Eine Krankenschwester auf der Intensivstation einer Klinik in Sachsen  | dpa
Exklusiv

DIVI-Register zu Intensivstationen Hohe Fallzahlen befürchtet

Stand: 04.03.2021 06:00 Uhr

Laut neuen Zahlen des Prognosemodells zur Intensivbettenauslastung, die dem ARD-Magazin Panorama vorliegen, könnten die kommenden Lockerungen und Öffnungen zu einem deutlichen Anstieg der Patientenzahlen führen.

Von J. Edelhoff, B. Roesner, A. Ruprecht und I. Stroeh, NDR

Führen die Öffnungen nach dem 7. März zu einem Anstieg des R-Wertes auf ungefähr 1,4, könnte die Zahl der Corona-Patientinnen und Patienten auf Intensivstationen auf mehr als 10.000 hochschnellen. Das geht aus neuen Zahlen des Prognosemodells zur Intensivbettenauslastung hervor, die die Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) heute vorstellen will.

"Das wäre ein absoluter Höchststand, den wir bisher noch nie in der Intensivmedizin hatten", warnt Christan Karagiannidis vom DIVI-Intensivregister. "Ich bin überzeugt, dass wir damit nicht gut zurechtkommen würden. Die Qualität der Versorgung würde definitiv darunter leiden."

Der bisherige Höchststand hatte im Januar bei 6.000 Corona-Patientinnen und Patienten auf Intensivstationen gelegen. In der bisherigen Spitze, der Grippewelle 2018, habe die Belegung bei 3000 gleichzeitig gelegen.

Wenn der R-Wert auf etwa 1,2 steigt, würde dies ebenfalls zu einer dritten Welle mit mehr als 5000 Corona-Patientinnen und -Patienten führen, selbst wenn acht Millionen Impfdosen pro Woche verimpft würden. Grundsätzlich begrüßen die Medizinerinnen und Mediziner des DIVI, die aktuellen Beschlüsse: "Noch sieht der R-Wert ganz gut aus. Wichtig ist aber, dass die Menschen sich weiter diszipliniert verhalten, sonst bekommen die Intensivstationen Probleme."

Impfpläne bereits eingerechnet

In die neuen Zahlen des Prognosemodells sind die aktuellen Impfpläne der Bundesregierung eingerechnet. "Egal wie schnell oder langsam wir jetzt impfen. Wenn wir jetzt zu viele Kontakte zulassen und der R-Wert wieder richtig hochgeht, dann fliegt uns das Ding auf den Intensivstationen um die Ohren", so Karagiannidis.

Pflegende und Ärztinnen und Ärzte seien zudem ausgelaugt und müde nach dem harten Kampf auf den Intensivstationen in den vergangenen Monaten. Panorama begleitet seit Längerem Klinikpersonal auf Intensivstationen. "Den Patienten geht es von jetzt auf gleich schlecht. Es ist so geballt, es ist so unvorhersehbar", berichtet etwa Intensivpflegerin Michaela Strätz aus Dresden.

Nächste drei bis vier Wochen entscheidend

Regelmäßig muss sie mit ihren Kolleginnen und Kollegen schwerkranke Patientinnen und Patienten vom Rücken auf den Bauch drehen. Körperliche Höchstleistung, bei der kein Zugang und kein Schlauch verrutschen darf. Hinzu kommt die eigene Isolation: Über Stunden und in voller Schutzausrüstung arbeitet sie in den Patientenzimmern, kümmert sich wochenlang um die Covid-Patientinnen und -Patienten. Dass die Corona-Zahlen wieder hochgehen, beschäftigt Strätz sehr: "Das macht einem Angst, weil man dann überlegt: Okay, wie wird das dann auf der Intensivstation? Wird das wieder so schlimm wie gerade zu Weihnachten und Silvester und dann bis Ende Januar rein?"

Die nächsten drei bis vier Wochen bieten laut den neuesten Zahlen aus dem Prognosemodell aber auch eine große Chance. Gelingt es den R-Wert im März unter 1,2 zu halten, werden laut Prognosemodell etwa 1000 Patientinnen und Patienten in der Spitze auf den Intensivstationen liegen. "Also die nächsten drei bis vier Wochen sind für uns ganz entscheidend, um das Spiel jetzt auch nicht in der Nachspielzeit zu verlieren", sagt Karagiannidis: "Jetzt ist wirklich Licht am Ende des Tunnels. Ich glaube, dann kann man nochmal die ganzen Kräfte mobilisieren."

Öffnungen trotz hoher Inzidenzen

Bund und Länder haben sich trotz steigender Zahlen auf weitere kleine Öffnungsschritte geeinigt. Die Medizinerinnen und Mediziner der DIVI empfehlen, dass die Öffnungsschritte eng überprüft werden: "Das bedeutet, wenn ich Schulen öffne, dann kann ich das tun. Aber dann muss ich auch dicht dran sein an den Eltern und an den Lehrern und testen, ob die sich infizieren oder nicht", so Karagiannidis. Auch Öffnungen im Einzelhandel seien möglich, wenn die Menschen FFP2-Masken trügen und bei Ansteckungen schnell reagierten.

Die Medizinerinnen und Mediziner der DIVI widersprechen mit ihren Prognosen auch Aussagen der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) aus der vergangen Woche. Deren designierter Hauptgeschäftsführer Gerald Gaß hatte der Zeitung "Die Welt" gesagt: "Wir können in dieser Situation auch mit einer Inzidenz von 50 oder 70 leben und wieder Lockerungen zulassen, ohne dass die Kliniken überlastet sein werden." Neben den Bildungseinrichtungen sollte man auch über Kulturveranstaltungen und Gastronomie nachdenken, so Gaß.

Karagiannidis entgegnet: "Wir haben immer noch knapp unter 3000 Patienten, und das ist historisch ein absoluter Spitzenwert. Jetzt kamen Daten aus Dänemark, die gezeigt haben, dass deutlich mehr Patienten ins Krankenhaus müssen, wenn sie die britische Mutante haben. Wenn sich das bestätigt, bedeutet das, dass ich bei den gleichen Inzidenz-Werten, die ich vielleicht vor zwei Monaten habe, viel mehr Patienten im Krankenhaus habe. Deswegen ist mein Credo, dass wir von solchen Aussagen Abstand nehmen sollten."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 16. Februar 2021 um 10:08 Uhr.