Ein Kind hinter einem Optometrist in einer Augenarztpraxis | picture alliance / PantherMedia
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Augenheilkunde Spekulanten greifen nach Arztpraxen

Stand: 05.04.2022 06:00 Uhr

Internationale Finanzinvestoren haben in den vergangenen Jahren Hunderte Augenarztpraxen in Deutschland gekauft. In mehreren Städten und Landkreisen sind nach NDR-Recherchen bereits monopolartige Strukturen entstanden.

Von Christian Baars, Petra Blum, Brid Roesner, Anne Ruprecht, NDR

Stefan Koinzer ist Augenarzt. Er arbeitet selbständig in einer eigenen Praxis in Kiel - und hat damit fast ein Alleinstellungsmerkmal. Denn der Großteil der ambulant tätigen Augenärzte in der Stadt ist mittlerweile bei einem Großunternehmen angestellt, bei der Kette "Sanoptis", die einer Londoner Investmentfirma gehört. Sie hat seit 2019 drei regionale Praxis-Verbünde in Schleswig-Holstein gekauft und auch in anderen Teilen Deutschlands viele Augenarztpraxen übernommen. "Vor gut zehn Jahren galten Augenarzt-Kassensitze teils als fast unverkäuflich", sagt Koinzer. Aber inzwischen würden die Preise explodieren.

Geschäft für internationale Finanzinvestoren

Internationale Private-Equity-Gesellschaften haben deutsche Arztpraxen als Anlagemöglichkeit entdeckt. Sie kaufen kleine Unternehmen, führen diese in einem größeren Konzern zusammen und versuchen den dann einige Jahre später möglichst gewinnbringend weiterzuverkaufen. "Buy-and-Build" - Kaufe-und-Wachse - nennt sich die Strategie. Und offenbar funktioniert sie auch mit Praxen.

NDR-Recherchen für Panorama 3 zeigen nun, dass verschiedene Augenarztketten sogar eine monopolartige Stellung in mehreren Städten und Landkreisen erreicht haben, etwa in Kiel, aber auch in anderen Regionen wie beispielsweise in und um Augsburg in Bayern. Dort gehören etwa 15 Praxen und Kliniken zu Sanoptis.

Das Unternehmen wurde erst 2018 gegründet und hat bereits offenbar mehr als 200 Standorte in Deutschland und der Schweiz. Genaue Daten sind aber nicht bekannt. Auf Fragen von Panorama 3 zu verschiedenen Zahlen - etwa zu gekauften Praxen, durchgeführten Operationen und zum Umsatz - teilte Sanoptis mit, es beantworte "derartige Anfragen grundsätzlich nicht ".

"Gefahr der Monopolisierung"

Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit ist anscheinend innerhalb weniger Jahre eine Situation entstanden, vor der der Bundesrat Ende 2018 explizit gewarnt hatte: "In immer mehr Bereichen der ambulanten ärztlichen Versorgung bilden sich konzernartige Strukturen aus, oft in der Hand renditeorientierter Unternehmen", hieß es in einer Stellungnahme.

Der Bundesrat sah "die Gefahr der Monopolisierung und damit der Verschlechterung der Patientenversorgung". Es könne etwa "zu einer Einengung der angebotenen Versorgung auf bestimmte, besonders lukrative Leistungen" kommen. Der Bundesrat schlug eine Gesetzesänderung vor, um dem entgegenzuwirken. Die damalige Bundesregierung von CDU und SPD setzte sie jedoch nicht um. Der NDR hat das Bundesgesundheitsministerium gefragt, warum dies nicht geschehen ist, aber keine Antwort darauf erhalten.

Weitere Beispiele in Bayern

Ein weiteres Beispiel für eine offenbar monopolartige Stellung findet sich in Nordbayern. Dort - rund um Nürnberg und Fürth - arbeitet ein Großteil der Augenärzte bei der Ober Scharrer Gruppe (OSG). Insgesamt hat die Gruppe nach eigenen Angaben deutschlandweit 125 Standorte und beschäftigt etwa 300 Augenärzte.

Auf Anfrage des NDR nach möglichen regionalen Monopolen verweist das Unternehmen auf die Gesamtzahl aller in Deutschland in Praxen und Krankenhäusern tätigen Augenärzte. Davon seien nur knapp 3,8 Prozent in ihrer Gruppe beschäftigt. Auf die Frage zu konkreten Landkreisen und Städten ging die OSG in ihrer Antwort nicht ein.

