Tausende harren vor dem Flughafen in Kabul aus  | AFP
Exklusiv

Rettung aus Afghanistan Deutsche Familie knapp gerettet

Stand: 23.08.2021 16:12 Uhr

Die Bundesregierung habe bei der Evakuierung einer deutsch-afghanischen Familie Zeit verschenkt und sie damit gefährdet, so der Vorwurf der Grünen-Politikerin Schäfer gegenüber Report Mainz und dem "Spiegel".

Von Gottlob Schober, SWR

Eine dramatische Sprachnachricht vergangenen Mittwoch hat Jamila Schäfer alarmiert. Der Hilferuf einer 19-jährigen deutschen Staatsbürgerin aus Kabul lässt sie nicht mehr zur Ruhe kommen. Die Politikerin ist Mitglied im Bundesvorstand von Bündnis 90/Die Grünen und Bundestagskandidatin. Über einen Messenger-Dienst erhält sie die Sprachaufnahme, in der hinter der verzweifelten Stimme einer jungen Frau auch Schüsse zu hören sind: "Wir sind gerade hier vor dem Nordgate. Sie lassen keinen durch. Die Amerikaner sagen uns, dass nur Amerikaner heute durchgelassen werden. Kannst Du bitte nachfragen und nachschauen, warum wir nicht durchgelassen werden und nachfragen, warum das so ist?"

Gottlob Schober

Die 19-jährige Deutsche, ihr Bruder und ihre Mutter leben eigentlich in München und sind auf Verwandtenbesuch in Afghanistan. Beide Kinder besitzen den deutschen Pass. Die Mutter hat eine deutsche Aufenthaltsgenehmigung. Die drei setzen große Hoffnung in die Politikerin und ihre Beziehungen ins Auswärtige Amt. Der Kontakt kam über einen gemeinsamen Bekannten zustande. Aus Sicherheitsgründen nennen wir keine Namen und zeigen keine Bilder der betroffenen Familie.

Familie vor 19 Jahren vor den Taliban geflüchtet

Das Evakuierungsdrama der Familie begann am 13. August, zwei Tage vor der Machtübernahme durch die Taliban. Die Tochter kontaktiert einen Vertreter des Auswärtigen Amtes und bittet um die Evakuierung ihrer Familie. Das Telefongespräch protokolliert sie in einer E-Mail und weist das Auswärtige Amt darauf hin, dass ihre Familie vor mehr als 19 Jahren vor der Verfolgung durch die Taliban geflüchtet sei. Dieses Schreiben liegt Report Mainz und dem "Spiegel" vor. Darin heißt es:

Am Telefon sagte ein Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes, dass nur mein minderjähriger Bruder und ich, nicht unsere Mutter ausgeflogen werden können. Unsere Mutter müsse in Kabul bleiben, weil sie keine deutsche Staatsangehörigkeit besitze. Das können wir nicht akzeptieren. Unsere Mutter lebt seit 20 Jahren mit uns in Deutschland. Sie hat einen Aufenthaltstitel. Mein Bruder und ich wollen unsere Mutter nicht zurücklassen. Wir bitten Sie, uns hier dringend herauszubringen.
Jamila Schäfer | SWR/REPORT MAINZ

Die Grünen-Politikerin Schäfer engagierte sich für die Familie und kritisierte im Interview mit Report Mainz die Bundesregierung.. Bild: SWR/REPORT MAINZ

Seit der Kontakt zwischen der 19-Jährigen und Jamila Schäfer besteht, habe die Politikerin täglich mehrfach beim Auswärtigen Amt angerufen und zahlreiche E-Mails geschrieben, erzählt sie im Interview mit Report Mainz: "Ich konnte am Ende auch erreichen, dass alle drei auf der Evakuierungsliste stehen. Das heißt, dass auch die Mutter mit evakuiert werden kann." Das bringe der Familie jedoch gerade überhaupt nichts, weil sie überhaupt keine Möglichkeit habe, sicher zum Flughafen und vor allem zum Flugzeug zu gelangen. "Und das einfach, weil so viel Zeit im Vorfeld verschenkt worden ist." Eindeutig habe die Bundesregierung die Familie gefährdet und viel Zeit bei der Evakuierung verschenkt.

Vorwürfe gegen Außenminister Maas

Immer wieder versucht die Familie in diesen Tagen, auf den militärischen Teil des Flughafens zu kommen, um einen der Evakuierungsflüge zu erreichen. So sei es auch am vergangenen Dienstag, dem 17. August, gewesen: Wieder einmal habe die Familie keinen Zutritt zum Flughafengelände erhalten - entgegen den Aussagen von Außenministe Heiko Maas am selben Abend im ZDF-"heute journal". Dort sagte Maas: "Wir haben heute den Leuten, denen wir eine Information gegeben haben, Zutritt zum Flughafen verschafft. Es sind 180 Leute da, von denen haben wir in der zweiten Maschine eben 139 ausgeflogen."

