Berlin: Das Vattenfall-Logo auf einem Heizkraftwerk in Mitte.
Exklusiv

Wechselkunden abgelehnt Vattenfall muss hohe Strafe zahlen

Stand: 24.09.2021 06:00 Uhr

Vattenfall hat mithilfe seiner Kundendatei systematisch preisbewusste Verbraucher aussortiert, die gerne ihren Stromvertrag wechseln. Dafür muss der Energieversorger nun 900.000 Euro Bußgeld zahlen.

Von Lea Busch und Peter Hornung, NDR

Sie heißen branchenintern "Bonushopper", und sie sind der Horror für viele Energieversorger: Preisbewusste Kundinnen und Kunden, die häufig ihre Strom- und Gasunternehmen wechseln, um günstige Verträge zu nutzen und eben Boni zu kassieren.

Lea Busch
Peter Hornung

Genau gegen diese Menschen richtete sich das, was Vattenfall getan hat. Zwischen August 2018 und Dezember 2019 glich das Unternehmen nach Informationen von NDR und "Süddeutscher Zeitung" routinemäßig Daten potenzieller Neukunden mit bereits beim Unternehmen vorhandenen älteren Kundendaten ab, um Bonushopper gezielt auszusortieren. Betroffen waren rund 500.000 Kunden. Der amtierende Hamburgische Landesdatenschutzbeauftragte Ulrich Kühn verhängte jetzt in diesem Zusammenhang ein Bußgeld in Hohe von gut 900.000 Euro.

Bußgeld durch Kooperation gesenkt

Das Vorgehen von Vattenfall war recht simpel: Wer früher schon einmal bei dem Unternehmen Kunde war, in der Zwischenzeit gewechselt hatte und dann erneut einen günstigen Vertrag bei Vattenfall haben wollte, wurde abgelehnt. Der Hintergrund: Energieversorger dürfen auch die Daten ehemaliger Kunden über eine lange Zeit speichern, bis zu zehn Jahre - aber eigentlich nur fürs Finanzamt und ähnliche Zwecke. Sie dafür zu nutzen, "wechselfreudige" Verbraucher zu identifizieren, ist nicht zulässig - jedenfalls nicht, ohne sich zuvor die Zustimmung der Kunden einzuholen.

Genau das habe Vattenfall nicht getan, so Datenschützer Kühn: "Da dies rund 500.000 Fälle betraf, war die Verhängung eines Bußgelds angezeigt." Vattenfall habe in dem Verfahren umfassend mit den Datenschützern kooperiert und den "intransparenten Datenabgleich" unmittelbar nach dem ersten Tätigwerden der Datenschützer gestoppt. "Deswegen war das Bußgeld deutlich zu reduzieren. Die dennoch verhängte Höhe sollte allen Unternehmen eine Warnung sein, die gesetzlichen Transparenzpflichten nicht zu vernachlässigen. Insbesondere bei einer Vielzahl von Betroffenen sind wie in dem vorliegenden Fall hohe Bußgelder klar angezeigt", so Hamburgs oberster Datenschützer.

Warnung bereits vor gut einem Jahr

Pikant: Genau vor einer solchen Möglichkeit, Bonushopper auszusortieren, hatten Daten- und Verbraucherschützer bereits vor gut einem Jahr gewarnt. Wie NDR und "SZ" im September vergangenen Jahres berichteten, hatten die Wirtschaftsauskunfteien Schufa und "Crif Bürgel" Datenbanken geplant, mit denen sich wechselfreudige Kundinnen und Kunden hätten identifizieren lassen.

Vattenfall sei schon zuvor aufgefallen, sagt Udo Sieverding von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen: "Bei den Verbraucherzentralen haben sich damals viele Kunden beschwert, die früher mal bei Vattenfall und jetzt wieder rüberwechseln wollten und das abgelehnt wurde. Da lag die Vermutung natürlich nahe, dass es da einen Zusammenhang gibt, die Kunden es aber nicht wussten, dass sie da noch in der Datenbank gespeichert sind." Verbraucherschützer Sieverding begrüßte, dass nun ein "empfindliches Bußgeld" verhängt wurde: "Wir hoffen, dass das auch ein Signal an die Branche ist."

Prompte Reaktion von Vattenfall

Eine halbe Stunde nach einer schriftlichen Anfrage von NDR und "SZ" veröffentlichte Vattenfall am Donnerstagnachmittag eine Pressemitteilung, in der es hieß, man habe die "missbräuchliche Ausnutzung bonus-relevanter Verträge" verhindern wollen. Die Kundendaten der Vattenfall Europe Sales GmbH seien "zu keinem Zeitpunkt gefährdet oder Missbrauch ausgesetzt (gewesen), lediglich die Transparenz war aus Sicht der Behörde zu verbessern."

Die Datenschutzbehörde habe dem Unternehmen gegenüber betont, "dass es sich um keinen schwerwiegenden und darüber hinaus (um einen) erstmaligen Verstoß handele". Vattenfall sieht sich indes darin bestätigt, auch künftig Bonushopper aussortieren zu dürfen. Mit der Datenschutzbehörde hat man sich darauf geeinigt, dass man für den Abgleich für Neu- wie auch Bestandskunden vorher aber die Erlaubnis der Verbraucher einhole. Wer also einen Vertrag mit Bonus möchte, muss dem Datenabgleich zustimmen. Wer hingegen ablehnt, bekommt keinen Bonus.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 24. September 2021 um 08:23 Uhr.