Gesundheitswesen für Investoren "sehr attraktiv"

Insgesamt gehören in Deutschland inzwischen mehr als 500 Augenarztpraxen internationalen Private-Equity-Gesellschaften. Das sind etwa dreimal so viele wie vor drei Jahren. Geschätzt arbeitet mittlerweile etwa ein Fünftel aller ambulant tätigen Augenärzte in Ketten von Finanzinvestoren. Und nicht nur in der Augenheilkunde zeigt sich dieser Trend. Investoren übernehmen auch andere Praxen - etwa von Zahnärzten, Radiologen oder Nierenfachärzten.

Vivek Kotecha | NDR Recherche

Laut Finanzanalyst Kotecha könnte sich bei einer Übernahme von Praxen durch Ketten der wirtschaftliche Druck auf die Ärzte erhöhen. Bild: NDR Recherche

"Das Gesundheitswesen ist für die Investoren sehr attraktiv," sagt Vivek Kotecha, Finanzanalyst in London. Eine Rendite-Erwartung von 20 Prozent sei bei Private-Equity-Gesellschaften durchaus üblich, sagt Kotecha. Das birgt aus seiner Sicht die Gefahr, dass Ärzte in solchen Praxen unter einem besonderen wirtschaftlichen Druck stehen. Und das sei nicht im besten Interesse der Patienten.

Arztketten: nicht auf schnelles Geld aus

Die großen Ketten wehren sich gegen diese Vorwürfe. Keiner sei darauf aus, "schnelles Geld zu machen", sagt etwa Kaweh Schayan-Araghi. Er ist einer der Gründer der Artemis-Kliniken, einem anderem großen Augenarzt-Unternehmen, und zudem im Vorstand eines Verbands von investorengeführten Arztketten. Ein Unternehmen werde nur dann wertvoller, "wenn der Ruf gut ist, wenn die Qualität gut ist," sagt Schayan-Araghi.

Kaweh Schayan-Araghi | NDR Recherche

Kaweh Schayan-Araghi glaubt, dass seine Firma dazu beitragen kann, die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Bild: NDR Recherche

2011 hat Artemis ihren damals noch kleinen Verbund mit sieben Kliniken und Praxen an eine französische Firma verkauft. 2015 übernahm ein neuer Investor mit Sitz in London. Inzwischen hat die Kette nach eigenen Angaben 140 Standorte in Deutschland. Ihre Zentrale liegt in Nordhessen. Dort, im Lahn-Dill-Kreis mit mehr als 250.000 Einwohnern, arbeiten offenbar mittlerweile die meisten Augenärzte für die Firmengruppe. In Hessen führe sie etwa die Hälfte aller Augenoperationen durch, sagt Schayan-Araghi.

Schayan-Araghi sagt, das Unternehmen sei vor allem deshalb gewachsen, weil sie viele Praxen älterer Augenärzte übernommen habe, die ansonsten Schwierigkeiten gehabt hätten, Nachfolger zu finden. So trage Artemis dazu bei, die Versorgung zu sichern.

Ähnlich verlief es bei der Ober Scharrer Gruppe. Sie wurde von zwei Augenärzten in Fürth gegründet. 2011 verkauften sie ihr Unternehmen mit sieben Standorten an eine Londoner Private-Equity-Gesellschaft. Der Investor veräußerte die Kette 2018 weiter, inzwischen war sie auf 80 Standorte angewachsen. Jetzt sind es 125.

Schwer durchschaubar

Für die Patienten ist kaum zu durchschauen, welches Finanzunternehmen Eigentümer der Praxen ist. Und auch die Politik hat offensichtlich keine Übersicht. Das Bundesgesundheitsministerium teilte dem NDR auf Anfrage mit, es sei ihm nicht bekannt, "ob und inwieweit eine beherrschende Marktkonzentration augenärztlicher Versorgungsstrukturen" in einzelnen Bereichen vorliege und "worauf etwaige Konzentrationstendenzen zurückzuführen" seien. Insgesamt sei es auch rechtlich schwierig, den Markt stärker zu beschränken.

Das Bundeskartellamt teilte auf Anfrage mit, dass es in den vergangenen Jahren die Zukäufe der großen Augenarztketten nicht kontrolliert habe, da offenbar jede einzelne Übernahme unterhalb von relevanten Umsatzschwellen gelegen hat. Sollte es jedoch Hinweise darauf geben, dass es zu marktbeherrschenden Stellungen einzelner Unternehmen in einigen Regionen komme und zudem Probleme drohten - wie etwa steigende Preise oder eine schlechtere Versorgung von Patienten - könne das Amt eine sogenannten Sektoruntersuchung einleiten, um zunächst Daten zu dem Markt zu erheben. In den vergangenen Jahren hat das Kartellamt eine solche Untersuchung etwa zum Krankenhaussektor durchgeführt.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 05. April 2022 um 10:40 Uhr.