Noch am selben Abend twittert Jamila Schäfer, dass sie von der 19-jährigen Tochter gebeten worden sei, diesen Tweet an den Außenminister zu schicken: "Herr Maas, bitte hören Sie doch auf zu sagen, dass alle, die heute benachrichtigt wurden, auch evakuiert wurden. Denn ich bin es nicht".

Deshalb kritisiert die Grünen-Politikerin Bundesaußenminister Maas im Interview mit Report Mainz massiv: Die Familie wurde informiert. Es wurde gesagt, sie sollen zum Gate kommen, mit den Pässen winken, und dann werden sie reingelassen. Die Familie hat viermal versucht, sich Zugang zum Flughafen zu verschaffen und ist immer in eine komplett unübersichtliche, sehr gefährliche Situation gekommen."

Die Grünen-Politikerin erhebt schwere Vorwürfe gegen Maas: "Also entweder hat unser Außenminister keine Ahnung, was dort vor Ort in Kabul passiert und wusste es schlichtweg nicht. Oder er hat vorsätzlich die Unwahrheit gesagt. Und beides finde ich für einen deutschen Außenminister nicht akzeptabel."

Auswärtiges Amt nimmt Stellung

Mit den Vorwürfen konfrontiert antwortet das Auswärtige Amt auf die Anfrage von Report Mainz und dem "Spiegel":

Uns ist bekannt, dass es Personen nicht oder nur nach wiederholten Anläufen gelingt, auf das Flughafengelände in Kabul zu gelangen. Unsere Möglichkeiten, den Zugang zum Flughafen zu gewährleisten, sind aufgrund der chaotischen Lage im Bereich des Gates derzeit begrenzt. US- und afghanische Kräfte versuchen, die Sicherheit im Flughafenvorfeld zu gewährleisten. (…) Im Rahmen der laufenden Evakuierungsbemühungen ist es das oberste Ziel, so vielen deutschen Staatsangehörigen wie möglich, Angehörigen der 'Kernfamilie' (hierzu gehören Ehepartner*innen und minderjährige, unverheiratete Kinder) deutscher Staatsangehöriger sowie anderen Schutzbedürftigen die Ausreise zu ermöglichen. Dies gilt trotz und gerade angesichts der äußerst angespannten Sicherheitslage vor Ort. Diejenigen deutschen Staatsangehörigen, die sich bei der Krisenvorsorgeliste der deutschen Botschaft registriert haben, werden über aktuellen Entwicklungen und die Sicherheitslage sowie Möglichkeiten der Evakuierung informiert.

Der achte Versuch gelingt

Am Wochenende dann endlich der Wendepunkt: Nach sieben gescheiterten Versuchen, ins Flughafengebäude zu kommen, konnte die Familie am Samstag endlich erfolgreich evakuiert werden - auch dank der Beteiligung des Kommando Spezialkräfte (KSK). Nach "Spiegel"-Informationen waren bei der Aktion, vom KSK intern mit dem Operationsnamen "Blue Light" benannt, neun KSK-Elitesoldaten beteiligt. Es war das erste Mal, dass die Kommandoeinheit auch außerhalb des Flughafens aktiv wurde.

Die Rettungsaktion war seit dem frühen Samstagmorgen geplant worden. Da die Münchner Familie schon mehrmals versucht hatte, auf eigene Faust durch ein Gate in den Flughafen zu kommen, entschied sich das KSK zur Rettungsaktion. Per Telefon vereinbarte man, dass sich die Familie zwischen 21 und 23 Uhr dem sogenannten Abbey Gate nähern sollte, dort wollte sie das KSK dann im Schutz der Dunkelheit abholen.

Nach Angaben der 19-jährigen Abiturientin kam der Anruf des KSK, als die Familie bereits kurz vor einem der Tore des Flughafens stand. Allerdings sei nach ein paar Sekunden ihr Handy ausgegangen. "Deswegen haben wir uns vor dem Gate alleine durchgekämpft." Schließlich habe die Familie einen deutschen Soldaten gefunden, der ihre Pässe kontrollierte und sie in das Innere des Flughafens ließ. Am Sonntagabend ist die Familie wieder in Deutschland angekommen.

Mit redaktioneller Mitarbeit von Annkathrin Weis. Die Stellungnahme des Auswärtigem Amts wurde ergänzt.

Über dieses Thema berichtet das Erste am 24. August 2021 um 21:45 Uhr in der Sendung "Report Mainz".