Originalpackungen des Medikaments Contergan | Bildquelle: picture-alliance/ dpa

Contergan-Skandal Versuche auch an Säuglingen und Kindern

Stand: 18.08.2020 05:00 Uhr

Contergan ist auch an kranken Kindern getestet worden - und das, als es bereits Hinweise auf schwere Nebenwirkungen gab. Das ergaben Recherchen von Report Mainz. SPD-Politiker Lauterbach spricht von "grober Gefährdung" von Kindern.

Von Ulrich Neumann und Philipp Reichert, SWR

Im Contergan-Skandal gibt es nach Recherchen des ARD-Politikmagazins Report Mainz neue Details. Demnach wurde das Mittel an Hunderten Säuglingen und kranken Kindern getestet, bevor es 1961 vom Markt genommen wurde. Report Mainz liegen mehrere solcher Medikamentenstudien vor.

In der Caritas-Lungenheilanstalt "Maria Grünewald" in Wittlich in Rheinland-Pfalz wurde der Einfluss von Contergan an über 300 tuberkulosekranken Kindern getestet. Den zwei bis vierzehn Jahre alten Kindern wurden teilweise gezielt Überdosen verabreicht. Ob Kinder dadurch geschädigt wurden, ist nicht bekannt.

Menschenversuche | Bildquelle: SWR Report Mainz
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Das Gebäude, in dem sich früher die Heilstätte befand.

Die Ergebnisse der entsprechenden Studie wurden Ende des Jahres 1960 veröffentlicht. Zu diesem Zeitpunkt gab es schon seit mehr als einem Jahr zahlreiche Hinweise auf die schweren Nebenwirkungen von Contergan. Außerdem hat ein niedergelassener Kinderarzt aus Stuttgart Contergan an zwei Wochen alte Säuglinge verabreicht. Er führte seine Tests an 89 Kindern durch. Er wollte damit die Wirkung des Schlafmittels auf unruhige und "verhaltensgestörte" Kinder erproben.

 Lauterbach: "Grobe Gefährdung von Kindern"

Karl Lauterbach | Bildquelle: dpa
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SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach denkt, dass solche versuche heute als Straftat angesehen würden.

Der SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach bezeichnete die Medikamentenstudien mit Contergan im Interview mit Report Mainz als Menschenversuche. Die Publikation aus der Heilstätte "Maria Grünewald" sei ein bestürzendes Zeitdokument. "Die Studie hätte so niemals durchgeführt und publiziert werden dürfen", so Lauterbach. "Man ist quasi volles Risiko gegangen, wie man es sonst nur in Tierversuchen wagen kann."

Solch eine grobe Gefährdung von Kindern hätte für die Ärzte heute wahrscheinlich Haftstrafen zur Konsequenz, so Lauterbach. Alle beteiligten Ärzte hätten eine sehr hohe Schuld auf sich genommen.

 Weihbischof Gebert: "Das ist Körperverletzung"

Triers Weihbischof Franz Josef Gebert, zugleich Vorsitzender des Caritasverbandes für die Diözese Trier, sagte im Interview mit Report Mainz, man habe nichts von den Versuchen gewusst und sei erschüttert. Die Geschehnisse wolle man aufklären.

"Soweit wir das tun können, bedauern wir das sehr und entschuldigen uns für Fehler, die unter dem Namen der Caritas passiert sind", so Gebert. Es sei beschämend, wenn wehrlose Kinder zu Objekten von Experimenten würden. "Das ist ja Körperverletzung." 

Grünenthal: "Studien nicht mehr nachzuvollziehen"

Der Contergan-Hersteller Grünenthal teilte Report Mainz mit, Medikamentenstudien an Kindern seien zur damaligen Zeit nicht unüblich gewesen. Aus heutiger Sicht seien sie aber nicht nachzuvollziehen. Außerdem entsprächen sie nicht den aktuellen strengen, ethischen Grundsätzen der Arzneimittelforschung. Die Contergan-Tragödie werde immer Teil der Firmengeschichte von Grünenthal bleiben. Die weitreichenden Folgen für die betroffenen Menschen bedauere man zutiefst.

Tausende Fehlbildungen durch Contergan

Das Schlafmittel Contergan wurde 1961 wegen schwerer Nebenwirkungen vom Markt genommen. Zuvor waren weltweit tausende Kinder mit Fehlbildungen geboren worden, deren Mütter während der Schwangerschaft das Mittel unter anderem gegen Übelkeit eingenommen hatten.

 Contergan wurde bis dahin als harmloses Schlaf- und Beruhigungsmittel beworben, vor allem für Schwangere, aber auch für Kinder. Im Volksmund wurde es auch als "Kinosaft" bezeichnet, der selbst kleinen Kindern verabreicht werden könne, wenn die Eltern ausgehen wollen.

Contergan-Skandal: Versuche an Säuglingen und Kindern
Philipp Reichert, SWR
18.08.2020 09:32 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Report Mainz am 18. August 2020 um 21:45 Uhr.

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