Eine Pegelanzeige ragt aus dem Fluss Leine am Pegel Herrenhausen. | picture alliance/dpa
Exklusiv

Hohe Salzgehalte Das stille Sterben in den Flüssen

Stand: 22.11.2022 16:00 Uhr

Abwässer aus der Industrie, die legal in Deutschlands Flüsse eingeleitet werden, versalzen nach NDR-Recherchen vielerorts das Wasser. Die Folgen können tödlich sein, vor allem, wenn Dürre hinzu kommt.

Von Alexa Höber, NDR

Im August dieses Jahres ist das stille Sterben sichtbar geworden: Tonnenweise tote Fische trieben auf der Oberfläche der Oder. Heute gehen Bundesumweltministerium und Umweltbundesamt davon aus, dass die Verbreitung einer Alge der wahrscheinlichste Grund für dieses massenhafte Fischsterben war. Eine Alge, die sonst nur im Meerwasser vorkommt und die offenbar Giftstoffe ausschied. Möglich war dieses Algenwachstum, weil die Salzkonzentration in Deutschlands fünftgrößtem Fluss zu hoch war.

Nach NDR-Recherchen ist die Oder jedoch nicht der einzige Fluss, der zu hohe Salzgehalte ausweist. Gewässer in sehr gutem Zustand dürfen nicht mehr als 50 mg Chlorid pro Liter enthalten. Die Wasserqualität gilt noch als gut, wenn bis zu 200 mg Chlorid pro Liter messbar sind. Ab diesem Wert sterben bereits zahlreiche Tiere, die auf Süßwasser angewiesen sind. Einer Auflistung des Umweltbundesamtes zufolge liegen jedoch einige Flüsse weit über diesem Wert - Flüsse wie die Werra bei Witzenhausen oder die Bode südlich von Magdeburg.

Der NDR legte diese Werte Hans-Jürgen Friedrich vom Fraunhofer-Institut für Keramische Technologien und Systeme IKTS vor. Der Experte für die Behandlung von Industrie- und Bergbauabwässern sieht auch an Saar, Ruhr, Emscher und Lippe sowie unter anderem an den Flüssen Weser, Fulda, Leine, Unstrut, Saale und Elbe einen Zusammenhang zwischen erhöhten Chlorid-Werten und den dort ansässigen Industrien beziehungsweise den bergbaulichen Einflüssen.

Einleiten von Industrieabwässern legal

Dabei ist das Einleiten von Industrieabwässern in Deutschlands Flüsse völlig legal. Die Genehmigungen dafür erteilen die zuständigen Bezirksbehörden. Zwar müssen die Betriebe sicherstellen, dass giftige Chemikalien vorab herausgefiltert sind. Salze verbleiben aber in diesen Abwässern, denn ein Herausfiltern von Salz wäre sehr teuer. Langanhaltende Trockenphasen im Sommer lassen jedoch die Pegelstände der Flüsse sinken. Die Behörden müssten die Grenzwerte für das Einleiten von Chlorid-haltigen Abwässern anpassen. Doch das ist vielerorts offenbar nicht geschehen.

So sind laut NDR-Recherchen seit Januar 2021 wohl gut 1000 Tonnen Salz aus der niedersächsischen Erdgasförderung in verschiedene Flüsse und Bäche eingeleitet worden. Allein 104 Tonnen Salz des Erdgasunternehmens Wintershall Dea gingen über eine Kläranlage in einen Bach bei Gütersloh, der in die Ems fließt. Das Salz stammt aus Tausenden Metern Tiefe und gelangt bei der Gasförderung mit an die Oberfläche. 

Dabei hatte der Deutschlandchef von Wintershall Dea noch im Februar 2022 im niedersächsischen Umweltausschuss behauptet, das salzhaltige Abwasser aus der Erdgasproduktion würde hauptsächlich wieder in den Untergrund verpresst. Auf Nachfrage gab die Firma nun aber an, dass sie den überwiegenden Teil des Lagerstättenwassers, nämlich rund 70 Prozent, an Entsorgungsfirmen gibt. Die behandeln es und leiten es mit dem enthaltenen Salz in Flüsse.

Orientierungswert für den Salzgehalt überschritten

NDR-Recherchen zeigen, dass der Salzgehalt an der Lutter bei Gütersloh Ende August drei Mal höher war als es für den guten Zustand eines Flusses sein darf. Das ergab die Untersuchung des Sachverständigen Rainer Gellermann, der in den vergangenen Jahren zahlreiche Untersuchungen an Kläranlagen durchgeführt hat. Der zuständigen Aufsichtsbehörde war bekannt, dass ein Orientierungswert für den Salzgehalt drei Jahre hintereinander überschritten wurde. Man habe aber abwarten wollen, ob sich das Salz tatsächlich negativ auf die Biologie des Baches auswirke, so die Bezirksregierung Detmold auf Anfrage.  

Die DNA-Analyse einer Wasserprobe vom August durch die Universität Duisburg-Essen deutet auf eine schlechte Wasserqualität hin. Gewässerexperte Florian Leese konnte nur wenige Arten wie Insekten oder Krebstiere nachweisen. Typische Organismen für einen Süßwasserfluss könnten sich auch zukünftig nicht einstellen, wenn weiterhin Salz eingeleitet werde, so Leese.

Das Unternehmen Wintershall Dea teilt mit, dass die engagierten Entsorgungsfirmen zertifiziert seien und dass das salzige Abwasser aus der Erdgasförderung behördlich genehmigt entsorgt werde.

Forderungen an die Industrie

Über derartige Genehmigungen zur Einleitung von Abwässern in Flüsse soll nun auf der Umweltministerkonferenz gesprochen werden, die am Mittwoch in Berlin beginnt. Im Vorfeld sagte der niedersächsische Umweltminister Christian Meyer dem NDR: "Die Industrie ist gefordert, eine Produktion zu haben, die nicht dazu führt, dass unsere Gewässer zum Abwasserkanal der Industrie werden." Denn kollabierende Ökosysteme seien nicht nur für die Tierwelt, sondern auch für den Menschen ein Problem. "Wir haben dann eben kein geeignetes Trinkwasser mehr. Ein Fluss, der zu versalzen ist, daraus können wir kein Trinkwasser machen."

Über dieses Thema berichtet NDR Panorama 3 am 22. November um 21:15 Uhr.