Fahndungsfotos von Anis Amri, aufgenommen im Dezember in einer Wache in Frankfurt am Main | dpa
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Breitscheidplatz-Attentat Schwere Ermittlungspanne beim BKA

Stand: 14.06.2021 06:00 Uhr

Das BKA konnte bis heute zwei Rufnummern nicht identifizieren, die nach Auswertung einer Massendatenabfrage ein "ähnliches Bewegungsmuster" wie der Attentäter Amri aufweisen. Beide Nummern sind weiter aktiv.

Von René Althammer und Leon Becker, rbb

Einen Tag nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz, dem schwersten islamistischen Anschlag in Deutschland, ordnet ein Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof eine Massenabfrage von Mobilfunkdaten an. Die Funkzellen entlang der Fahrstrecke des LKW, den der Attentäter gekapert hatte, werden ausgewertet. Zehntausende Daten werden abgerufen und anschließend mit dem Verkehrsdaten-Analyse-Tool für Massendaten (VanToMas) ausgewertet.

Übrig bleiben 18 Nummern. Sie werden im Januar und Februar 2017 vom BKA ausgewertet. Die Nummern sind auffällig, weil es zeitliche und räumliche Überschneidungen mit den damals schon bekannten Mobilfunkdaten von Amri gibt. Am 22. Februar 2017 legen die ermittelnden Beamten ihren Abschlussbericht vor: 16 Anschlussinhaber identifiziert - alle ohne Beziehungen zu Amri. Übrig bleiben zwei Nummern: eine Nummer mit russischer Vorwahl und die Nummer 0088239 3261195090.

Das Bundeskriminalamt (BKA) konnte die Anschlussinhaber angeblich nicht feststellen. rbb24 Recherche hat die Ermittlungen nachvollzogen und ist zu einem anderen Ergebnis gekommen: Eine Nummer gehört zu einem Fahrzeug von BMW, bei der zweiten Nummer meldet sich ein Herr, der recht gut Deutsch spricht.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Satellitentelefon

Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Konstantin von Notz gehört seit Jahren zu denen, die den Anschlag in Deutschland parlamentarisch aufarbeiten. Bis heute glaubt er nicht, dass Anis Amri allein gehandelt hat, wie es die Ermittler seit Jahren immer wieder betonen. "Da ist diese Funkzellenauswertung ein wesentlicher Baustein", sagt von Notz. Denn über die so gewonnenen Bewegungsprofile könnten mögliche Mittäter und Mitwisser vielleicht identifiziert werden. Von Notz kennt die Akten.

Bis vor kurzem ist er davon ausgegangen, dass das BKA wohl Recht hatte und die Nummer 0088239 3261195090 höchstwahrscheinlich zu einem Satellitentelefon gehört. Trotzdem haben er und seine Kollegen nochmals nachgefragt, aber das Bundesinnenministerium hatte seit 2017 keine neuen Erkenntnisse.

rbb24 Recherche ist nach Gesprächen mit Experten und Recherchen in öffentlich zugänglichen Datenbanken zu einem anderen Ergebnis gekommen: Die Nummer gehört nicht zu einem Satellitentelefon, sondern zu einem Kommunikationsmodul in einem Fahrzeug von BMW. Das hätte auch das BKA herausfinden können.

Vorwahl verweist auf Mobilfunkfirma

Doch wie kam das BKA zu seiner Erkenntnis? Schritt eins der Spezialisten: eine Open-Source-Internetrecherche auf "helpster.de" - so steht es in den Akten. "helpster.de" ist eine Ratgeber-Plattform, die von "Beauty & Styling" bis zu "Handy & Festnetz" alles im Angebot hat. Dort suchten die Beamten nach der Vorwahl 0088 und bekamen zur Antwort: "Hier handelt es sich um Vorwahlen von Satellitentelefon-Netzbetreibern."

Das Problem: Die Vorwahl 0088 gibt es so gar nicht. Analysiert man die ganze Nummer, so stellt man fest, dass die korrekte Vorwahl 0088239 lautet. Der rbb fragte daraufhin bei der Bundesnetzagentur an. Die Antwort: "Die Kennzahl wurde von der ITU (International Telecommunication Union - Anm.d.Red.) am 20.06.2006 dem Unternehmen Vodafone Malta (Vodafone Group) zugeteilt."

