Mohamedou Ould Slahi am Strand in Mauretanien
Exklusiv

Ex-US-Militär über Guantanamo "Es war Folter"

Stand: 02.09.2021 06:00 Uhr

Zum ersten Mal weltweit räumen frühere US-Militärangehörige öffentlich ein, Guantanamo-Insassen misshandelt zu haben. Einer spricht gegenüber dem NDR und der "Zeit" sogar von Folter.

Von John Goetz und Stefan Buchen, NDR

"Seine Angst war absolut. Er dachte wahrscheinlich, dass er gleich getötet wird." So beschreibt ein Ex-Mitarbeiter des "Special Project Teams", der sich "Mister X" nennt, sein Opfer. Die Identität von "Mister X", der nicht mit Klarnamen genannt werden möchte, ist dem NDR bekannt.

Im Interview spricht "Mister X" zunächst von "robusten Techniken", die heute illegal seien. Auf Nachfrage räumt das ehemalige Mitglied des US-Vernehmungsteams dann aber ein: "Das war Folter". Auch andere Wärter hätten gefoltert, einmal habe sein Opfer eine blutige Nase, aufgeplatzte und geschwollene Lippen und Augen gehabt. 

"Fast zweimal umgebracht"

Mohamedou Ould Slahi, der heute in Mauretanien lebt, schildert die Vorgänge deckungsgleich. Ein Peiniger habe ihm immer wieder Eimer mit kaltem Wasser über den Körper gegossen, um ihn zum Reden zu bringen. "Ich sollte ein Geständnis ablegen, aber selbst, wenn ich etwas zu sagen gehabt hätte, hätte ich nicht mehr sprechen können. Ich war schon zu unterkühlt. Dieser Mann hat mich zweimal fast umgebracht", berichtet der heute 51-jährige Slahi.

Im Al-Kaida-Lager ausgebildet

Slahi war 1988 als Stipendiat der Carl Duisberg Gesellschaft aus Mauretanien nach Deutschland gekommen. Während seines Studiums schloss er sich freiwillig den Mudschaheddin in Afghanistan an, die damals mit Hilfe der USA gegen die von der Sowjetunion unterstützte afghanische Regierung kämpften. Mehrere Monate war er in einem Ausbildungslager des späteren Al-Kaida-Führers Osama bin Laden.

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland brach er - nach eigener Aussage - seine Kontakte zu Al Kaida ab, hatte aber weiterhin Kontakt zu Freunden in der islamistischen Szene. Slahi wurde von den USA nach Guantanamo entführt und in dem umstrittenen Lager von 2002 bis 2016 gefangen gehalten. Das US-Verteidigungsministerium warf ihm vor, drei der vier beteiligten Todespiloten im Auftrag von bin Laden rekrutiert zu haben. Das mündete aber nie in eine Anklage oder ein reguläres Gerichtsverfahren. Nachdem sowohl die US-Militärjustiz als auch die Geheimdienste zu der Überzeugung gelangten, dass gegen Slahi keine Beweise vorlagen, ließ die US-Regierung ihn 2016 frei.

Mohamedou Ould Slahi | Sendungsbild NDR Panorama

Slahi lebt heute in Mauretanien. Bild: Sendungsbild NDR Panorama

Angeblich mit Vergewaltigung bedroht

Slahi hatte seine Unschuld stets beteuert. Zu einem vermeintlichen Geständnis kam es erst, als der Leiter des "Special Projects Teams", ein Polizeikommissar aus Chicago namens Richard Zuley, die Verhörmethoden änderte. Zuley berichtet, er habe Slahi 2003 ein Schreiben präsentiert, das wie ein offizieller Brief des US-Außenministeriums ausgesehen habe und so eine Drohung vortäuschte. Das Schreiben legte nahe, dass Slahis Mutter nach Guantanamo gebracht und dort männlichen Insassen überlassen werden könnte.

Zuley schildert den Erfolg seiner vorgetäuschten Vergewaltigungsandrohung: "Ich beobachtete ihn, wie seine Augen die vier der fünf Absätze des Schreibens überflogen. Ich sah, wie sich Tränen in seinen Augen bildeten und über sein Gesicht strömten." Danach habe Slahi jede Menge Informationen geliefert, die angeblich das Innenleben der Terrororganisation Al-Kaida beschrieben.

"Geständnis" laut Lügendetektor falsch

Der große, wenn auch zweifelhafte Erfolg des US-Vernehmers wurde allerdings wenige Monate danach zunichte gemacht, als ein offizieller Lügendetektor-Test der US-Amerikaner zeigte, dass Slahis "Geständnis" nach der Vergewaltigungsandrohung wesentlich aus falschen Informationen bestand. Auch eine Wiederholung dieses Tests bestätigte den Befund.

Eine Analystin des "Special Projects Teams", die Slahi ausgiebig befragte, bestätigte, die "speziellen Vernehmungsmethoden" seien im Falle Slahi vom damaligen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld persönlich genehmigt worden. Sie selbst habe in Guantanamo empfohlen, den Mauretanier von den übrigen Gefangenen zu isolieren, was dann auch geschah. Außerdem habe sie beobachtet, wie Slahi von anderen Wärtern geschlagen wurde.

Der ehemalige US-Militärstaatsanwalt Stuart Couch | NDR Sendungsbild Panorama

Der ehemalige US-Militärstaatsanwalt Stuart Couch wirft den damals Beteiligten Folter vor. Bild: NDR Sendungsbild Panorama

Staatsanwalt sieht Folter

"Was man mit Slahi gemacht hat, war Folter", räumt der ehemalige US-Militärstaatsanwalt Stuart Couch ein, der im Fall Slahi ermittelte. Couch, der heute als Richter arbeitet, sagt, die Aussagen hätten sich vor Gericht ohnehin nicht verwenden lassen, weil sie illegal zustande gekommen seien.

Heute blicken die Mitglieder des US-Vernehmungsteams unterschiedlich auf ihre Tätigkeit in Guantanamo zurück. Während "Mister X" Bedauern über seine Gewalttaten gegen Slahi äußert und diese als "falsch" bezeichnet, beharrt der ehemalige Teamleiter Zuley darauf, dass die Methoden angemessen gewesen seien. "Unsere Aufgabe war es, an verborgene Informationen zu kommen, um einen weiteren möglichen Terroranschlag auf die USA zu verhindern", meint Zuley.

Die frühere Analystin des "Special Projects Teams"  | NDR Sendungsbild Pamorama

Die frühere Analystin des "Special Projects Teams" meint, dass Slahi mit den Tode büßen sollte. Bild: NDR Sendungsbild Pamorama

"Genug war es nicht"

Auch die frühere Analystin des "Special Projects Teams" rechtfertigt das Vorgehen bis heute: "Immerhin hat Slahi 14 Jahre in Guantanamo gesessen. Das ist mehr als nichts. Aber genug war es nicht." Auf die Nachfrage, was "genug" gewesen wäre, antwortete die ehemalige Regierungsangestellte: "Der Tod. Er hätte mit seinem Leben büßen müssen." Ein Wärter sagt heute dagegen: "Ich kann mich nicht für die Regierung entschuldigen. Das geht nicht. Aber ich selbst kann darum bitten, mir zu vergeben."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 02. September 2021 um 12:00 Uhr.