Netz mit gefangenen Meerestieren | SOKO Tierschutz
Exklusiv

Meeresfische in der EU Gefangen, verendet, weggeworfen

Stand: 14.12.2021 14:07 Uhr

Verwüstete Meeresböden, gestörte Ökosysteme, als "Beifang" verendete Tiere - Recherchen von Report Mainz zeigen: Tierschutz beim Fischfang spielt so gut wie keine Rolle.

Von Edgar Verheyen, SWR

München - Viktualienmarkt: Die Auslagen in den Fisch-Delikatessgeschäften sehen auch in diesem Weihnachtsgeschäft wieder sehr gut aus. Rotbarben, frisch gefangen aus dem Ärmelkanal sind im Angebot, daneben Wolfsbarsch, Hummer und Flügel von einem Rochen. Dem Gourmet läuft das Wasser im Mund zusammen.

Doch woher kommen diese Fische genau, wie wurden sie gefangen? Eine Aktivistin der Tierrechtsgruppe SOKO Tierschutz ist dem nachgegangen. Anfang November fährt sie in die Normandie und schafft es, einen Schiffseigner davon zu überzeugen, sie mitsamt ihrer Kameraausrüstung auf einem Trawler mitzunehmen.

Tintenfisch auf einer Auslage. | SOKO Tierschutz

Nur wenige der Meerestiere landen tatsächlich in den
Auslagen. Bild: SOKO Tierschutz

Beifang gefährdet das Ökosystem Meer

Fünf Tage ist die Aktivistin im Ärmelkanal und der Nordsee unterwegs. Im Drei-Stunden-Rhythmus wird gefischt. Man wolle Seezungen rausholen, erzählen ihr die Seeleute. Doch schon bald wird klar: die Netze, die reingeholt werden, sind voll mit jungen Haien, Rochen, Schollen und vielen Krustentieren. Etliche Fische sind auch viel zu klein, um später verkauft zu werden. Beifang nennt man das - und der ist groß.

Im Interview mit Report Mainz erzählt die Aktivistin: "Sie fischen, so viel sie können. Bei unserer Fahrt haben sie zehn Tonnen Fisch rausgeholt, der marktfähig war. Zehn Tonnen vermarktungsfähiger Fisch, das heißt, sie haben viel mehr rausgeholt, was keinen Wert hatte."

Nur ein Bruchteil wird verwertet

Doch wieviel ist das "mehr" an Beifang, das aus dem Meer rausgeholt wird? Report Mainz zieht deshalb eine Fischereiexpertin zu Rate: Iris Ziegler von der Organisation Sharkproject. Die Gruppe beobachtet das Schicksal von Haien, Rochen und dem sogenannten Beifang seit Jahren und sieht diese Entwicklung äußerst kritisch.

"Tatsächlich ist, dass gerade der Beifang bei dieser Fischerei oftmals die Hauptmasse des Fangs ist. Nur - man will ihn nicht, weil er wertlos ist. Und für was? Für eine Scholle? Eine Seezunge, die wir dann am Schluss auf unserem Teller haben", sagt sie. "Aber wenn man sich diese Massen anschaut, dann können sie abschätzen, wie viel jeden Tag aus unseren Meeren sinnlos an Leben rausgeholt wird. Und das fehlt dem Ökosystem."

Netz mit gefangenen Fischen.  | SOKO Tierschutz

Bei der Grundschleppnetzfischerei werden so viele Tiere gefangen wie möglich, aber oft nur wenige wirklich verwertet. Bild: SOKO Tierschutz

 Grundschleppnetzfischen führt zu Problemen

Die Meerestiere werden mit einer bestimmten Fangmethode aus dem Meer geholt. Es ist die sogenannte Grundschleppnetzfischerei. Das Netz wird dabei bis auf den Meeresgrund heruntergelassen und dann hinter dem Boot hergezogen. Das Netz fängt alles ein, was sich auf dem Meeresboden befindet. Der wird dabei regelrecht umgepflügt.

