Taliban-Kämpfer in Kabul | AP
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Rechtsextreme feiern Taliban "Revolte gegen die moderne Welt"

Stand: 07.09.2021 11:57 Uhr

In rechten Kreisen wird nach der Machtübernahme der Taliban vor einem gewaltigen Ansturm von Afghanen in Europa gewarnt. Gleichzeitig bewundern einige die Islamisten für deren "Revolte gegen die moderne Welt".

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

Nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan gibt es bei Rechtsradikalen in den USA und Europa Bewunderung für die Islamisten. In einschlägigen Online-Foren ist die Rede davon, die Machtübernahme sei ein Sieg für die Liebe zum Vaterland und für die Religion gewesen. Ein rechtsradikaler Blogger in den USA preist die Taliban als "konservative und religiöse Macht" an, wie US-Medien berichten.

Patrick Gensing tagesschau.de

Der Islam sei Gift - so beginnt ein Beitrag in einem Telegram-Kanal aus dem Umfeld der rechtsextremen "Proud Boys" in den USA. Aber diese Bauern, gemeint sind die Taliban, hätten gekämpft, um ihr Land zurückzuerobern. "Sie haben ihre Regierung zurückerobert, ihre nationale Religion als Gesetz eingeführt und Andersdenkende hingerichtet", heißt es in dem Beitrag. Es sei "schwer, das nicht zu respektieren."

"Homoparaden haben Sendepause"

Ein bekannter Aktivist der rechtsextremen "Identitären Bewegung" aus Österreich schrieb auf Twitter, der "Sieg der Taliban in Afghanistan bedeutet eine krachende Niederlage für den Globalismus". Und weiter: "Dragqueens, Homoparaden und Menschenrechtsideologie haben dort Sendepause." Es werde Zeit, so der Rechtsradikale, "dass auch Europa sich aus seinem Zustand als amerikanischer Kolonie befreit!"

Screenshot eines Tweets eines Aktivisten der "Identitären Bewegung"

Screenshot des Tweets des Aktivisten der "Identitären Bewegung"

Der Aktivist der "Identitären" postete Anfang September zudem die Aussage einer Frau, die nach eigenen Angaben in Afghanistan das erste Projekt für Gender-Studien aufgebaut hatte. "Ein klarer Fall von Verbrechen gegen die Menschheit - liefert sie an die Taliban aus!", schreibt der Aktivist dazu.

Brennende Regenbogen-Flaggen

Mit Memes (Grafiken) machen sich Rechtsextreme zudem über die Niederlage der afghanischen Armee lustig. Auf einer Grafik im Cartoon-Stil ist die US-Botschaft in Kabul zu sehen, an der ein McDonalds-Logo zwischen zwei brennenden Regenbogen-Flaggen hängt. Davor steht die Comicfigur Pepe, die in rechtsextremen Online-Kampagnen eine zentrale Rolle spielt - und die in dieser Darstellung einen Bart, Kopftuch und ein Gewehr trägt.

Nicht nur Rechtsradikale teilten diese Grafik, um den Sieg der Islamisten zu feiern, sondern auch ein Twitter-Nutzer mit mehr als 10.000 Followern, der nach eigener Darstellung im "Islamischen Emirat Afghanistan" zuhause ist. Nach Einschätzung eines Journalisten aus Afghanistan gehört der Mann zu den Taliban. Ob er sich tatsächlich in Afghanistan aufhält, lasse sich nicht sicher sagen, so der Journalist im Gespräch mit tagesschau.de.

Screenshot eines Twitterbeitrags

Ein Anhänger der Taliban teilte dieses rechtsextreme Meme auf Twitter.

Unter diesem Posting finden sich zahlreiche antisemitische Darstellungen, die Juden als die Strippenzieher hinter dem westlichen Militäreinsatz in Afghanistan darstellen, sowie zahlreiche zustimmende Kommentare. Einer schreibt beispielsweise: "Ich sage nicht, dass ich die Taliban mag. Ich sage nur, dass ich das amerikanische Imperium hasse."

"Ambivalentes Verhältnis"

"Das Verhältnis der extremen Rechten zu Islamisten wie den Taliban ist ambivalent", erklärt Prof. Dr. Matthias Quent. Der Direktor des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft Jena sagt im Gespräch mit tagesschau.de: Sowohl die "extreme Rechte als auch Islamisten sehen den Hauptfeind im westlichen Liberalismus, der aus ihrer Sicht verantwortlich ist für Globalisierung, Multikulturalismus, Materialismus, Dekadenz und Niedergang und den Verlust von Werten, Kultur, Glauben, Autorität sowie der männlichen Herrschaft".

Beide Ideologien enthielten zudem "faschistoide, autoritäre, antisemitische und frauenfeindliche Elemente und berufen sich auf historische Mythen und Verschwörungserzählungen". Außerdem, so Quent weiter, "respektieren oder bewundern Rechtsextreme die Aufopferung und die ideologische Konsequenz des radikalen Islamismus".

Matthias Quent | AFP

Matthias Quent Bild: AFP

Doch "vordergründig wird von rechts außen nicht nur der radikale Islamismus, sondern der Islam pauschal als existentielle Bedrohung konstruiert, gegen den man sich entschieden verteidigen müsste", sagt Quent. "Der Sieg der Taliban wird einerseits als Vorbild für völkische, selbsternannte Befreiungsbewegungen diskutiert, anderseits als Instrument, um Angst zu schüren und für den vermeintlichen Widerstand zu mobilisieren."

"Revolte gegen die moderne Welt"

Und so sind Taliban und Rechtsextreme zumindest in ihren Feindbildern vereint. Ein ehemaliger AfD-Funktionär teilte eine Grafik, die diese Haltung veranschaulicht: Darauf zu sehen ist ein Mann mit Kopftuch und Bart, der einen Taliban darstellen soll, und ein weißer Mann, der auf verschiedenen Darstellungen als Vertreter von Nationalisten erscheint. Diese schauen sich entschlossen an - und darunter steht: "Revolte gegen die moderne Welt."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 30. August 2021 um 18:30 Uhr.