Mit einer kostenlosen Software lassen sich die Daten in wenigen Minuten wiederherstellen. | Bildquelle: NDR

Datenrettung Das Geschäft mit der Verzweiflung

Stand: 15.10.2019 15:03 Uhr

Wer auf Laptops oder Festplatten Daten verliert, hofft auf die Hilfe von "Datenrettern". Doch einige Anbieter nutzen die Ahnungslosigkeit ihrer Kunden schamlos aus.

Von Armin Ghassim und Nils Naber, NDR

Plötzlich ist der Bildschirm schwarz - nichts geht mehr, alles ist weg: Wichtige Arbeitsdokumente, Urlaubsfotos, einmalige Erinnerungen. Das ist dem Pflegeunternehmer Philipp Leusbrock passiert. Er sitzt gerade an einem wichtigen Projekt, da passiert es: Der Laptop stürzt plötzlich ab und fährt nicht mehr hoch.

Also sucht er Hilfe. Er klickt gleich auf den ersten Treffer: datenklinik.com. Er ruft kostenlos unter einer 0800-Nummer an und hat zunächst ein gutes Gefühl. Nach Köln soll er seine Festplatte schicken. Wenig später sagt ihm der Kundenberater, dass der Datenträger nun zur intensiven Bearbeitung nach England müsse. Die Chancen auf eine erfolgreiche Datenrettung seien sehr hoch, sagt man ihm telefonisch. Er müsse nur in Vorleistung treten: 625 Euro.

In komplizierten Fällen müssen die Datenträger in einem Reinraum bearbeitet werden. Dann sind die hohen Preise gerechtfertigt. | Bildquelle: NDR
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In komplizierten Fällen müssen die Datenträger in einem Reinraum bearbeitet werden. Dann sind die hohen Preise gerechtfertigt.

Sitz im Ausland - keine Rückzahlung bei Misserfolg

Im schriftlichen Angebot heißt es dann, dass die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Datenrettung bei 70 Prozent liegt. Doch Leusbrock hatte sich am Telefon überzeugen lassen, dass in seinem Fall eine erfolgreiche Datenrettung sehr wahrscheinlich ist. Er überweist das Geld und hört wochenlang nichts mehr. Dann wird ihm mitgeteilt, dass die Daten nicht mehr zu retten sind. Das Geld ist aber laut AGB nicht zurückzuerstatten.

Diese Geschichte erzählen während der Recherche immer wieder Kunden aus ganz Deutschland: Vorleistung zwischen 500 und 800 Euro, keine Daten zurück und das Geld ist weg. Etliche Firmen werben bei Google aggressiv damit, dass sie verlorene Daten retten können. Mit Adressen in vielen deutschen Städten erwecken sie den Eindruck, lokale Unternehmen zu sein.

Hinter "Datenklinik" steckt eine Firma in Wales: Fields Associates Limited. Sie sagt, dass den Kunden schriftlich immer eine Erfolgswahrscheinlichkeit von 70 Prozent mitgeteilt worden sei - und macht keine Angaben dazu, dass am Telefon offenbar andere Versprechungen gemacht werden.

Der Firma gehören viele verschiedene Datenrettungsportale in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Spanien und Italien. In Deutschland gibt es beispielsweise noch die Seite "Datenphoenix", zu der uns ebenfalls viele Beschwerden mit demselben Muster erreicht haben. Fields hat außerdem eine Tochterfirma in Thailand. Dort betreibt die Firma offenbar ein Call-Center, in dem muttersprachliche Verkäufer und Kundenbetreuer sich um die verzweifelten Kunden in Europa kümmern.

Der Sachverständige Jürgen Kupfrian beobachtet die Branche seit Jahren kritisch. | Bildquelle: NDR
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Der Sachverständige Jürgen Kupfrian beobachtet die Branche seit Jahren kritisch.

