Der rote Stern auf einer Turmspitze des Kreml leuchtet vor dem Vollmond | Bildquelle: dpa

Cyber-Sicherheitsrat Deutschland Brisante Kontakte nach Russland

Stand: 06.06.2019 06:01 Uhr

Mehrere DAX-Unternehmen sind Mitglieder im Cyber-Sicherheitsrat Deutschland. Doch die Vereinsspitze fällt laut ARD-Recherchen durch Nähe zu russischen Akteuren auf, die eine fragwürdige Rolle im Cyberbereich spielen.

Von Georg Heil, Andrea Becker, rbb, Michael Götschenberg, ARD-Hauptstadtstudio

Strahlender Himmel in Garmisch-Partenkirchen und eine russische Flagge am Posthotel waren die Kulisse eines Treffens, das es in sich hatte. Über drei Tage trafen sich IT-Experten, Wissenschaftler und Regierungsmitarbeiter zu einer Tagung über Cybersicherheit, Terrorbekämpfung und Cyber-Kriegsführung. Eingeladen hatte NAIIS, eine russische Vereinigung für internationale Informationssicherheit. Die Gäste stammten aus Russland, Europa, aus Asien und den USA. 

Die Tagung gibt es seit mehreren Jahren, sie ist in deutschen Sicherheitskreisen einschlägig bekannt. Dort heißt es, sie habe einen "russischen nachrichtendienstlichen Hintergrund". Wer daran teilnehme, setze sich der Gefahr aus, für propagandistische Zwecke missbraucht zu werden.

Auch ein Deutscher auf der Rednerliste

Einziger Deutscher auf der Rednerliste der Konferenz: Der aus Potsdam stammende Hans-Wilhelm Dünn, Präsident des Cyber-Sicherheitsrates Deutschland e.V. (CSRD). Der Verein hat hochkarätige Mitglieder von Airbus, Deutsche Bahn über die Commerzbank, E.ON bis hin zu Volkswagen. Auch mehrere Bundesländer sowie das Bundesgesundheitsministerium gehören ihm an. 

Kontraste und "Die Zeit" haben Hans-Wilhelm Dünn zum Interview getroffen. Wir wollen wissen, ob er und sein Verein sich für russische Propaganda einspannen lassen und ob er Kontakte zu russischen Geheimdiensten pflegt.

"Wir machen keine Propaganda für Russland. Wir machen Propaganda für eine Sache, die wichtig ist. (..) Ich habe Einfluss darauf, auf das Thema, was mir wichtig ist: die Kommunikation im Cyberraum. Wir haben hier riesige Probleme, haben Millionen von Angriffen. Wir haben Milliarden von Schadenspotenzial. Hier geht es teilweise um Leben und Tod. Wir haben keine Ahnung, wie wir dieses Thema global aufnehmen - und das ist mein Interesse, und deshalb ist es so wichtig, diese Kommunikation zu allen relevanten Playern zu halten, und natürlich auch zu Russland, zu China und zu anderen Staaten."

Auch Kommunikation mit russischen Nachrichtendiensten?

"Natürlich. Mit allen relevanten Akteuren. Und dazu gehören die Nachrichtendienste auch."

Vielfältige und fragwürdige Kontakte nach Russland

Dünn, der Präsident des Vereins für Cybersicherheit, ein CDU-Lokalpolitiker aus Potsdam, pflegt vielfältige und fragwürdige Kontakte mit russischen Stellen. In seiner Eigenschaft als Präsident des CSRD stellte er sich einer Wahlbeobachtermission in Simbabwe zur Verfügung. Auftraggeber: Eine Organisation namens AFRIC, die sich erst kurz zuvor gegründet hatte. Wer steckt hinter AFRIC?

Dem ARD-Magazin Kontraste und der "Zeit" liegt eine interne Präsentation zu den Wahlen in Simbabwe vor, die das Londoner "Dossier-Center" des russischen Oppositionellen Michail Chodorkovsky  zur Verfügung gestellt hat.

Sie soll aus einem von dem russischen Unternehmer Jewgeni Prigoschin finanzierten Afrika-Büro in St. Petersburg stammen. Darin heißt es: "Russland ist an der Stabilität der Macht des Präsidenten interessiert und bereit dazu beizutragen, diese zu stärken." Auch eine Wahlbeobachtermission wird in dem Dokument explizit erwähnt.  

"Fake"-Wahlbeobachtung 

Mit finanzieller Unterstützung des deutschen Außenministeriums hat der in Wien ansässige Politologe Anton Shekhovtsov eine Analyse der AFRIC-Mission in Simbabwe verfasst. Für ihn war die Mission, an der Dünn teilnahm, eine "Fake-Wahlbeobachtung" und "politischer Aktivismus". So erklärte der Leiter von AFRIC bereits zwei Tage vor der eigentlichen Wahl in einem Zeitungsinterview, dass der Präsident von Simbabwe eine "freie, faire und glaubwürdige Wahl gewährleiste". Doch nach der Wahl kam es in Simbabwe zu Unruhen, die Opposition witterte Wahlbetrug.

