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Bremer Baugesellschaft Wohnungen nur für Weiße?

Stand: 20.05.2021 06:00 Uhr

Die städtische Bremer Baugesellschaft Brebau hält Bewerberinnen und Bewerber mit Migrationshintergrund offenbar gezielt von Wohnungen fern. Das belegen Dokumente und Zeugenaussagen, die Radio Bremen und Panorama vorliegen. Die Unternehmensleitung will von den Vorgängen nichts gewusst haben.

Von Stella Vespermann und Lina Brunnée, Radio Bremen

Die Brebau, mit rund 6000 Wohnungen das zweitgrößte städtische Wohnungsunternehmen Bremens, diskriminiert offenbar systematisch Menschen bei der Wohnungssuche. Das geht unter anderem aus internen Unterlagen des Unternehmens hervor. Die entsprechenden Anweisungen richten sich an die Kundenbetreuerinnen und -betreuer der Brebau. "Das sind interne Dokumente, die auf dem Laufwerk der Vermietung abgespeichert sind, Gebrauchsanweisungen quasi", erklärt ein Informant aus der Brebau-Belegschaft.

Aus den Papieren geht hervor, dass die Brebau ihre Wohnungen wie auch Bewerber in Kategorien einteilt. Anhand dieser Einteilung sollen die Kunden-Mitarbeitenden festlegen, wer welche Wohnung angeboten bekommt - und wer nicht. Dabei spielt Staatsangehörigkeit ebenso eine Rolle wie Sprachkenntnisse, aber auch eine sogenannte "Nähe zur deutschen Kultur". Selbst die Hautfarbe listet die Brebau als Kriterium auf. "Zur Begründung heißt es, wenn wir das jetzt nicht so machen, dann bekommen wir die ganzen Molukken, die wollen wir hier nicht", berichtet der Informant.

Eigene Codes bei Bewerbung

Konkret ist in der betreffenden Anweisung von "Zielgruppendefinitionen" die Rede. Darunter fällt unter anderem das Aussehen der Bewerbenden. Die Kundenbetreuerinnen und -betreuer sind angehalten zu notieren, ob die Person gepflegt und ordentlich wirkt. Auch die Deutschkenntnisse sind festzuhalten.

Für die meisten Vermerke hat sich die Brebau eigene Codes ausgedacht. Ein Kopftuch bei einer Bewerberin etwa wird mit der Abkürzung KT zu vermerkt. Ein schwarzer Mensch bekommt die Abkürzung E40. Zu dieser Kategorie heißt es in der entsprechenden Anweisung weiter: "Keine 'People of Colour' (dazu gehören auch Sinti, Roma, Bulgaren, Rumänen)". Dabei differenziert die Brebau offenbar nicht, ob Menschen in Deutschland geboren, eingebürgert, bestens ausgebildet, voll integriert oder Gutverdiener sind.

Mit dem Kürzel WE sind potentielle Mieterinnen und Mieter gemeint, die laut Vorstellung der Brebau als "westlich integriert" anzusehen sind. Etwa Menschen mit Migrationshintergrund (in Deutschland lebende Ausländer, eingebürgerte Deutsche) und Migranten, die mit der deutschen Kultur vertraut seien, heißt es in einem entsprechenden Vermerk. "Menschen mit Kopftuch haben gefühlt keine Chance", sagt ein Informant aus dem Kreis der Belegschaft zu Radio Bremen.

Betroffene sollen nichts erfahren

Laut übereinstimmenden Schilderungen aus der Brebau-Belegschaft werden die persönlichen Daten und Bewertungen der Bewerberinnen und Bewerber erhoben, ohne dass die Betroffenen dies wissen. Interne Anweisungen ans Brebau-Personal liefern sogar Taschenspielertricks, wie die illegale Datensammlung geheim gehalten werden könne. Etwa für den Fall, dass sich ein Wohnungsbewerber direkt in der Brebau-Zentrale bewerbe und die Angaben auf dem Bildschirm kontrollieren wolle. Mittels einer Tastenkombination könne das Brebau-Personal dann binnen Sekunden alle verfänglichen Daten verschwinden lassen und später - mit einer anderen Kombination - wiederherstellen.

Ein Unrechtsbewusstsein gibt es im Unternehmen laut eines der Informanten nicht: "Wenn du was dagegen sagst, […] dann bist du der Außenseiter. Dann heißt es: 'Was willst du denn, das machen doch alle Wohnungsgesellschaften so.'"

Nur Weiße erhielten Angebote

Nachdem Radio Bremen und Panorama von den mutmaßlichen Diskriminierungspraktiken erfahren hatten, arrangierten die Redaktionen einen Test: Sie baten vier junge Deutsche, im April bei der Brebau nach Mietwohnungen zu fragen. Zwei der Männer sind nicht-weiß und tragen einen arabischen beziehungsweise einen afrikanischen Namen, die beiden anderen Männer sind weiß und tragen klassisch deutsch-klingende Namen. Alle vier hatten ein ähnliches Budget zur Verfügung und wollten in die gleichen Stadtteile ziehen.

Nur zwei haben von der Brebau Wohnungsangebote bekommen - die beiden Weißen. Einem der nicht-weißen Kandidaten wurde auf Nachfrage mitgeteilt, der Wohnungsmarkt in den entsprechenden Stadtteilen sei derzeit leergefegt. Dem anderen wurde gar nicht erst geantwortet.

Den Recherchen zufolge führt die Brebau zudem eine Liste "Schlechte Adressen". Hier sind etwa 20 soziale Einrichtungen wie die Therapiehilfe für Suchtkranke, Rehabilitationseinrichtungen, Übergangsheime für Obdachlose oder Wohnungen in sozialen Brennpunkten benannt. Nach Aussagen aus dem Mitarbeiterkreis der Brebau sollen hier Gemeldete keine Wohnungsangebote der Brebau bekommen.

Aufklärung angekündigt

Die Brebau-Geschäftsführung erklärt auf Anfrage, dass sie von den belastenden Unterlagen und dem diskriminierenden Vorgehen bei der Wohnungsvergabe keine Kenntnis gehabt habe. Man nehme die Vorwürfe aber sehr ernst und werde den Sachverhalt mit allen Konsequenzen aufklären.

Die Brebau gehört zu 100 Prozent der Stadt Bremen. Die Stadt hatte 2019 die Mehrheit an dem Unternehmen von der örtlichen Sparkasse übernommen. Der Staat müsse sich gerade in der Wohnungswirtschaft engagieren, hieß es zur Begründung aus dem Senat. Es ginge um bezahlbare Mieten und um Gerechtigkeit bei der Wohnungsvergabe.

Derzeit sitzen sowohl Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) als auch Bausenatorin Maike Schaefer (Grüne) und Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt (Linke) im Aufsichtsrat des Unternehmens. Aufsichtsratsvorsitzender ist Finanzsenator Dietmar Strehl. Er hat nach eigenen Angaben erst durch die Recherchen von den Vorgängen erfahren. Der Grünen-Politiker zeigte sich erschüttert und kündigte eine baldige Aufsichtsratssitzung an, in der eine genaue Untersuchung und die Konsequenzen besprochen werden sollen.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Mittagsmagazin am 20. Mai 2021 um 13:00 Uhr.

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KOMMENTARE

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Berlin.Berlin 20.05.2021 • 06:14 Uhr

Immer wieder erstaunlich

.... dass komplette Führungsetagen nie mitbekommen, was in ihren Unternehmen passiert. Systematisch, über lange Zeiträume...