Mit Kerzen und Blumen wird der Opfer des Terrorangriffs vom Breitscheidplatz in Berlin gedacht | Bildquelle: AP

Opfer vom Breitscheidplatz Das Leiden geht weiter

Stand: 19.12.2019 05:43 Uhr

Am 19. Dezember 2016 fuhr der Islamist Amri mit einem Lkw auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz. Viele der Verletzten leiden bis heute unter den Folgen.

Von Jo Goll und Susanne Opalka, rbb

4,4 Millionen Euro haben die Opfer und Hinterbliebenen des Attentats bisher erhalten. Es gibt den Härtefonds, den das Bundesamt für Justiz verwaltet, die Verkehrsopferhilfe und das Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo), die den Betroffenen schnell und unkompliziert helfen sollen.

Daran glaubt Sieglinde Heinemann schon lange nicht mehr. Sie kämpft mit den Tränen, als wir sie und ihren Ehemann auf der Hardenbergstraße am Bahnhof Zoo treffen. Nur wenige Meter weiter ist heute wie damals Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz.

Zwölf Glockenschläge für die zwölf Todesopfer
tagesschau 20:00 Uhr, 19.12.2019

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Körperlich und seelisch fürs Leben gezeichnet

19. Dezember 2016, kurz nach 20 Uhr. Sieglinde Heinemann will gerade einen Glühwein bestellen, als der Terrorist Anis Amri mit dem Laster auf den Platz rast. Sie wird von dem LKW erfasst, verliert das Bewusstsein. Als sie wieder zu sich kommt, ist sie halbseitig gelähmt. Die Folgen des angebrochenen Halswirbels spürt sie immer noch. Die Knie schmerzen noch, doch schlimmer sind die Narben auf ihrer Seele, die ihr Leben auf den Kopf gestellt haben.

Immer wieder überfällt sie eine tiefe Traurigkeit, sie traut sich kaum mehr unter Menschen. "Der Alltag fällt mir schwer. Unbeschwert einkaufen gehen, Kino, S-Bahn fahren. All das geht nicht mehr. Das sind einfach zu viele Menschen für mich, ich bekomme Angst- und Panikattacken", erzählt die gelernte Verkäuferin.

Von Berlin aufs Dorf gezogen

Im April 2019 ist sie mit ihrem Ehemann weggezogen. "Auf dem Land gibt es keine U-Bahn, da kann ich auch entspannter einkaufen gehen, allerdings nur, wenn es hell ist." Jetzt versucht das Ehepaar in einem Dorf nahe Wittenberg ein neues Leben anzufangen.

Die Ärzte haben bei Sieglinde Heinemann eine Posttraumatische Belastungsstörung und eine Depression diagnostiziert, deshalb kann sie nicht mehr arbeiten. Selbst ein Buch zu lesen ist ihr nicht mehr möglich. "Es fällt mir schwer, mich längere Zeit auf etwas zu konzentrieren. Es ist immer eine gewisse Unruhe in mir."

Screenshot BR | Bildquelle: Screenshot BR
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Sieglinde und Uwe Heinemann verließen ihre Heimatstadt Berlin nach dem Attentat.

Der ständige Kampf mit den Behörden

Sieglinde Heinemann findet auch deshalb keine Ruhe, weil sie seit dem Anschlag mit Versicherungen und Behörden kämpfen muss. Obwohl ein Gutachter die Posttraumatische Belastungsstörung und die Depression bestätigt und von einem Grad der Behinderung von 50 bis 80 Prozent ausgeht, billigt ihr das Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) nur 40 Prozent zu.

Für sie heißt das, sie klagt, weil ihre Opferrente nur 202 Euro monatlich beträgt. Zusätzlich erhielt sie bis Oktober 2018 von einer Versicherung  noch eine sogenannte Verdienstausfallzahlung von gut 300 Euro. Danach musste sie einen neuen Antrag stellen - beim LaGeSo. Bis heute wartet sie auf einen Bescheid.

Schnelle und unbürokratische Hilfe bleibt aus

Der damalige Justizminister Maas mit dem Opferbeauftragten Beck bei der Vorstellung des Opferberichts zum Attentat auf dem Breitscheidplatz | Bildquelle: dpa
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Kurt Beck setzte sich als Opferschutzbeauftragter für die Belange der vom Anschlag Betroffenen ein.

"Wir haben vor vier Wochen erfahren, dass der Sachbearbeiter gewechselt wurde. Die Akten liegen da, und ich frage mich: Wer bearbeitet die jetzt." Auf rbb-Nachfrage heißt es, man müsse den Grad der Behinderung erneut ärztlich einstufen und, da es sich um eine einkommensabhängige Zahlung handele, auch die finanziellen Verhältnisse prüfen. Dabei hatte der Bundesinnenminister ihr und anderen Betroffenen noch im August versprochen, schnell und unbürokratisch zu helfen.

Einmal pro Woche fährt sie nach Berlin zur Therapie, jedes Mal eine Herausforderung. "Wenn die S-Bahn zu voll ist, muss ich rausgehen und warten bis eine kommt, die leerer ist. Das ist alles furchtbar anstrengend." Die Fahrtkosten, monatlich gut 100 Euro, muss sie selbst aufbringen.

"Ich habe den Eindruck, dass wir den Behörden zu teuer werden. Ich möchte die Ordner eigentlich gerne schließen, den ständigen Rechtsstreit endlich beenden. Wir sind diesen LKW nicht gefahren, wir sind doch die Opfer", sagt sie resigniert. Ihr stehen die Tränen in den Augen, nicht zum ersten Mal während des Interviews.

