Auf einem Tablet ist ein Foto mit einer Tasche und der Aufschrift "Kein Sex mit Geimpften" zu sehen. | Report Mainz

Corona-Leugner Auf dem Weg in die Parallelgesellschaft

Stand: 14.12.2021 16:31 Uhr

Jobbörsen, Branchenbücher, Datingportale: Im Netz gibt es immer mehr Angebote für Impfgegner. Experten warnen im Interview mit Report Mainz vor Parallelgesellschaften und Radikalisierung.

Von David Meiländer, Philipp Reichert und Michael Schultz, SWR

Weihnachtsstimmung will hier heute nicht aufkommen: Es ist kalt, es regnet, der Glühwein kommt aus der Thermoskanne. Ein kleines Grüppchen Corona-Skeptiker steht zusammen auf einem Platz in Michelstadt im Odenwald. "0-G Weihnachtsmarkt", so nennen sie das hier, also keine Pandemieregeln. Ganz anders als direkt nebenan, nur ein paar Meter entfernt, auf dem städtischen Weihnachtsmarkt.

Corona-Skeptiker organisieren Weihnachtsmarkt

Die Gruppe hat sich über das Internet verabredet. Heute sind nur sechs gekommen. Eine Woche davor, erzählen sie, waren es mehr als 50. Und eigentlich wären sie gerne noch viel mehr, "gerne Hundert", sagt einer der Männer.

Eine Gruppe von Menschen steht auf einer Straße und spricht miteinander. | Report Mainz

Der "0-G Weihnachtsmarkt" findet nur wenig Anklang. Bild: Report Mainz

Die wütende Pandemie, steigende Infektionszahlen, volle Intensivstationen - all das nehmen sie hier auf dem "0-G-Weihnachtsmarkt" einfach nicht ernst, obwohl die Inzidenz im Odenwaldkreis an diesem Tag bei über 530 liegt. "Das ist ja alles streitbar", sagt der junge Mann. "Es ist nicht so mein Eindruck, wenn ich hier mein Leben normal führe, dass jetzt hier Not am Mann ist." Er fühle sich durch die Pandemieregeln ausgeschlossen. Jetzt organisiere man sich halt selbst.

Breites Angebot für Impfgegner

Und damit sind sie nicht die einzigen: Im Netz gibt es sie längst, die große Community für Corona-Skeptiker und Impfgegner, fast wie eine Parallelgesellschaft. Mit Portalen fürs impffreie Reisen etwa, oder Jobbörsen. Hier können Arbeitgeber gezielt nach ungeimpften Mitarbeitern suchen. Etliche Inserate finden sich dort, aus allen möglichen Branchen, sogar aus dem medizinischen Bereich.

"Parallelstrukturen", so nennt das der Sozialpsychologe Ulrich Wagner - Strukturen, die sich bewusst abgrenzen vom Großteil der Gesellschaft. "Ich würde sogar von Mauern sprechen", sagt der Professor, denn über Gräben könne man kommunizieren - über Mauern nicht.

"Kein Sex mit den Geimpften"

Wie ausgeprägt die Abgrenzung der Impfgegner inzwischen ist, zeigt sich besonders auf einem der Portale: einer Datingplattform, auf der Ungeimpfte die große Liebe finden können. Der Anbieter wirbt im Netz mit provokanten Sprüchen: "Dein Booster? Meine Küsse", "Keinen Bock mehr darauf, fremdgesteuerte Zombies zu daten", "Kein Sex mit den Geimpften", heißt es da zum Beispiel. Mehr als 4000 Menschen haben sich nach Angaben des Portals bereits angemeldet.

Die Macher der Seite teilen auf Anfrage von Report Mainz mit, man fordere niemanden auf, sich von Geimpften fernzuhalten. Sozialpsychologe Wagner sieht das anders: "Das ist eine extreme Form der Abgrenzung". Denn dabei gehe es nicht mehr nur um die Abgrenzung in Bezug auf die Bereitschaft, sich impfen zu lassen. Die Aussage sei: "Ich will mit denen überhaupt nichts mehr zu tun haben, also auch im intimen Bereich."

Montgomery: "Gesellschaft ist gespalten"

Der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, warnt davor, dass sich Impfgegner immer weiter abgrenzen: "Diese Blasen, in denen sich die Impfgegner bewegen, haben längst zu einer Spaltung der Gesellschaft geführt."

Der Vorstandsvorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery. | FRIEDEMANN VOGEL/EPA-EFE/REX

Der Vorstandsvorsitzende des Weltärztebundes, Montgomery, warnt vor einer weiteren Radikalisierung der Maßnahmengegner. Bild: FRIEDEMANN VOGEL/EPA-EFE/REX

Montgomery befürchtet, dass sich die Impfgegner weiter radikalisieren. Sowohl der Staat als auch die Bürger müssten sich dem entgegenstellen. "Wir müssen als Mehrheit der Bevölkerung konsequent damit umgehen und dürfen diese Leute nicht einfach davonkommen lassen."

Über dieses Thema berichtete die ARD in der Sendung Report Mainz am 14. Dezember 2021 um 21:45 Uhr.