Anfrage bei Vodafone, die Antwort kommt prompt. Vodafone bietet mit dieser Vorwahl spätestens seit 2013 in Deutschland einen weltweit funktionierenden Servicedienst an, der auch dem Telekommunikationsgesetz unterliegt. Das heißt, das Unternehmen muss den Sicherheitsbehörden auf Anfrage mitteilen, wer hinter einer Telefonnummer steckt.

Das BKA stellte eine sogenannte "automatisierten Abfrage" bei der Bundesnetzagentur - ohne Ergebnis. Eine direkte Anfrage nach der Vorwahl scheint jedoch nicht erfolgt zu sein. Nachfragen dazu beantworten weder die Generalbundesanwaltschaft noch das Bundesinnenministerium oder das BKA. Begründung: laufende Ermittlungen.

Geräte-IMEI verweist auf deutschen Hersteller

Doch das BKA war bei seinen Ermittlungen nicht allein auf Vodafone oder die Bundesnetzagentur angewiesen. Denn zu den Daten, die dem BKA seit der Funkzellenabfrage vorliegen, gehört auch die IMEI (International Mobile Equipment Identity) des Kommunikationsgerätes, das sich am 19. Dezember 2016 ins Netz "eingebucht" hatte.

Anhand der IMEI können Mobilfunkgeräte aller Art eindeutig identifiziert werden. Hat man die IMEI, dann kann man in Datenbanken danach recherchieren. Das haben die BKA-Beamten auch getan und herausgefunden: Die Nummer gehört zu einem Gerät namens "CIB eCALL EU - NAD6200GNSS" des Herstellers Peiker. NAD steht dabei für Network Access Device, ein Modul, das bei modernen Autos beispielsweise den Zugang ins Internet, die Satellitennavigation oder Telefonie ermöglicht. Peiker gehörte zu den Wegbereitern dieser Technik in Deutschland.

Nummer gehört zu einem BMW

Dieter Spaar ist ein ausgewiesener IT-Experte für Kommunikationstechnik im Automobilbereich. Er arbeitete schon mit dem ADAC zusammen und gilt als Kenner der Szene. 2016, so Spaar, war das Peiker NAD6200 "ein relativ aufwändiges Gerät". Es wurde vor allem bei Telematik-Geräten der Premiumhersteller in der Automobilindustrie eingesetzt. Doch eine Nachfrage des BKA bei Peiker, wer das NAD genutzt haben könnte, ist nicht dokumentiert. Recherchiert man zu Peiker, wird schnell deutlich, dass das Unternehmen lange sehr eng mit BMW zusammengearbeitet hat.

IT-Experte Spaar überprüfte anhand der in der IMEI enthaltenen Geräte-Seriennummer die Teilenummern für Telematik-Systeme bei BMW und wurde fündig. Auf Nachfrage bestätigte BMW dann, dass ein entsprechendes Gerät in einem Fahrzeug des Unternehmens verbaut wurde. Warum das BKA daran scheiterte? Wegen laufender Ermittlungen gibt es keine Antwort. BMW könnte helfen, den damaligen Nutzer ausfindig zu machen, wenn die Ermittler denn nachfragen.

Nicht jeden Stein umgedreht

Konstantin von Notz ist sich nicht sicher, ob es sich in diesem Fall nur um "Wurstigkeit" oder um "handwerkliche Fehler" handelt. Das Ergebnis passt für ihn aber ins Bild. Er wirft den Sicherheitsbehörden seit Langem vor, dem konkreten Tatverdacht, dass Amri Mittäter hatte, nicht wirklich nachzugehen. Die Ermittlungspanne gehört für ihn zu einer Reihe von Fehlern, bei denen bis heute unklar sei, wie es dazu kommen konnte und wer dafür verantwortlich sei.

Konstantin von Notz (Bündnis 90/Die Grünen), Archivbild | picture alliance/dpa

Ausschussmitglied von Notz fordert Aufklärung darüber, wie die Fahndungspannen passieren konnten. Bild: picture alliance/dpa

Zu diesem Bild passen auch die Ermittlungen zu der Nummer mit der russischen Vorwahl "079". Sie ist bis heute aktiv. Wenn man anruft, dann meldet sich ein Mann, der mit Akzent Deutsch spricht. Sein Telefon läuft über einen Provider in Tscherkessien auf der Nordseite des Kaukasus. Die IMEI des Telefons ist manipuliert. Für das BKA kein Anlass, um genauer nachzuforschen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 14. Juni 2021 um 08:09 Uhr.