Auch die offiziellen Wahlbeobachter der EU sprachen von Machtmissbrauch und Einschüchterung - ganz im Gegensatz zum AFRIC-Team, zu dem auch Dünn gehörte. Dünn beteuert gegenüber Kontraste und "Zeit", "keine Kenntnis" über die verfrühte Aussage der Wahlbeobachter gehabt zu haben. Er könne das nicht bewerten und sei von einem Inder zu der AFRIC-Mission eingeladen worden. Warum aber hat er überhaupt an der von Russland organisierten Wahlbeobachtermission teilgenommen?

Verwechslung mit Rat der Bundesregierung möglich

Der ehemalige Präsident des Bundesnachrichtendienstes, Gerhard Schindler, hält den Cybersicherheitsrat e.V. insgesamt für problematisch. Der Vereinsname sei zum Verwechseln ähnlich mit dem 2011 von der Bundesregierung gegründeten "Nationalen Cyber-Sicherheitsrat", in dem staatliche Organe und Wirtschaft verknüpft sind. "Insbesondere im Ausland kann der Eindruck entstehen, dass hier jemand für die Bundesrepublik Deutschland spricht, was so gar nicht zutrifft", so Schindler gegenüber Kontraste und der "Zeit". Genau darauf scheinen aber die russischen Partner des Cyber-Sicherheitsrates zu setzen.

So im Rahmen der Tagung in Garmisch-Patenkirchen: Danach berichtete die russische Vereinigung NAIIS auf ihrer Webseite, "Deutschland und Russland" hätten ein Memorandum zur Cybersicherheit unterzeichnet, nicht etwa der private Verein Deutscher Cybersicherheitsrat.

Neben Dünn unterzeichnete es der russische Generaloberst a.D. Vladislav Sherstyuk, ein hochdekorierter russischer Geheimdienstveteran. Seine Karriere begann einst beim KGB, später leitete er die russische Fernmeldeaufklärung, anschließend arbeitete er für den Geheimdienst FSB.

Schindler hält das von Dünn für seinen Verein unterzeichnete Kooperationsabkommen für problematisch. "Das sieht doch sehr nach einer Einflussnahme, nach einer Beeinflussung der russischen Seite aus. Das kann die russische Seite perfekt und gerade vom Cybersicherheitsrat."

Kooperation mit russischen Geheimdiensten gewollt

Den Vorwurf, Dünn lasse sich und seinen Cybersicherheitsrat e.V. für russische Einflussnahme einspannen, weist er zurück: Es sei vielmehr "wichtig, diese Kommunikation zu allen relevanten Playern zu halten und natürlich auch zu Russland, zu China und zu anderen Staaten".

Auf eine Nachfrage, ob dazu auch die Kommunikation mit russischen Nachrichtendiensten gehörte, gibt er eine erstaunliche wie brisante Antwort: "Natürlich. Mit allen relevanten Akteuren. Und dazu gehören die Nachrichtendienste auch." Nach Angaben Dünns ist auch der russische Unternehmer Andrej Razzorenov Mitglied im deutschen Cybersicherheitsrat e.V.

Razzorenov veranstaltete im russischen Krasnodar einen Hacking-Wettbewerb, den Dünn besuchte. Bei dieser Talentschau waren nach russischen Medienberichten auch Vertreter des russischen Geheimdienstes FSB zugegen. Dünn erklärte, man plane auch einen Hackingwettbewerb mit Razzorenov in Deutschland.

Vereinsmitglieder kennen Abkommen nicht

Schwere Bedenken über Dünns Agieren äußert auch der Bundestagsabgeordnete Manuel Sarrazin von den Grünen. Der in Garmisch von Dünn unterzeichnete Kooperationsvertrag erwecke den Eindruck, "dass dort ein Türöffner geschaffen werden soll für die Argumentation russischer Einflussnahme auf die deutsche Cybersicherheit".

Sarrazin fordert im Cybersicherheitsrat organisierte Unternehmen und auch Behörden auf, zu überdenken, ob das wirklich ihren Interessen entspreche. Sämtliche von Kontraste und der "Zeit" angefragten Unternehmen, die antworteten, gaben an, dass ihnen die Aktivitäten Dünns in Simbabwe und das Kooperationsabkommen mit NAIIS nicht bekannt seien.

Ein Mitglied zieht bereits Konsequenzen: der "Bund Deutscher Kriminalbeamter" BDK. Dessen Vorsitzender Sebastian Fiedler schlägt seinem Vorstand vor, den Rücktritt Dünns zu fordern oder einen Vereinsaustritt zu beschließen: "Ich missbillige die Aktivitäten Dünns", so Fiedler gegenüber Kontraste, der habe sich vor den Karren Russlands spannen lassen.

Mehr zum Thema sehen Sie um 21:45 Uhr im ARD-Magazin Kontraste.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Magazin Kontraste am 06. Juni 2019 um 21:45 Uhr.

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