T-Shirts und Hemden an Kleiderbügeln | STRG_F
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Deutsche Markenkleidung Baumwolle aus Zwangsarbeit?

Stand: 05.05.2022 16:00 Uhr

Adidas, Hugo Boss, Puma und weitere deutsche Textilfirmen verkaufen nach Recherchen von STRG_F offenbar weiter Ware, die Baumwolle aus der chinesischen Region Xinjiang enthält. Dort werden Menschen zur Arbeit gezwungen.

Von Manuel Daubenberger und Florian Guckelsberger, NDR

Narben an Handgelenken, Kopf und Rücken sind die stummen Zeugen des Martyriums, das Erbaqyt Otarbai durchlitten hat. Der 46-Jährige erzählt, er sei über Monate in der chinesischen Region Xinjiang inhaftiert gewesen und in dieser Zeit fixiert, geschlagen und mit Elektroschocks gefoltert worden: "Einmal haben sie mich mit in den Duschraum genommen und dort mit Stromtasern bearbeitet."

Später sei Otarbai aus dem Gefängnis in ein Arbeitslager gebracht worden und hätte dort Kleidung nähen müssen. "Das war eine sehr anstrengende Arbeit", erinnert er sich. Eine Wahl hatte er nicht: "Wer nicht gut gearbeitet hat, wurde wieder ins Gefängnis geschickt. Und dahin wollte niemand zurück."

Erbaqyt Otarbai | STRG_F

Erbaqyt Otarbai hat in einem Arbeitslager Kleidung nähen müssen. Bild: STRG_F

Verdacht der systematischen Zwangsarbeit

Es sind Berichte wie diese, die Baumwolle und Textil-Produkte aus Xinjiang unter den Verdacht der systematischen Zwangsarbeit gebracht haben - und wegen der auch deutsche Unternehmen behauptet haben, keine Produkte mehr aus der chinesischen Provinz zu beziehen. Doch Recherchen des Reportageformats STRG_F legen nahe, dass in Kleidung deutscher Marken wie adidas, Hugo Boss, Puma und Jack Wolfskin weiter Baumwolle aus Xinjiang stecken könnte.

Schlüssel zu dieser Recherche ist die Analyse der Isotopen, die sich in Baumwollprodukten finden. Sie ergeben ein Muster, das verrät, aus welchem Teil der Welt das Material stammt. In Zusammenarbeit mit dem Agroisolab in Jülich und der Hochschule Niederrhein hat das Recherche-Team diese Methode erstmals genutzt, um die Herkunft von Baumwolle in Kleidung zu bestimmen. Mit klaren Ergebnissen: Die Forscher fanden Hinweise auf Baumwolle aus Xinjiang in T-Shirts von Puma und adidas, Hemden von Hugo Boss und Jack Wolfskin sowie einem Pullover von Tom Tailor.

Ethnische Minderheiten besonders betroffen

Die Recherche zeigt, wie deutsche Unternehmen potenziell von der Ausbeutung insbesondere ethnischer Minderheiten in Xinjiang profitieren. Denn die Berichte von Augenzeugen wie Otarbai sind Ausdruck systematischer Unterdrückung. "In Xinjiang gibt es eine sehr große Gefängnis-Industrie - also Haftanstalten und Unternehmen, die mit ihnen kooperieren und so an billige Arbeitskräfte kommen", erklärt Rune Steenberg, der zur Lage der muslimischen Minderheit der Uiguren in Xinjiang forscht. Er berichtet von einem drastischen Anstieg der Haftstrafen: "Zwischen 2013 und 2018 hat sich die Zahl der jährlich Inhaftierten fast verzehnfacht."

Eine Einschätzung, die Wang Leizhang* teilt. Der ehemalige chinesische Polizist kennt das System der Unterdrückung. Bereits bei der Festnahme drohe Gewalt, ebenso im Verhör. "Wer einschläft, wird geschlagen", sagt Wang. Nach der Verhaftung drohe Zwangsarbeit: "In allen Gefängnissen werden Inhaftierte zur Arbeit gezwungen, daran verdienen die Betreiber."

