Ein Mann wird auf dem Flughafen Leipzig-Halle zu einem Abschiebeflug nach Afghanistan gebracht.  (Foto aus dem Juli 2019) | dpa
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Afghanistan-Studie Die meisten Abgeschobenen flüchten wieder

Stand: 04.06.2021 05:02 Uhr

Was mit Abgeschobenen nach der Ankunft in Afghanistan geschieht, war bisher kaum erforscht. Eine Studie legt nun nahe: Die meisten verlassen das Land wieder.

Von Armin Ghassim und Annette Kammerer, NDR

Die Mehrzahl der aus Deutschland abgeschobenen Afghanen verlässt Afghanistan offenbar wenig später erneut. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Sozialwissenschaftlerin Friederike Stahlmann von der Universität Bern.

Bislang wurden seit dem EU-Abschiebeabkommen im Dezember 2016 insgesamt 1035 abgelehnte Asylbewerber aus Deutschland nach Afghanistan abgeschoben. Grundlage der Studie sind Interviews, die Stahlmann mit 113 Abgeschobenen geführt hat.

Demnach plant nur ein Einziger der Befragten, in Afghanistan zu bleiben. Die Mehrheit hat das Land bereits wieder verlassen. Die noch verbliebenen haben konkrete Pläne, Afghanistan erneut zu verlassen.

Systematisch erheben weder deutsche noch afghanische Behörden Daten über den Verbleib der Abgeschobenen. Die nun vorliegende Studie wurde von der Diakonie Deutschland und "Brot für die Welt" mitfinanziert und herausgegeben. 27 Prozent der in der Studie untersuchten Fälle seien heute wieder zurück in Europa, 41 Prozent in umliegenden Ländern wie dem Iran, Pakistan oder der Türkei.

Einige der Abgeschobenen konnten über ein Visumverfahren zurück nach Deutschland kommen, etwa über das Fachkräfteeinwanderungsgesetz. Andere wählten erneut den Weg der Flucht.

Abgeschobene stärker von Gewalt bedroht?

Gründe für die erneute Auswanderung sind demnach vor allem Erfahrung mit Gewalt und Gewaltandrohung, Erpressung und Diskriminierung.

Die gescheiterte Flucht nach Deutschland mache die Menschen in den Augen von Extremisten zu Verrätern, so Stahlmann: "Das besondere Problem der Abgeschobenen ist, dass sie Verfolgung, Gewalt und Diskriminierung von verschiedenen Seiten erfahren. Also von den Taliban aus politischen Gründen, aber auch aus dem sozialen Umfeld und aus der Öffentlichkeit. Weil sie in Europa waren, weil man ihnen Verrat vorwirft." Das wiederum gefährde auch die Familien der Abgeschobenen, weshalb Betroffene oft nicht zu ihren Angehörigen zurückgingen.

Hinzu kommt, dass mit der Abschiebung häufig eine Stigmatisierung einhergeht. Viele Menschen in der afghanischen Gesellschaft gehen davon aus, dass die Betroffenen kriminell gewesen sein müssen und deswegen abgeschoben wurden.

Kaum Perspektiven

Außerdem sind Abgeschobene häufig noch nie oder zuletzt als Kind in Afghanistan gewesen. Ihre Familien leben oftmals ebenfalls als Flüchtlinge in anderen Ländern wie Iran oder Pakistan. In anderen Fällen sind laut der Studie die oft noch nicht bezahlten Schulden für die Finanzierung der Flucht nach Europa durch Kreditgeber ein Risiko. Außerdem gebe es die verbreitete Annahme, dass Rückkehrer aus Europa wohlhabend seien, was das Risiko krimineller Übergriffe erhöhe - sowohl auf die Betroffenen als auch auf deren Familienangehörige.

Dabei gibt es durchaus Hilfsprogramme für Abgeschobene. Auch Deutschland beteiligt sich finanziell daran. Die Abgeschobenen berichten jedoch, dass die bürokratischen Hürden oft zu hoch seien und die zeitlich begrenzten Hilfen die Not nur nach hinten verschöben.

Keine Möglichkeit der Existenzsicherung

Drei Viertel der befragten Abgeschobenen lebten in Afghanistan hauptsächlich von privater Unterstützung aus dem Ausland, vor allem also von Bekannten aus Deutschland. Nur einer hatte eine existenzsichernde Arbeit und knapp 15 Prozent waren teilweise oder dauerhaft obdachlos.

Abdul Ghafoor, Gründer der Organisation "AMASO", die in Kabul Abgeschobene berät, machte ähnliche Beobachtungen, wie er im Interview mit NDR und Deutschlandfunk erzählt: "Ich stehe mit vielen Abgeschobenen in Kontakt. Von fünfzig Personen, für die wir in den letzten Monaten und Jahren eine Unterkunft organisiert haben, leben nur noch zwei in Afghanistan. Sie sind hier in Kabul. Alle anderen sind weg."

Ulrich Lilie, Präsident der Diakonie Deutschland, fordert einen sofortigen Abschiebestopp: "Wir gefährden sehenden Auges das Leben dieser Menschen durch Abschiebungen nach Afghanistan und setzen sie der Gefahr lebensbedrohlicher Verletzungen und Verelendung aus. Dies ist mit der Europäischen Menschenrechtskonvention unvereinbar."

Bundesregierung: Keine Gewalt gegen Abgeschobene

Das Bundesinnenministerium (BMI) teilt auf Anfrage mit, dass im Rahmen des Asylverfahrens in jedem Einzelfall die individuelle Bedrohung unter Berücksichtigung regionaler und lokaler Gegebenheiten geprüft werde. Pauschale Aussagen zur Gefährdung Einzelner in Afghanistan ließen sich deshalb nicht treffen. Außerdem fördere die Bundesregierung eine Reihe verschiedener Programme, die Abgeschobenen bei der Reintegration helfen sollen, so auch das vom Bundesentwicklungsministerium geförderte Projekt "Perspektive Heimat".

Im Lagebericht des Auswärtigen Amts von Juli 2020, auf dessen Grundlage das BMI die Lage für Abzuschiebende einschätzt, heißt es: Dem Auswärtigen Amt seien "keine Fälle bekannt, in denen Rückkehrer nachweislich aufgrund ihres Aufenthalts in Europa Opfer von Gewalttaten wurden".

Truppenabzug wirft Frage der Sicherheit neu auf

Vor dem Hintergrund des vollständigen Abzugs internationaler Truppen in diesem Jahr erscheint ein weiteres Erstarken der radikalislamischen Taliban als wahrscheinlich. Auch das Auswärtige Amt bereitet sich auf dieses Szenario vor. Bisher hat diese Entwicklung jedoch keinen Einfluss auf die deutsche Abschiebepolitik. Der nächste Charterflug soll am kommenden Dienstagabend nach Kabul fliegen.

Zur sich möglicherweise verändernden Sicherheitslage durch den Truppenabzug teilt das BMI mit, die Bundesregierung verfolge "die Entwicklung in Afghanistan sorgfältig. Wie sich der Abzug der internationalen Truppen auf die Lage im Einzelnen auswirken wird, kann allerdings derzeit noch nicht abgeschätzt werden".