Krebsbehandlung
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Betrug mit Krebsarzneien Medizinische Versorgungszentren als Hintertür?

Stand: 18.12.2019 16:22 Uhr

Nach Recherchen von Panorama und "Zeit Online" soll ZytoService mindestens 26,8 Millionen Euro durch eine neue Betrugsmethode vereinnahmt haben. Der Marktführer für Infusionen von Krebsarzneien nutzte dabei womöglich eine Gesetzeslücke.

Von Robert Bongen, Oliver Hollenstein, Oliver Schröm und Caroline Walter, NDR

Hinter dem am Dienstag bekannt gewordenen Betrugsverdacht mit Krebsmedikamenten steckt außer der Bestechung von Ärzten offenbar ein Betrugssystem mit Medizinischen Versorgungszentren (MVZ). Aufgrund des Verdachtes durchsuchten am Dienstag nach einer neuen Mitteilung der Staatsanwaltschaft 480 Polizisten die Hamburger Firma ZytoService und etliche Arztpraxen - insgesamt 57 Objekte.

Bisher ist bekannt, dass der Marktführer für die Herstellung von Infusionen für Krebstherapien Ärzte bestochen haben soll, damit das Unternehmen im Gegenzug die lukrativen Rezepte für die Medikamente erhält.

Offenbar eigenes Netz von Arztpraxen

Nach Recherchen des ARD-Magazins Panorama und "Zeit Online" hat der Fall ZytoService eine weitere und bislang unbekannte Dimension: Neben der klassischen Bestechung über versteckte Geldflüsse an selbständige Ärzte kaufte ZytoService über ein verflochtenes Firmenkonstrukt bundesweit ganze Arztpraxen auf. Nach Recherchen von Panorama soll ZytoService ein Vielfaches des üblichen Marktpreises gezahlt haben.

Umsatzbeteiligungen für Ärzte

Die dann dort angestellten Ärzte sollen Rezepte für die Herstellung der Infusionen von Krebsarzneien exklusiv an ZytoService weitergeleitet haben. Im Gegenzug sollen die angestellten MVZ-Ärzte eine Beteiligung am Umsatz als Boni für die Rezepte erhalten haben.

Durch diesen finanziellen Anreiz könnte ZytoService ihre angestellten Ärzte dazu verleitet haben, möglichst viele Therapien oder besonders teure Medikamente zu verordnen.

"Es liegt natürlich die Gefahr auf der Hand, dass der Arzt, um den Gewinn des Konzerns zu steigern, auch teure Medikamente einsetzt, die gar nicht medizinisch geboten sind", sagt Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft und selbst Onkologe. "Nur über die Menge der verordneten Zytostatika oder Antikörper wird dann Profit in diesem Konstrukt erzielt." Das sei nicht im Sinne der Patientensicherheit.

Wolf-Dieter Ludwig (Screenshot)

Experte Ludwig sieht durch das Vorgehen die Patientensicherheit gefährdet.

Hersteller dürfen keine Arztpraxen betreiben

Aus diesem Grund ist es auch Apothekern und Herstellerbetrieben wie ZytoService verboten, sich an Arztpraxen zu beteiligen und damit die Nachfrage nach ihrem eigenen Produkt zu kontrollieren. Mit einer Regelung aus dem Jahr 2012, dem GKR-Versorgungsstrukturgesetz, will der Gesetzgeber sicherstellen, dass die Eigentümer der Praxen am Patientenwohl und an der Gesundheit der Bevölkerung interessiert sind und nicht vorrangig an wirtschaftlichen Interessen.

Krankenkassen sprechen von Millionenschäden

"Wenn Ärzte nicht wirtschaftlich unabhängig arbeiten können, dann kann es passieren, dass sie beispielsweise Medikamente, in diesem Fall Chemotherapien, verordnen, die vielleicht teurer sind als die Standardtherapie, die völlig ausreichend wäre. Es kann aber auch passieren, dass Patienten zu viele Medikamente verabreicht bekommen. Das wissen wir aber nicht genau, da warten wir jetzt auch die Ergebnisse der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen ab", sagt Jörg Bodanowitz von der DAK.

Nach Überzeugung der Krankenkassen DAK und TK hat ZytoService gegen die Verbotsregelung von 2012 verstoßen und hätte deshalb die Medikamente bei den Krankenkassen nicht abrechnen dürfen. Die TK beziffert den Schaden durch zu Unrecht abgerechnete Rezepte auf 8,6 Millionen Euro, die DAK gar auf 18,2 Millionen Euro.

Razzia der Polizei (Screenshot)

Die Polizei sicherte bei ZytoService Beweismittel.

Verbot durch "Strohmann"-Klinik und MVZ umgangen?

Unklar ist jedoch, ob ZytoService nicht einfach eine Gesetzeslücke nutzte. Bei der Verbotsregelung gibt es Ausnahmen. Gemeinnützige Organisationen oder Krankenhäuser dürfen nämlich MVZs gründen oder besitzen. Und auf dem Papier ist ZytoService selbst nicht Gründer und Besitzer der fraglichen MVZs, sondern die "Stadtteilklinik" in Hamburg-Mümmelmannsberg.

Dieses sehr kleine Krankenhaus hat selbst keine onkologische Abteilung und verfügt lediglich über 15 Betten. Doch seit 2014 wurden über diese Klinik bundesweit 15 MVZs gegründet. Und Inhaber der Klinik ist auch nicht ZytoService selbst, sondern der Mutterkonzern Alanta Health Group.

Sowohl die DAK als auch die Staatsanwaltschaft Hamburg erkennen deshalb nicht an, dass die "Stadtteilklinik" die Voraussetzung für eine Ausnahmeregelung erfüllt und MVZs gründen und besitzen darf. Aus der Sicht der Krankenkasse und der Staatsanwaltschaft handelt es sich um eine "Strohmann"-Klinik, mit der die Verbotsregelung unterlaufen werden soll.

Ermittlungen noch nicht abgeschlossen

"Der Gesetzgeber möchte finanzielle Interessen von Apothekern und Ärzten voneinander trennen und hat es deshalb Apothekern untersagt, Arztpraxen oder auch medizinische Versorgungszentren zu gründen", sagt die Hamburger Staatsanwältin Liddy Oechtering gegenüber Panorama. "Wir hoffen, dass durch dieses Ermittlungsverfahren auch grundlegende Fragen zur Korruption im Gesundheitswesen geklärt werden können."

Staatsanwältin Liddy Oechtering (Screenshot)

Staatsanwältin Oechtering glaubt, dass das Verfahren grundlegende Bedeutung hat.

ZytoService beziehungsweise der Mutterkonzern Alanta Health Group hat auf die Bitte um Stellungnahme nicht reagiert.

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Mehr zu dem Thema in Panorama am 19.12.2019 um 21:45 Uhr im Ersten.