Max-Delbrück-Centrum (Archivbild) | Bildquelle: picture alliance / Gregor Fische

#MeToo in der Wissenschaft "Das will ich für mich nicht mehr"

Stand: 25.10.2019 06:01 Uhr

Berliner Wissenschaftlerinnen berichten von jahrelanger sexueller Belästigung durch einen Forscher. Eine Vorgesetzte soll die Frauen gedrängt haben, zu schweigen.

Von Tina Friedrich und Jan Wiese, rbb

Zweieinhalb Jahre lang teilte sich Caroline* ein Büro mit einem Wissenschaftler am Max-Delbrück-Centrum (MDC) in Berlin-Buch. "Einmal waren wir in einem dunklen Laborraum, und er sagte: 'Lass uns die Tür schließen und ich zeige dir, wieso sie mich Oktopus nennen.' Dabei bewegte er seine Hände als würde er mich befummeln."

Sexuelle Belästigung durch Wissenschaftler am Max-Delbrück-Centrum
Mittagsmagazin, 25.10.2019, Tina Friedrich, ARD Berlin

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Über mindestens sieben Jahre hinweg soll der Mann mehrere Frauen sexuell belästigt, sie ungewollt gestreichelt und massiert, ständig Komplimente gemacht haben. "Ein Nein hat er einfach nicht akzeptiert", sagt Birgit*, die, so wie alle betroffenen Frauen, nicht will, dass jemand ihren richtigen Namen kennt.

Es störte ihn offenbar auch nicht, dass andere seine Belästigungen mitbekamen. "Einmal zeigte er mir eine Grafik, die er erstellt hatte, und bat mich um meine Meinung", erzählt Caroline*. "Ich sagte, die Buchstaben seien zu groß. Er sagte, er benutze große Buchstaben, weil er einen großen Schwanz habe." Dieses Gespräch hörten Kollegen, auch die Leiterin seiner Arbeitsgruppe soll davon erfahren haben. Doch Folgen hatte das keine.

Symbolfoto Mann belästigt Frau am Arbeitsplatz | Bildquelle: imago images / Panthermedia
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Über Jahre soll ein Wissenschaftler am Berliner Max-Delbrück-Centrum Frauen sexuell belästigt haben. (Symbolbild)

"Sie gab mir die Schuld"

Erst Jahre später melden sich weitere Betroffene, der Vorstand des Max-Delbrück-Centrums wird eingebunden. "Wir haben im Mai 2018 zum ersten Mal von den Belästigungen erfahren", sagt Thomas Sommer, damals wissenschaftlicher Direktor, heute kommissarischer Direktor des MDC.

Dann habe das Mobbing durch die Arbeitsgruppenleiterin begonnen, erzählt Anna*. "Sie gab mir die Schuld, ich hätte seine Komplimente einfach falsch verstanden. Sie erinnerte mich auch daran, dass ich hier sei, um zu arbeiten, und nicht, um kindische Vorfälle zu melden. Ja, so nannte sie es." Später soll die Arbeitsgruppenleiterin Anna* gebeten haben, dem Direktor nicht zu viel zu erzählen. "Ich solle vorsichtig sein, was ich sage, weil ich damit seine Karriere zerstören könnte."

Beschuldigter setzt Arbeit an der Charité fort

Die Frauen haben auch diese Vorwürfe der Institutsleitung gemeldet. Konsequenzen: keine. Angesprochen habe man die Professorin zwar darauf. "Aber hier sind viele Gerüchte im Spiel. Der Fall ist nie zur Anzeige gekommen und auch nicht gerichtlich untersucht worden", sagt Direktor Sommer. Arbeitsrechtlich hat die Professorin nichts zu befürchten.

Der beschuldigte Wissenschaftler bekam nach einer offiziellen Beschwerde Hausverbot, wenig später unterschrieb er einen Auflösungsvertrag. Das Ende des Arbeitsverhältnisses wird darin einvernehmlich festgestellt, im Arbeitszeugnis darf die sexuelle Belästigung nicht erwähnt werden. Arbeitsrechtliche Konsequenzen für den Mann bleiben aus.

Die Frauen empfinden das als Affront. Sie haben gehört, ihr Peiniger soll nun an der Charité seine Forschung fortsetzen. Ein Anruf beim entsprechenden Institut ergibt: Der Mann arbeitet tatsächlich dort und ist auch in der Lehre tätig.

Verhaltenskodex ab Januar 2020

In der Wissenschaft zählen Referenzen viel. Doktoranden sind abhängig von ihren Betreuenden, deren Unterstützung bei der Forschung und vor allem von ihren Empfehlungsschreiben - strukturelle Voraussetzungen für Machtmissbrauch, sagt Sabine Oertelt-Prigione, Professorin für Gendermedizin und Organisationsberaterin. "Wenn ich einen befristeten Vertrag habe oder gerade meine Doktorarbeit schreibe und die Daten für den Abschluss brauche, dann werde ich es mir zweimal überlegen ob ich eine sexuelle Belästigung oder Mobbing melde, weil ich weiß, dass es meine Karriere beeinflussen kann." Besonders dann, wenn es keine klaren Prozesse gebe.

Sabine Oertelt-Prigione | Bildquelle: dpa
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Sabine Oertelt-Prigione mahnt, dass die Strukturen in der Wissenschaft Machtmissbrauch ermöglichen.

"Es ist hier sicherlich nicht alles optimal gelaufen", sagt Sommer. "Wir hätten uns gewünscht, früher davon zu erfahren und dass Mitarbeiter es melden, wenn sie etwas beobachten. Und wir hätten mehr Transparenz über die Anlaufstellen für Betroffene gebraucht."

Dass der Eindruck entstand, der Vorstand wolle nichts gegen Mobbing unternehmen, lässt er nicht gelten, und verweist auf die Entwicklungen seither. Eine Arbeitsgruppe hat einen Verhaltenskodex erarbeitet, der zum 1. Januar 2020 in Kraft treten soll. Dann soll es Schulungen geben, bessere Informationen darüber, wer ansprechbar ist, und Abläufe, die im Fall einer Beschwerde eingehalten werden sollen.

Betroffene verlässt die Wissenschaft

An der Charité gibt es seit 2016 eine strenge Richtlinie für den Umgang mit sexueller Belästigung. Auch die Max-Planck-Gesellschaft erarbeitet derzeit neue Leitlinien, in der Leibniz-Gemeinschaft gibt es ähnliche Bestrebungen. Doch Strukturwandel braucht sehr viel Zeit, sagt Oertelt-Prigione.

Caroline*, Birgit* und Anna* glauben nicht an einen echten Wandel im Max-Delbrück-Centrum. Birgit* und Anna* haben die Arbeitsgruppe verlassen. Caroline* hat sich einige Monate später entschieden, der Wissenschaft ganz den Rücken zu kehren. "Ich hätte niemals erfolgreich eine zweite Postdoktoranden-Anstellung oder irgendeine andere wissenschaftliche Stelle bekommen ohne ein gutes Empfehlungsschreiben von ihr“, sagt sie heute in Bezug auf die Leiterin der Arbeitsgruppe. „Ich weiß, dass nicht alle Gruppenleiter so sind wie sie, aber ich weiß auch, dass Mobbing in der Wissenschaft weit verbreitet ist. Das will ich für mich nicht mehr."

*Name geändert

Über dieses und andere Themen berichtet heute auch das Mittagsmagazin - ab 13.00 Uhr im Ersten.

Über dieses und andere Themen berichtete das Erste am 25. Oktober 2019 ab 13:00 Uhr im ARD-Mittagsmagazin.

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