Website "publikum.net"
Exklusiv

Journalismusplattform "publikum.net" Ein Modell mit Schwächen - und Gefahren

Stand: 19.06.2021 06:00 Uhr

Eine mit Bundesmitteln geförderte Plattform will den Journalismus neu denken und für weitere Akteure öffnen. Das Engagement ist lobenswert - das Modell jedoch anfällig für Desinformation und Missbrauch.

Von Wulf Rohwedder, tagesschau.de
Unsere Vision ist es, JournalistInnen und LeserInnen auf einer Plattform direkt, sowohl inhaltlich als auch finanziell, zusammenzubringen. Der ineffiziente Mittelsmann in Form der tradierten Verlagshäuser wird dabei übergangen und es werden neue Möglichkeiten für die Finanzierung von hochwertigem Journalismus geboten.

Diesen hohen Anspruch haben die Macher der journalistischen Plattform "publikum.net" für sich formuliert. Ihr Modell klingt zunächst einmal ebenso einfach wie sinnvoll: Leser können die Autoren über die Plattform direkt vergüten.

Wulf Rohwedder

Der größte Teil der eingenommenen Gelder geht dabei an die Schreibenden, nur ein kleiner Teil wird für Technik und Transferkosten einbehalten. Das überzeugte auch das Bundesministerium für Wirtschaft, das das Projekt im Rahmen eines Förderprogramms für innovative Geschäftsmodelle unterstützt.

Falschinformationen und Verschwörungsmythen

Tatsächlich finden sich auf der Seite ein ganze Reihe von gut recherchierten Fachartikeln, interessanten Essays und differenzierten Meinungsartikeln auf durchaus professionellem Niveau. Wenn man etwas weiterschaut, stößt man aber auch auf Beiträge, die die Meinungsfreiheit, vorsichtig gesagt, sehr weit auslegen: So werden darin längst widerlegte Falschbehauptungen, beispielsweise zur Corona-Pandemie und zu Impfsterblichkeit, als Tatsachen dargestellt oder Verschwörungsmythen wie die Existenz einer "Covid-19-PLANdemie" , die geschaffen worden sei, um "einen Überwachungsstaat zu etablieren", weiterverbreitet.

Noch weiter geht eine Autorin, die esoterisch-astrologisch verbrämte Reichsbürgermythen verbreitet, laut denen Deutschland weiterhin ein besetztes Land und Opfer "eines üblen PsyOp-Kriegsverbrechens" der alliierten Kräfte sei. Ein anderer bezeichnet Frauen, die abtreiben, pauschal als "Egoisten" und "Mörder" und empfiehlt als einzige Alternative die Enthaltsamkeit, sofern man keine Kinder zeugen will.

Nur "grob geprüft"

Das mag daran liegen, dass die Sichtung und redaktionelle Gewichtung nach Gutdünken der Macher erfolgt: "Die hochgeladenen Beiträge werden aktuell grob von uns überprüft und bekommen im Zweifelsfall eine geringe Sichtbarkeit beziehungsweise werden gegebenenfalls nicht zugelassen", erklärt einer der Gründer, Jan Szembek, gegenüber tagesschau.de.

Die Kriterien sind allerdings schwer nachvollziehbar. In den Nutzungsbedingungen heißt es lediglich: "Du darfst keine Inhalte in die Website einstellen, die illegal, beleidigend oder anderweitig schädlich für andere sind. Dazu gehören auch Inhalte, die belästigend, unangemessen oder beleidigend sind." Die Netiquette der Seite setzt die Grenzen bei Themen wie Gewalt, Terrorismus, sexueller Ausbeutung von Kindern, Beleidigung,Belästigung und Hetze.

Bisher alles in Handarbeit

Die Auswahl der besonders hervorgehobenen Beiträge finde aktuell noch händisch statt, während die im Feed automatisiert nach Publikationsdatum ausgespielt werden, sagt Szembek weiter. Dies führt allerdings dazu, dass dieser von zwei Nachrichtenagenturen dominiert wird, die eine hohe Anzahl von Beiträgen auf "publikum.net" veröffentlichen.

Mittelfristig sollen die Leserinnen und Leser personalisiert, anhand vom eigenen Leseverhalten und der Beurteilung der Community, die Inhalte dargestellt bekommen, die am relevantesten für sie sind, kündigt Mitgründer Szembek an.

Problematische Artikel erst nach Meldung gesichtet

In Bezug auf problematische Beiträge sagt Szembek, dass diese per E-Mail gemeldet werden können. "Wir werden die genannten Artikel überprüfen und entsprechende Maßnahmen ergreifen. Grundsätzlich möchten wir ein breites Themen- und Meinungsspektrum abdecken und den gesellschaftlichen Diskurs fördern."

Nach Angaben von "publikum.net" übernimmt aktuell nur eine einzige Person die gesamte redaktionelle Sichtung und Bewertung. Die Plattform lehnt zudem nach eigenen Angaben die presserechtliche Verantwortung für die dort veröffentlichen Beiträge ab.

Medienrechtler widerspricht

Tobias Gostomzyk, Professor für Medienrecht an der TU Dortmund, glaubt jedoch nicht, dass sich "publikum.net" so wie Twitter oder Facebook auf das Plattform- oder Provider-Privileg berufen kann, laut dem bestimmte Anbieter keine Verantwortung für ihre Inhalte übernehmen müssen. "Die Aufmachung, die Auswahl der Artikel nach eigenen Kriterien per Freischaltung und auch die Möglichkeit der Vergütung sprechen dafür, dass es sich um ein journalistisch-redaktionelles Angebot handelt", erklärt Gostomzyk gegenüber tagesschau.de. Darauf weise auch hin, dass die Website im Impressum Verantwortliche für den Inhalt nennen.

Zudem sind Telemedienanbieter gehalten, journalistisch-redaktionelle Sorgfaltspflichten einzuhalten: Sie müssen Inhalte vor der Verbreitung so überprüfen, dass sie von ihrer Wahrheit überzeugt sind, einen Mindestbestand an Beweistatsachen zusammentragen, Zitate klar kennzeichnen, Quellen angeben und bei Bedarf auch überprüfen. Seit November 2020 sichten die Landesmedienanstalten entsprechende Angebote und greifen gegebenenfalls ein.


Problematisches Modell

Eine Reihe von problematischen Beiträgen lässt befürchten, dass die bisherige Form der Kontrolle nicht ausreichen wird, zumal Artikel nach der Erstveröffentlichung noch geändert werden können. So blieben nach Hinweisen von tagesschau.de auf mehrere Artikel mit Falschbehauptungen zur Corona-Pandemie oder mit Reichsbürger-Thesen die Beiträge weiter online, wurden aber teilweise mit Links zu anderen Informationen versehen.

Einer der Autoren der Seite äußerte ebenfalls Zweifel an dem Modell: "Mir drängt sich die Frage auf, wie es Publikum.net gelingen soll, die Masse an Beiträgen so zu kontrollieren, dass Desinformation und Missbrauch ausgeschlossen werden können. Insbesondere, weil durch die Anpassungs-Funktion, die Artikel-Inhalte jederzeit verändert werden können", schreibt er auf "publikum.net".