Zwangsarbeit oder Gefängnis

Zwangsarbeit ist auch auf den Baumwollfeldern von Xinjiang dokumentiert. Knapp 90 Prozent der chinesischen Baumwolle werden dort produziert, das ist rund ein Fünftel der weltweiten Produktion. Unter welchen Umständen, davon berichtet der Baumwollfarmer Eyüp Enwer*. Teilweise seien bis zu 20 Prozent der Bewohner eines Dorfes zur Zwangsarbeit geschickt worden, und es seien von Jahr zu Jahr mehr geworden. "Acht bis zehn Stunden Baumwolle zu ernten ist schwere Arbeit", sagt Eyüp. "Du kannst nicht sitzen, verbringst den Tag vornüber gebeugt, der Rücken schmerzt."

Wer sich weigert, dem drohe Gefängnis. "Ich habe mitbekommen, wie einmal 175 Uiguren in ein Lager gebracht wurden, weil sie nicht ernten wollten - zwischen fünf und 15 Jahren Haft haben sie dafür bekommen." Handernte ist besonders bei langfaseriger Baumwolle wichtig, die vor allem im Süden von Xinjiang wächst, wo viele Uiguren leben. Diese Baumwolle, insbesondere in Bio-Qualität, gilt als wertvoll und wird vor allem in den Westen exportiert - und landet am Ende offenbar auch in Kleidung von adidas, Hugo Boss, Puma, Jack Wolfskin und Tom Tailor.

Immer noch viel Handarbeit notwendig

Die chinesische Regierung bestreitet den Vorwurf der Zwangsarbeit. Auf den Plantagen sei diese schon deshalb ausgeschlossen, weil nahezu die gesamte Baumwolle mit Hilfe von Maschinen geerntet werde. Das Rechercheteam hat deshalb in Zusammenarbeit mit dem Unternehmen Vertical 52 die Agrarflächen Xinjiangs per Satellit untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass zuletzt rund ein Drittel der Ernte per Hand gepflückt wurde. Im Süden von Xinjiang ist es laut dieser eigens für diese Recherche entwickelten Methode sogar rund die Hälfte.

Hersteller bestreiten Vorwürfe

Auf Nachfrage blieben die Hersteller bei ihrer Behauptung, keine Baumwolle aus Xinjiang zu beziehen. Adidas teilte schriftlich mit, es beziehe Baumwolle ausschließlich aus anderen Ländern. Puma erklärte: "Auf Basis aller gesammelten Informationen, die wir eingeholt haben, und Rückverfolgung sowie Kontrollen, die wir etabliert haben, können wir sagen, dass in unseren Produkten keine Baumwolle aus Xinjiang verwendet wird."

Hugo Boss erklärte, keine Zwangsarbeit in seinen Lieferketten zu tolerieren und blieb bei seiner Aussage, keine Waren direkt aus Xinjiang zu beziehen. Jack Wolfskin ging auf die Frage nach Baumwolle aus Xinjiang in ihren Lieferketten nicht ein, sondern betonte, dass sie keine Zwangsarbeit dulden. Tom Tailor hat sich trotz mehrfacher Nachfrage nicht geäußert.

Doch die Lieferketten in China seien für Unternehmen kaum zu kontrollieren, sagt ein Auditor, der seit Jahren Zulieferbetriebe in China überprüft. Er spricht exklusiv aber aus Angst um seine chinesischen Mitarbeiter nur anonym mit dem Recherche-Team: "Es ist theoretisch möglich, aber höchst unwahrscheinlich, dass westliche Unternehmen tatsächlich mit Sicherheit sagen können, dass in ihren Baumwoll-Lieferketten in Xinjiang keine Zwangsarbeit stattfindet." Denn: Kein Audit-Unternehmen könne derzeit unabhängig in Xinjiang arbeiten.

* Namen geändert

Sendehinweis: Über dieses Thema berichtet Panorama heute Abend um 21:45 Uhr in der ARD

Über dieses Thema berichtete Panorama am 05. Mai 2022 um 21:45 Uhr.