Maskierte Polizisten stehen bei einer Razzia vor einem Haus des russischen Oligarchen Usmanow | dpa
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Steuerrazzia bei Usmanow 250 Beamte bundesweit im Einsatz

Stand: 21.09.2022 18:34 Uhr

Bundesweit haben Ermittler von Bundeskriminalamt und der Steuerfahndungen Häuser des russischen Oligarchen Usmanow durchsucht. Es geht um den Verdacht der Steuerhinterziehung, der Geldwäsche und des Verstoßes gegen das Außenwirtschaftsgesetz.

Von Claudia Gürkov, Axel Hemmerling, Ludwig Kendzia und Fabian Marder, BR/MDR

Kurz nach 9 Uhr fuhren die Ermittler in der Fischerstraße in Rottach-Egern am Tegernsee vor. Ihr Ziel: eine Villa mit großem Anwesen, einem Bootshaus und weiteren Häusern in der unmittelbaren Nachbarschaft. Hier soll der russisch-usbekische Oligarch Alischer Usmanow seit 2014 recht regelmäßig wohnen. Er steht seit Ausbruch des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine auf einer EU-Sanktionsliste. Sein Vermögen in der Europäischen Union ist eingefroren worden.

Nach Recherchen von BR und MDR begannen Ermittler des Bundeskriminalamtes und der Steuerfahndung vor Monaten, sich die Vermögensverhältnisse von Usmanow genauer anzuschauen. Hintergrund dafür sollen eine ganze Reihe von Geldwäscheverdachtsanzeigen gewesen sein, die mit Ausbruch des Krieges und der EU-Sanktionen von Banken gestellt worden sind.

Razzien an mehreren Orten

Dabei fiel den Ermittlern auf, dass Usmanow seit 2014 möglicherweise hätte Steuererklärungen abgeben müssen. Denn der russische Oligarch soll regelmäßig in seinem Haus in Rottach-Egern gewohnt haben. Nach dem Einkommenssteuergesetz, so der Vorwurf der Fahnder, wäre er demnach in Deutschland steuerpflichtig gewesen.

Da Usmanow offenbar diese Erklärungen nicht abgeben hat, steht er nun im Verdacht der millionenschweren Steuerhinterziehung. Unter anderem aus diesem Grund fanden die Razzien statt. Die zuständige Staatsanwaltschaft München II bestätigte lediglich, dass 24 Wohn- und Geschäftsräume durchsucht wurden, unter anderem in Rottach-Egern, München, Hamburg, Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein. Zu der Steuerrazzia wollte sie sich aus rechtlichen Gründen nicht äußern.

Die Staatsanwaltschaft München verdächtigt Usmanow, gegen die EU-Sanktionen verstoßen zu haben. Laut der Behörden ist er russischer Staatsbürger. Sein Anwesen in Rottach-Egern und weitere ihm zugerechnete Häuser am Tegernsee wurden offenbar von einer Sicherheitsfirma bewacht. Diese soll er mit Geldern bezahlt haben, die aus seinem eingefrorenen Vermögen stammen sollen. Mitarbeiter der Sicherheitsfirma gehören auch zu den Beschuldigten.

Doch bei der Razzia geht es in erster Linie um den Vorwurf der Geldwäsche und der Steuerhinterziehung. Usmanow habe über sein Netzwerk von Firmen, die überwiegend in Steuerparadiesen angesiedelt sein sollen, mehrstellige Millionenbeträge verschoben, teilte die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt mit. "Es besteht der Verdacht, dass die überwiesenen Geldbeträge aus Straftaten, insbesondere aus Steuerhinterziehungsdelikten, stammen", hieß es in der Erklärung der Generalstaatsanwaltschaft und des BKA. Diese Vorwürfe könnten unter anderem mit Usmanows verschiedenen Unternehmensbeteiligungen und internationalen Investitionen zusammenhängen.

Undurchsichtiges Geflecht von Offshore-Firmen

Dies ist verbunden mit dem Verdacht, dass er darauf in Deutschland seit 2014 keine Steuern gezahlt hat - obwohl er hier regelmäßig wohnte. Nach Recherchen von BR und MDR gehen die Ermittler unter anderem der Spur nach, das Usmanow durch ein undurchsichtiges Geflecht von Offshore-Firmen eine Mehrheit an der USM Holding Ltd hielt. Angeblich soll Usmanow 2014 Anteile davon unentgeltlich an die Holding zurückgegeben haben. Die Fahnder haben den Verdacht, dass hier Schenkungssteuer in Höhe von über einer halben Milliarde Euro fällig gewesen wäre.

In diesem Zusammenhang könnte für die Ermittler auch Usmanows geschäftliches Engagement beim englischen Top-Fußball Club Arsenal London von Interesse sein. Bereits 2007 war Usmanow über die Investmentgesellschaft Red and White Securitis Ltd. in den Club eingestiegen. Erst hatte er knapp 15 Prozent der Anteile gekauft. Diese stockte er dann auf 23 und in der Folge auf 30 Prozent auf. Als es zwischen Usmanow und weiteren Investoren zu einem Zerwürfnis kam, verkaufte er im August 2018 seine Anteile. Damit soll Usmanow Erlöse von mehr als einer halben Milliarde Euro erzielt haben. Auch hier wären möglicherweise Steuerzahlungen in Deutschland fällig gewesen.

Ansehnliche Luftfahrtflotte

Neben seinem Firmenimperium wird Usmanow eine ansehnliche Luftfahrtflotte zugerechnet. Dazu sollen ein Airbus A340-300, eine Dassault Falcon und zwei Airbus Helicopter gehören. Nach Informationen von BR und MDR sollen die Maschinen einem undurchsichtigen Geflecht von Gesellschaften in Zypern oder den Cayman Islands gehören.

Usmanow selber soll die Maschinen aber angeblich immer gemietet haben und das offenbar zu einem nicht angemessenen Preis. In der Fachsprache der Finanzermittlungen nennt man das eine verdeckte Gewinnausschüttung, mit der Vermögen verschleiert werden kann. Auch diesem Verdacht sollen die Ermittler nachgehen.

Neben den Immobilien und Anwesen, die im Zusammenhang mit dem Ermittlungsverfahren stehen sollen, wurde nach BR- und MDR-Recherchen auch eine Steuerberatungskanzlei in Bayern durchsucht. Sie soll im Verdacht stehen, an den mutmaßlichen Hinterziehungen beteiligt gewesen zu sein.

Auf Anfrage von MDR und BR weist Usmanov die gegen ihn erhobenen Vorwürfe zurück: Er sei ein zuverlässiger Steuerzahler. Darüber hinaus besäße er persönlich keinerlei Immobilien in Deutschland. Vielmehr gehörten die infrage stehenden Gebäude Familientrusts, zu deren Begünstigten Usmanov nicht zähle. Er teilte mit, dass er in Deutschland für die Benutzung der Immobilien eine marktübliche Miete gezahlt habe. Usmanov weist auch zurück, Briefkastenfirmen genutzt zu haben. Gegen den Vorwurf der Steuerhinterziehung werde er sich mit allen juristischen Mitteln wehren.

Über dieses Thema berichtete BR24 am 21. September 2022 um 14:34 Uhr.