Eine Luftaufnahme zeigt eine beschädigte Eisenbahnbrücke in Rech im Kreis Ahrweiler. | EPA
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Flut in Rheinland-Pfalz Gefährliches Müll-Chaos an der Ahr?

Stand: 25.08.2021 02:50 Uhr

Viele Menschen im Kreis Ahrweiler leiden immer noch unter den Auswirkungen der Flutkatastrophe. Tonnenweise liegt dort noch Schwemmgut. Es geht nur schleppend voran. Und völlig unklar ist, ob der Dreck der Gesundheit schadet.

Von Niklas Maurer, SWR

Mario Frings steht vor den rauchenden Resten seines Campingplatzes im nordrhein-westfälischen Blankenheim. Daneben erstreckt sich ein planiertes Feld, dort wo früher Campingwagen standen. Der Platz direkt an der Ahr sei international beliebt gewesen, bevor der kleine Bach zur reißenden Flut wurde, erzählt Frings. Die Wassermassen hätten 50 Jahre Familientradition in nur sechs Stunden vernichtet: "Mir tut das ziemlich weh. Wir betreiben drei Campingplätze mit der Familie Frings und zwei sind komplett Totalschaden." Dadurch fehlten der Familie 60 Prozent der Einnahmen.

In Nordrhein-Westfalen war der Müll schnell weg

Mittlerweile sehe es in Nordrhein-Westfalen wieder besser aus. Der Müll und das ganze Schwemmgut seien weggeschafft. Nicht so auf seinem Campingplatz in Rheinland-Pfalz. Nach über fünf Wochen liegen hier noch immer tonnenweise Müll, Schrott und Schwemmgut. Freiwillige Helfer haben zwar alles auf große Haufen geschoben. Doch wegfahren konnten sie es laut Frings größtenteils nicht. Der Bürgermeister habe ihm keine ausreichend großen Zwischen-Deponien in der Nähe zur Verfügung gestellt: "Solange es hier noch liegt, können wir die Infrastruktur nicht prüfen und vorher geht es auch nicht weiter", sagt er.

Frings fragt sich, warum es nicht vorangeht. Der Bürgermeister antwortet auf Anfrage von Report Mainz, dass es zu wenige Flächen gäbe. Man habe Zwischendeponien in Absprache mit den privaten Eigentümern geschaffen. Aber "persönliche Interessen von Einzelnen, die nicht im Sinne des Gemeinwohls sind, werden nachrangig eingestuft." Außerdem seien Zwischendeponien eigentlich Sache des Kreises. Dieser verweist auf die schier unendlichen Mengen an Müll, die weggeschafft werden müssten.

Aber man habe schon einiges abtransportiert. Und es gebe nun ein Entsorgungskonzept für den Bauschutt, der in immer größeren Mengen hinzukomme, sagt Horst Gies, erster Beigeordneter der Kreisverwaltung Ahrweiler. "Ich kann die Menschen nur darauf verweisen, dass es Müll ist, der sonst in 25 Jahren anfällt. Und den schaffen wir einfach nicht. Selbst mit viel Hilfe innerhalb von vier oder fünf Wochen. So traurig das ist. Aber da wird wirklich alles an Energie reingesetzt", sagt Gies.

Eine Luftaufnahme zeigt zerstörtes Gebiet in Altenahr im Kreis Ahrweiler. | EPA

Die Flutschäden sind auch Wochen nach der Katastrophe zu sehen - hier die Luftaufnahme eines zerstörten Gebiets in Altenahr im Kreis Ahrweiler. Bild: EPA

Müll sorgt für psychische Belastungen

Gerade für ältere Menschen wird der viele Müll zum Problem. Insbesondere wenn dieser über längere Zeit nicht abtransportiert wird. So geht es zum Beispiel Inge aus Bad Neuenahr-Ahrweiler. Täglich kämpft sie sich mit ihrem Rollator durch den Schutt und an schwerem Gerät vorbei. Ihr Ziel: eine privat organisierte Essensausgabe, da sie nach fünf Wochen noch immer keinen Strom zu Hause hat: "Das ist kein Leben mehr. Manchmal möchte man morgens gar nicht aufstehen, wenn du den Müll da siehst. Berge von Müll. Dann gehe ich zur Küche, da ist ein Baum. Dann sehe ich mal etwas anderes."

Die psychische Belastung sei immens, erzählt die Notfallseelsorgerin Gabriele Merten, die seit Wochen im Gebiet unterwegs ist: "Man muss einfach sagen, dass dieses simple Thema Schutt, Abfall, Müll wie ein Amboss auf den Schultern lastet." Ihr Kollege Christoph Schomer pflichtet ihr bei. Es komme sogar zu Streitigkeiten und körperlichen Attacken, weil bei den Menschen die Nerven bloßliegen.

Gesundheitsgefahren durch Müll und Staub?

Der Müll drückt nicht nur auf die Psyche. Zahlreiche Anwohner und Helfer berichten von Hautausschlägen und Husten. Auch Wilhelm Hartmann beschwert sich über den Staub. Der Unternehmer aus Fulda ist Helfer der ersten Stunde. Hunderte Freiwillige mit Maschinen hat er mitorganisiert und ins Ahrtal gerufen.

Nun fühle er sich verantwortlich. Ihn belaste nicht nur der Staub, sondern auch die Ungewissheit, dass es "von offizieller Stelle bisher noch keine Werte" gebe, was konkret überall enthalten sei. Auf Anfrage von Report Mainz teilt das Umweltministerium von Rheinland-Pfalz mit, dass ein Boden-Untersuchungsprogramm in Kürze in Umsetzung gehen soll. Der Krisenstab vor Ort kann gesundheitliche Risiken nicht ausschließen.

Die Behörde empfiehlt daher Helfern und Anwohnern das Tragen von Masken und Handschuhen. Aber es gebe aktuell keine Erkenntnisse über Gesundheitsgefahren. Die Kreisverwaltung hingegen wünscht sich mehr Aufklärung. Im Interview sagt Horst Gies von der Kreisverwaltung Ahrweiler: "Es wäre sicherlich wünschenswert, wenn man jetzt flächendeckend entsprechende Untersuchungen macht, um sicherzugehen und zu wissen, wie die Kontamination ist. Es wird Bereiche geben, wo wahrscheinlich auch Werte überstiegen werden."

Wilhelm Hartmann, der freiwillige Helfer aus Fulda, nimmt mittlerweile selbst Bodenproben. Die ersten Ergebnisse zeigen erhöhte Werte für Öl, Benzin und Blei. Nur eine erste Stichprobe. Diese zeige ihm aber, dass die Behörden das Müllchaos unbedingt in den Griff bekommen müssen.

Über dieses Thema berichtete Report Mainz am 24. August 2021 um 21:45 Uhr sowie die tagesschau am 25. August 2021 um 09:00 Uhr.