Anschlag auf Gaspipeline Die Jagd nach den Nord-Stream-Saboteuren
Die Nord-Stream-Ermittlungen sind weiter fortgeschritten als bislang bekannt. Fahnder haben nach Recherchen von ARD, SZ und Zeit nun Haftbefehle gegen sechs Ukrainer erwirkt. Es gibt weitere Hinweise auf staatliche Beteiligung.
Am Anfang stand die blubbernde Ostsee. Luftbilder des dänischen Militärs zeigten am 26. September 2022 erstmals das schäumende Meer. Ein Foto, das seitdem sinnbildlich für den Anschlag rund 80 Meter unter der Meeresoberfläche steht.
Knapp drei Jahre später haben nun deutsche Ermittler von Bundespolizei, Bundeskriminalamt (BKA) und Bundesanwaltschaft nach gemeinsamen Recherchen von ARD, Süddeutsche Zeitung (SZ) und Die Zeit alle Personen identifiziert, die zu jenem Sabotagekommando gehört haben sollen, das für den Nord-Stream-Anschlag verantwortlich gemacht wird. Gegen sechs Personen, allesamt Ukrainer, liegen inzwischen Haftbefehle vor. Ein weiterer Beschuldigter könnte mittlerweile verstorben sein, nehmen Ermittler an.
Es handelt sich um ein Ermittlungsverfahren, die Bundesanwaltschaft hat noch keine Anklage erhoben. Es gilt die Unschuldsvermutung. Die Beschuldigten ließen eine Anfrage von ARD, SZ und Zeit unbeantwortet. Zum Skipper der Crew lagen keine Kontaktinformationen vor.
Staatliche Beteiligung zurückgewiesen
Die Ermittlungen erhärten den Verdacht, dass die Gruppe vom ukrainischen Staat unterstützt wurde. So reisten die Verdächtigen nach Informationen von ARD, SZ und Die Zeit mit echten ukrainischen Pässen durch Polen, die allerdings falsche Namen enthielten. Bereits im vergangenen Sommer war einer der Verdächtigen im Auto des ukrainischen Militärattachés aus Polen nach Kiew gebracht worden, möglicherweise, um einer Festnahme zu entgehen. Ukrainische Vertreter wiesen in den vergangenen Tagen erneut den Vorwurf einer staatlichen Beteiligung zurück.
Einer der Beschuldigten, Serhii K., der mutmaßliche Leiter der Operation, konnte vergangene Woche in Italien festgenommen werden. Er war offenbar von Polen aus mit seiner Familie nach Italien gereist, um dort Urlaub zu machen. Laut italienischen Medien soll Serhii K. die Vorwürfe aus Deutschland bestreiten. Über eine Auslieferung ist noch nicht entschieden.
Der 49-jährige Serhii K. soll nach Überzeugung der Ermittler gemeinsam mit den anderen Beschuldigten mit der in Deutschland angemieteten Segeljacht "Andromeda" auf die Ostsee gefahren sein, um die Nord-Stream-Pipelines zu sprengen. Insgesamt sieben Personen sollen nach Erkenntnissen der Ermittler zur Mannschaft gehört haben: Neben dem mutmaßlichen Koordinator Serhii K. sollen vier Taucher dabei gewesen sein, darunter eine Ukrainerin, die zum Team einer privaten Tauchschule aus Kiew gehört.
Sprengstoffexperte an Bord
Außerdem soll ein Sprengstoffexperte an Bord gewesen sein. Vier Bomben, bestehend aus einem hochexplosiven Gemisch aus Oktogen und Hexogen, versehen mit Zeitzündern hatten drei der vier Stränge der Erdgaspipelines zerrissen. Zur "Andromeda"-Crew soll auch ein Skipper gehört haben: Der Mann aus Odessa gilt als äußerst erfahrener Segler, der weltweit an Wettkämpfen teilgenommen hat. Zum Verhängnis soll ihm eine frühere Reise in die Niederlande geworden sein: Aufgrund der Visa-Pflicht musste der Ukrainer damals offenbar Fingerabdrücke abgeben. Diese wiederum fanden die deutschen Kriminalisten auf der "Andromeda".
Ein weiteres mutmaßliches Mitglied des Sabotagekommandos, Vsevelod K., könnte inzwischen auf Seiten des ukrainischen Militärs im Krieg gegen Russland getötet worden sein. Dieser Mann soll nach dem Start des russischen Angriffskrieges und nach den Anschlägen auf Nord Stream bei der Bundeswehr in Wildflecken im Rahmen einer Ausbildungshilfe eine militärische Fortbildung erhalten haben. Bei der Bundeswehr füllte er damals Papiere aus und unterzeichnete diese. Das BKA konnte auf den Unterlagen DNA-Spuren sichern, die mit jenen auf der "Andromeda" übereinstimmen.
Nähe zu staatlichen Institutionen?
Die damalige Mannschaft der "Andromeda" soll den Ermittlungen zufolge zum Teil klare Bezüge zum ukrainischen Geheimdienst oder Militär besitzen. Ob der Anschlag damit tatsächliche eine staatliche ukrainische Aktion war, ist aus Sicht der Ermittler nicht erwiesen.