Was bleibt, ist eine Spur der Verwüstung und es wird alles gefangen, was ins Netz kommt. Darunter befinden sich vom Aussterben bedrohte Arten ebenso wie viel zu kleine Fische. Auch die Brut wird mitgefangen. Landen diese Tiere erst einmal an Bord, werden sie aussortiert, verenden und werden als tote Masse ins Meer zurückgeworfen. Skarkproject schätzt, dass etwa die zehnfache Menge an Beifang herausgeholt wird, im Vergleich zu dem Fisch, den man verkaufen kann.

EU verweist auf Bestimmungen

Report Mainz hat mit diesem Problem auch das zuständige EU-Kommissariat für Umwelt und Fischerei konfrontiert. Doch dessen Pressestelle verweist lediglich auf die Regelungen in der Fischereiverordnung. Darin sind die Fangquoten geregelt und - weil die Trawler immer mehr Fisch aus den Meeren herausholen, als sie schließlich anlanden und verkaufen, hat sie eine Anlandeverpflichtung in die Verordnung eingefügt. Damit ist klar: Fischtrawler müssen alles anlanden, was sie fangen.

"Bezüglich dieser sogenannten Anlandeverpflichtung müssen die Mitgliedstaaten ihr Möglichstes tun, um unerwünschte Fänge zu reduzieren. Sie besteht aber erst seit dem 1. Januar 2019. Es ist daher noch zu früh, um die Wirksamkeit dieser Maßnahme zu beurteilen," heißt es in der Stellungnahme des EU-Kommissariats.

Mangelhafte Kontrollen

Doch schon heute greife diese Vorschrift nicht, stellt der deutsche Abgeordnete Martin Häusling fest. Er ist ein Kritiker der EU-Fischereipolitik. "Es wird nicht überwacht, es wird nicht umgesetzt," sagt er im Interview mit Report Mainz. "Wir brauchen ein Kontrollsystem auf den Schiffen. Also warum haben wir keine Kameras auf den Schiffen? Warum haben wir auf größeren Schiffen auch keine Kontrolleure, die da mitfahren? Das wird von der Fischerei-Industrie nach wie vor torpediert, und das kann eigentlich die Europäische Union nicht akzeptieren."

Keine Tierwohl-Bestimmungen zum Schutz der Fische

Der Aktivistin der Tierrechtsgruppe SOKO Tierschutz gelingt es schließlich auch zu filmen, wie die Fische nach dem Fang verarbeitet werden. Über ein Förderband werden sie in einen Raum transportiert, in dem die Meerestiere geschlachtet werden. Aufnahmen, die die Aktivistin hier gedreht hat, zeigen, wie etwa ein noch lebender Rochen oder ein junger Hai noch lebend aufgeschlitzt und ausgenommen werden.

Keine Verbesserung zu erwarten

Für Friedrich Mülln von SOKO Tierschutz, der das gesamte Bildmaterial ausgewertet hat, ist dies Alltag in der Fischerei. Tiere würden ohne Betäubung aufgeschlitzt und ohne Betäubung die Innereien herausgerissen. Danach würden die Tiere teilweise noch erheblich länger leben. Für Mülln ist das eine "unfassbare Schande für die Europäische Union."

Das zuständige EU-Kommissariat, damit konfrontiert, erklärt:

Über den Tierschutz beim Fischfang können wir nicht allzu viel sagen. Denn der ist auf EU-Ebene nicht geregelt. Allerdings haben wir den Tierschutz in diesem Bereich als Schlüsselbereich für die Zukunft erkannt. Wir müssen vor allem auch im Bereich Transport und Tötung der Tiere tätig werden.

Im Klartext: Da sich hierfür die Mitgliedstaaten miteinander abstimmen müssen, wird in den nächsten Jahren in Sachen Tierschutz wohl nicht viel passieren. Eine fatale Perspektive.

Über dieses Thema berichtete die ARD in der Sendung Report Mainz am 14. Dezember 2021 um 21:45 Uhr.