Kein Einzelfall in der Branche

Doch auch andere Anbieter wirken unseriös. In Online-Foren berichten Kunden, dass sie sich betrogen fühlen. Also testen wir sie selbst: Wir schicken SSD-Datenträger mit immer demselben einfachen Fehler an verschiedene Firmen: Eine gelöschte Partitionsstruktur. Die Daten wären mit einer kostenlosen Software wie "Testdisk" in wenigen Minuten zu retten. Doch die Vermutung bestätigt sich: Bis zu 3189 Euro wollen die Firmen für eine schnelle Datenrettung bei solch einem einfachen Fehler.

Die Unternehmen behaupten, es sei ein komplizierter Defekt, die SSD müsse etwa in die "Forschungsabteilung" der Firma. Der Anbieter "Datenrettung Deutschland", hinter dem das österreichische Unternehmen "Enaris GmbH" steckt, behauptet bei einem ersten Telefonat gar, dass die Magnetscheibe defekt sei.

Das Problem: Eine SSD hat überhaupt keine Magnetscheibe. Das Unternehmen sagt auf Anfrage dazu, dass sich der Case-Manager zum Zeitpunkt des Telefonats auf einem Außentermin befand und keine Einsicht in den Fall hatte.

Ein anderer Anbieter, "Datenrettung Germany" ("GN Data Recovery"), ebenfalls mit Sitz in Österreich, meint, einen physischen Schaden an der Festplatte gefunden zu haben. Die Firma schickt uns den Datenträger in seine Einzelteile zerlegt zurück.

Tatsächlich sind die Daten nun nicht mehr zu retten. Die Firma beteuert, dass nach ihrer Diagnose ein physischer Schaden vorlag und versicherte, von nun an alle Datenträger doppelt zu prüfen, damit Fehler ausgeschlossen werden können.

Sachverständiger kennt die Problematik

Den Gutachter Jürgen Kupfrian überraschen die Ergebnisse nicht. Er hält die Branche seit Langem für "schlimmer als Wildwest". Als bestellter Sachverständiger beurteilt er auch Fälle vor Gericht. Bei Privatkunden komme es jedoch selten zur Klage, da es "nur" um dreistellige oder niedrige vierstellige Beträge gehe. Wenn allerdings Unternehmen einen Datenverlust erleiden, geht es um Beträge wie 50.000 oder gar Hunderttausende Euro.

Er kritisiert, dass viele Datenrettungsanbieter vor allem mit starkem Marketing auffallen: Sie versprechen den Kunden eine kostenlose Analyse, kostenlose Abholung der Datenträger - alles effektive Marketing-Strategien. Doch eine ehrliche Analyse habe eben ihren Preis, sagt Kupfrian. Er vermutet, dass es den Firmen vor allem darum geht, dass Kunden ihre Datenträger überhaupt einsenden, danach wird Kasse gemacht.

Auch seriöse Unternehmen kassieren ab

Wir haben auch dem Marktführer "Kroll Ontrack" eine SSD mit demselben leichten Fehler geschickt. Dieser Anbieter gab zwar keine falsche Diagnose, doch auch hier sind die Angebote von 650 bis 1700 Euro je nach Geschwindigkeit der Datenrettung nach unseren Recherchen unverhältnismäßig zur Schwere des Defekts. "Kroll Ontrack" hält die Preise auf Nachfrage für angemessen.

Philipp Leusbrock macht seit seiner Erfahrung regelmäßig Backups, also Kopien seiner Daten. Er hat seine eigenen Schlüsse gezogen: "Der Student, der seine Masterarbeit verloren hat oder eben wie in meinem Fall der Unternehmer, der wichtige Dokumente verloren hat - das sind natürlich Situationen, in denen Menschen bereit sind, viel Geld auf einmal zu bezahlen. Damit spielen diese Unternehmen.

Mehr zu diesem Thema sehen Sie um 21:15 Uhr bei Panorama 3 im NDR Fernsehen und bei STRG_F: Selbstversuch Datenrettung: Welches Unternehmen zockt mich ab?

Über dieses Thema berichtete Panorama 3 am 15. Oktober 2019 um 21:15 Uhr im NDR Fernsehen.

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