Es wäre auch denkbar, dass es ein bezahltes Kommando von Spezialisten in fremdem Auftrag war. Allerdings gibt es Indizien, die auf eine große Nähe einiger Beschuldigter zum ukrainischen Staat hindeuten - und auf einen gewissen Patriotismus. So machte der vergangene Woche in Italien festgenommene Serhii K. mit der Hand den "Dreizack". Eine Geste, drei Finger ausgestreckt, die in der Ukraine oft als Symbol für den "Trysub" verwendet wird, den Dreizack, der als Nationalsymbol auf Flaggen und Wappen zu sehen ist.
Serhii K. soll über zwei ukrainische Pässe verfügt haben, den Ermittlern sollen zudem Hinweise darüber vorliegen, dass er früher dem ukrainischen Inlandsgeheimdienst angehörte.
Echte falsche Pässe
Der Anschlag, davon waren die Ermittler schon bald nach den Sprengungen überzeugt, soll mit Hilfe der Segeljacht "Andromeda" durchgeführt worden sein. Vom Rostocker Hafen Hohe Düne aus war die Jacht gechartert worden und zum Glück für die Ermittler nach der Rückgabe weder ordentlich gereinigt, noch anderweitig vermietet worden.
Tatortermittler des BKA untersuchten die Jacht Zentimeter für Zentimeter. Das Schiff war ein Füllhorn an Spuren: Fingerabdrücke, DNA-Proben, Sprengstoffrückstände. Selbst Beschädigungen der Jacht an der Badeplattform am Heck konnten die Ermittler der Bauart von Taucherflaschen zuordnen. Offenbar war ein Taucher beim Ausstieg hängen geblieben und hatte die Kratzer verursacht.
Heute sind sich die Ermittler nach Recherchen von ARD, SZ und Zeit sicher: Das Team soll mit je zwei gefälschten Pass-Sets unterwegs gewesen sein. Je ein rumänischer, komplett gefälschter Pass, bei dem weder die Person real existiert, noch das Dokument "amtlich" war. Und je ein ukrainischer Pass mit einem erfundenen Namen, allerdings amtlich ausgestellt. Das ist ein weiterer möglicher Hinweis auf staatliche Hilfe der Ukraine.
Vom Verkehrssünder zum Attentäter
Kurz nach Entdeckung der "Andromeda" fanden die Ermittler eine weitere wichtige Spur in Mecklenburg-Vorpommern: Ein weißer Citroën-Kastenwagen war auf Rügen in eine Radarfalle geraten. Routinemäßig hatten die Ermittler alle Verkehrskameras rund um die Ostsee-Insel überprüft. Auf dem Foto war offenbar nicht nur der Fahrer eines ukrainischen Fahrdienstes, sondern auch der Beifahrer zu erkennen.
Den Mann am Steuer konnten die Ermittler der Recherche zufolge befragen, er konnte sich gut an den damaligen Auftrag erinnern, Männer und Ausrüstung zum Hafen zu bringen. Eine weitere Spur aus Polen war wichtig: Während der Tour über die Ostsee hatte die "Andromeda" in Kolberg Station gemacht und war sowohl dem Hafenmeister, als auch der Grenzpolizei aufgefallen.
Polen lässt Beschuldigten entkommen
Doch die Zusammenarbeit der deutschen Ermittler mit der polnischen Seite soll nur teilweise hilfreich gewesen sein: Über Monate hinweg mauerten polnische Behörden. Angeblich gab es keine Videoaufzeichnungen aus dem Hafen mehr. Ein Staatssekretär im polnischen Innenministerium machte sich öffentlich lustig über die Ermittlungen und sprach von "Touristen", die man in Kolberg angetroffen habe. In Berlin kam der Verdacht auf, Polen komme der Anschlag nicht ungelegen, hatte das Land die Pipeline doch stets kritisiert.
Als es 2024 im Sommer gelungen war, einen der mutmaßlichen Attentäter, den Mann auf dem Blitzerfoto, in Polen ausfindig zu machen, ließen polnische Behörden das deutsche Festnahmeersuchen tagelang liegen. Dem Beschuldigten, der als Taucher an den Anschlägen beteiligt gewesen sein soll, gelang die Flucht über die Grenze von Polen in die Ukraine - und das offenbar im Auto eines ukrainischen Diplomaten, wie ein Foto der Grenzüberwachung hinterher gezeigt haben soll.
Doch während über diese Flucht auf politischer Ebene teils öffentlich und teils vertraulich gestritten wurde, ging die kriminalistische Kleinarbeit der Ermittlungsgruppe "Nord Stream" weiter. Wem gehört die DNA, die auf der "Andromeda" gefunden wurde? Nicht alle Proben sind bislang eindeutig zugeordnet. Manche Spuren liegen dafür bereit, dass die Beschuldigten gefasst werden und die Ermittler eine Vergleichsprobe bekommen.
Doch im Grunde sind die Ermittler nach Recherchen von ARD, SZ und Zeit überzeugt, inzwischen die komplette Crew namentlich zu kennen. Kriminalistisch, so sehen das Ermittler, sei die Tat in weiten Teilen aufgeklärt. Die erste Festnahme in Italien gilt schon jetzt als großer Erfolg.