Sanitäter schieben vor der Uni-Klinik in Freiburg eine Trage | picture-alliance / Patrick Seege
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BKK-Studie Wie der Klimawandel krank macht

Stand: 16.09.2021 06:01 Uhr

Der Klimawandel hat nicht nur Auswirkungen auf Meere oder Gletscher. Eine langjährige Studie zeigt die Folgen für die Gesundheit auf. So führen etwa Hitzewellen zu mehr Krankenhaus-Einweisungen.

Von Svea Eckert, NDR

Hitzewellen im Sommer, mildere Winter und Extremwetterereignisse treten aufgrund des Klimawandels immer häufiger auf. Wie stark sich dies auf bestimmte Erkrankungen auswirkt, zeigt eine Analyse der Krankheitsdaten von zehn Millionen Versicherten der BKK-Nordwest in Zusammenarbeit mit dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) und dem Helmholtz-Zentrum Hereon.

Svea Eckert

Erkrankungen steigen drastisch an

Für die Studie, die dem NDR exklusiv vorab vorlag, wurden Krankheiten ausgewählt, die Bezug zu klimatischen Veränderungen haben - darunter akute Krankheiten wie Hitzekollaps, Hitzeerschöpfung oder Hitzschlag, aber auch mittelbare Erkrankungen wie Heuschnupfen und das dadurch bedingte Pollenasthma oder die sogenannte Lymen-Borreliose, die durch die Ausbreitung von Zecken übertragen wird. Der Anstieg dieser Erkrankungen wurde im Zeitraum von 2010 bis 2019 bei mehr als zehn Millionen BKK-Versicherten bundesweit untersucht.

Im Ergebnis ist die Zahl dieser klimasensiblen Erkrankungen im Untersuchungszeitraum drastisch angestiegen - teilweise um bis zu 50 Prozent. Hitzewellen etwa führen zu einer messbaren Zunahme an Krankenhaus-Einweisungen, insbesondere bei Säuglingen und Kleinkindern sowie Menschen über 75 Jahre. "Die Auswertung zeigt das Ausmaß und dass wir viel näher an den negativen Folgen des Klimawandels dran sind, als viele glauben", sagt Matthias Augustin vom Institut für Versorgungsforschung (IVDP) am UKE, der an der Studie beteiligt war.

Heuschnupfen, Hautkrebs und Zeckenbisse

Ähnlich sieht es beim Heuschnupfen aus. Durch mildere Winter kommt es zu einer Verlängerung der Pollen-Saison. Im Untersuchungszeitraum ist die Anzahl der Betroffenen um knapp 30 Prozent gestiegen - auch aufgrund wärmerer Temperaturen. Diese erleichterten die Verbreitung der sogenannten Lymen-Borreliose, einer Bakterienerkrankung, übertragen durch Zeckenbisse. Hier zeigt sich in der Untersuchung ebenfalls ein deutlicher Anstieg.

Auch beim Hautkrebs gibt es einen kontinuierlichen Anstieg um 78 Prozent bei ambulanten Einweisungen von BKK-Versicherten seit 2011. "Bei einigen Erkrankungen ist nicht ausschließlich das Klima die Ursache, sondern weitere Faktoren wie Verhalten, Ernährung und Lebensweise", sagt Laurens Bouwer, Klimaforscher beim Helmholtz-Zentrum Hereon. Oftmals sei das Verhalten der Menschen das entscheidende Bindeglied. Bei sommerlichen Temperaturen würde zum Beispiel weniger Kleidung getragen. Das begünstige bestimmte Erkrankungen.

Einige Berufsgruppen besonders betroffen

Ebenfalls untersucht wurde die Anzahl der Tage, an denen sich Arbeiternehmerinnen und Arbeitnehmer berufsunfähig gemeldet haben. Hier zeigt die Auswertung beinahe eine Verdreifachung der Krankheitstage in den vergangenen zehn Jahren. Besonders auffällig ist der Ausschlag während der Rekordhitze im Sommer 2018. Der Analyse zufolge sind bestimmte Berufsgruppen besonders betroffen, darunter zum Beispiel Spargelstecher, Verkäuferinnen und Verkäufer sowie Krankenpflegekräfte.

Das Gesundheitssystem sei nicht "wetterfest", sagt BKK-Nordwest-Vorstand Dirk Janssen. In Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen müsse stärker auch baulich auf die klimatischen Veränderungen geachtet werden. "Die Menschen müssen im Verhalten stärker für höhere Temperaturen sensibilisiert werden", so Janssen. Genauso könne der Städtebau mit Windschneisen und Grünflächen helfen, den gesundheitlichen Folgen des Klimawandels zu begegnen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 16. September 2021 um 10:15 Uhr.