht abgerufen wurden, teilweise über Tage bis zu einer Woche. Das hat für starke Frustration gesorgt."

Bei einer Pressekonferenz vor vier Tagen nimmt der Rheinland-Pfälzische Innenminister Roger Lewentz zu den Vorwürfen Stellung: "Es gibt Einzelbeispiele, für die ich mich auch schon entschuldigt habe. Es tut mir leid, wenn ich eine Feuerwehr aus Rheinland-Pfalz oder von sonst wo sehe, die hier hinkommen, helfen wollen und dann das Gefühl haben, es läuft nicht koordiniert genug. Aber ich sehe auch, wie viel Hilfe koordiniert läuft." Insgesamt werde hier eine so große Hilfe organisiert, dass es sich sehen lassen könne, so Minister Lewentz. 

Zentralisierter Katastrophenschutz gefordert

Der Katastrophenforscher Wolf Dombrowsky hält hingegen die kritisierten Fehler bei der Kommunikation und Organisation für ein bundesweites Problem: "Deutschland ist ein föderales System, und Katastrophenschutz ist Ländersache. In Anbetracht dieser länderübergreifenden Lage wird deutlich, dass wir einen zentralisierten Katastrophenschutz brauchen - mit klaren Strukturen und mit klaren Weisungen. Denn so, wie der Katastrophenschutz jetzt ist, taugt er nichts."

In einem offenen Brief hat sich die Verbandsgemeinde Altenahr hilfesuchend an Bund und Land gewendet. Die Betroffenen fordern mehr Geld und eine Perspektive für das Ahrtal. Eine der Unterzeichnerinnen ist Bürgermeisterin Cornelia Weigand.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 03. August 2021 um 17:00 Uhr.