"Mit dem Rücken zur Wand"

Auch ihr Mann Uwe Heinemann kämpft mit den Folgen des Anschlags. Er wurde zwar nicht körperlich verletzt, aber ein Trauma verhindert, dass er seinem Beruf als Ingenieur nachgehen kann. Oft sei er sehr angespannt, vergesslich und nervös. Besonders in der Öffentlichkeit plagen ihn Ängste. "Ich sehe immer zu, dass ich möglichst schnell mit dem Rücken zur Wand komme, um einen Überblick zu bekommen, was sich vor mir abspielt, damit ich mein Umfeld beobachten kann."

Bis zum Anschlag hat er als Ingenieur immer gut verdient, jetzt muss er um jeden Euro Ausgleichszahlung kämpfen. Obwohl auch bei ihm eine Posttraumatische Belastungsstörung und eine Depression diagnostiziert wurden, hat er keinen Anspruch auf eine Opferrente, weil ihm keine Behinderung von mehr als 25 Prozent anerkannt wurde. Uwe Heinemann geht dagegen vor.

Für die Heinemanns ist einzig der Umzug aufs Land ein Lichtblick. "Wir verbringen jetzt mehr Zeit mit unseren Enkelkindern, das hilft uns", sagt Sieglinde Heinemann zum Abschied. Noch immer hat sie Tränen in den Augen.

Die Wohnung zu verlassen, wird zur Herausforderung

Gerhard Zawatzki ist ein groß gewachsener Mann, kräftige Statur. Wenn der gebürtige Münchner spricht, spürt man sofort: Der Mann hat Humor, redet gerne mit Menschen. Doch sobald er über den 19. Dezember spricht, wirkt der zupackend erscheinende Mann zerbrechlich. Er ging mit Freunden über den Weihnachtsmarkt, als der Laster an ihm vorbeiraste.

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Auch Gerhard Zawatzkis Leben wurde durch den Anschlag aus der Bahn geworfen.

Zawatzki wurde körperlich nicht verletzt, doch was er sah, hat sein Leben auf den Kopf gestellt. Heute leidet er an einer Posttraumatischen Belastungsstörung: "Alleine die Wohnung zu verlassen, ist für mich zu einer Herausforderung geworden. Man vermeidet es, raus in die Öffentlichkeit zu gehen. Man wird gehemmter, das Leben zu genießen. Und meine Konzentrationsfähigkeit hat stark nachgelassen."

Anschlag beendet berufliche Karriere

Der 55-Jährige war lange selbstständig und hat in der IT-Branche immer gut verdient. Sein Leben war von beruflichem Erfolg geprägt - bis zu jenem Abend. Danach konnte er nicht mehr arbeiten wie vorher. Im vergangenen Jahr hat er versucht, in einem neuen Betrieb als Angestellter anzufangen.

Doch nach fünf Monaten musste er feststellen: Er schafft es nicht. Die damaligen Erlebnisse lähmen ihn: "Manchmal bin ich völlig antriebslos", sagt er. "Nachts habe ich Schwierigkeiten einzuschlafen und am Tage plagen mich Bilder, die eigentlich nicht zum Leben gehören sollten."

Seit dem Anschlag lebt er vor allem von seinen Ersparnissen. In diesem Jahr hat er von der Unfallkasse Berlin noch einige Monate ein Verletztengeld in Höhe von 1200 Euro monatlich erhalten. Doch das läuft Ende des Jahres aus, denn nach einer nur acht Wochen langen Therapie in einer Tagesklinik gilt er jetzt als gesund. Danach muss er zusehen, wie er klar kommt.

Ersthelfer: Offiziell keine Opfer des Anschlags

Zawatzki hat sich schon wenige Augenblicke, nachdem der Laster zum Stillstand kam, um die Verletzten gekümmert. Weil er in seiner Jugend als Rettungssanitäter tätig war, wusste er, was zu tun ist. "Nachdem ich kurz überprüft habe, wie es meinen Freunden geht, bin ich auf den Platz und habe erst einmal geschaut, wer hat welche Verletzung", erinnert er sich.

In seinen Armen stirbt eine junge Frau. Dann stößt er auf einen Mann, der eine schwere Kopfverletzung hat. "Meine Aufgabe war es dann, diesen Mann über eine Stunde lang wachzuhalten, bis er mit einem Krankenwagen abtransportiert werden konnte. Wäre er eingeschlafen, wäre er gestorben, hat mir der behandelnde Arzt später gesagt."

Zawatzki war Ersthelfer. Das ist ihm zum Verhängnis geworden. Für Ersthelfer wie ihn gilt: Sie sind zwar über die Unfallkasse versichert. Aber, weil er dazu in der Lage war zu helfen, gilt er nicht als Opfer des Terroranschlags, auch wenn er bis heute unter den Folgen des Attentats leidet. Hätte er damals nicht geholfen, bekäme er heute eine Opferentschädigung. Ersthelfer wie er fallen einfach durchs Raster.

Verpflichtet zu helfen

Doch er hat es nie bereut, dass er sich damals sofort entschlossen hat zu helfen. "Weggehen geht gar nicht, da hätte ich ja mit mir selbst nicht weiterleben können", sagt er entschlossen. "Zum einen bin ich als deutscher Staatsbürger verpflichtet, Erste Hilfe zu leisten. Zweitens bin ich als Christ zur Nächstenliebe verpflichtet und drittens war ich schon im Rettungsdienst tätig und weiß somit, wie ich helfen kann."

Trotz alledem hat Zawatzki zum Abschied auch etwas Positives zu erzählen. Im Februar 2018 traf er auf den Mann, dessen Leben er am 19. Dezember 2016 mit retten konnte. "Das hat mich unheimlich berührt, das war ein unglaublicher Moment, diesen Mann wieder auf eigenen Beinen stehen zu sehen."

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 19. Dezember 2019 um 06:45 Uhr.

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