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Sexueller Missbrauch von Kindern Fachleute ziehen bittere Bilanz

Stand: 30.11.2021 06:03 Uhr

Heute vor zehn Jahren hatten Fachleute Maßnahmen vorgestellt, um Kinder besser vor sexuellem Missbrauch zu schützen. Der Beauftrage der Bundesregierung und andere Fachleute ziehen nun eine bittere Bilanz.

Von Sebastian Bellwinkel, NDR

Ingo Fock nimmt einen letzten Zug aus der Zigarette und drückt sie energisch aus. "In dem Moment, wo ich hier stehe, muss in Deutschland ungefähr alle zwei bis drei Minuten ein Kind sexuelle Gewalt erleiden", sagt der Gründer des Göttinger Vereins "Gegen Missbrauch". "Das lässt sich ableiten aus den Dunkelfeld-Zahlen, die wir haben. Wo bleibt die Hilfe?"

Dann eilt er zurück in sein Büro, Anfragen beantworten. Sein Verein kümmert sich um Betroffene, die sich bei der Beantragung von Therapien und Opferentschädigung im Bürokratie-Dschungel verheddern - immer wieder. Eigentlich sollte das längst der Vergangenheit angehören.

Denn nach dem sogenannten Missbrauchsskandal 2010 an Canisius-Kolleg, Odenwaldschule und anderen namhaften Einrichtungen hatte die Bundesregierung einen Runden Tisch einberufen, an dem die Ministerinnen für Familie, Bildung und Justiz zusammen mit Fachleuten Verbesserungsvorschläge erarbeiteten. Am 30. November 2011 - also exakt vor zehn Jahren, präsentierten sie einen Forderungskatalog, der Betroffenen in ganz Deutschland Hoffnung machte: Mehr Geld für Fachberatungsstellen, bessere Therapieangebote, ein Hilfsfonds für unbürokratische Soforthilfen.

"Wir haben nicht genug getan"

Zu diesem Jahrestag zieht auch Johannes-Wilhelm Rörig, der Unabhängige Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, ein ernüchterndes Fazit: "Wir haben nicht genug getan, um Mädchen und Jungen in Deutschland besser vor sexueller Gewalt zu schützen - in ihren Familien, im sozialen Umfeld oder auch bei der Nutzung digitaler Medien", sagt Rörig im Interview mit dem NDR.

Die Politik richtete vor zehn Jahren sein Amt ein, damit er Betroffenen auf der politischen Bühne eine Stimme gibt. Doch er hat keine Macht. "Ich habe in einem normativ luftleeren Raum agiert", umschreibt der Jurist etwas kryptisch die Fehlkonstruktion. Auf deutsch: Der Missbrauchsbeauftragte ist ein Tiger ohne Krallen, der nur Miau sagen kann. Und kaum einer hört auf ihn.

Katastrophale therapeutische Versorgung

Einer der größten Mängel ist die nach wie vor katastrophale therapeutische Versorgung von Betroffenen: zu wenig Fachleute, endlose Wartelisten, kaum Ausbildung für Nachwuchskräfte. Das zu ändern wäre die Aufgabe des Bundesgesundheitsministeriums gewesen. Doch das saß damals nicht mit am Runden Tisch und duckt sich seither weg. "Ich habe in den vergangenen vier Jahren keinen einzigen Gesprächstermin mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn bekommen", erklärt Rörig auf Nachfrage.

Mehr und leichter zugängliche Traumatherapien kosten Geld. Viel Geld. "Ich glaube ganz sicher, dass der hohe Kostenaufwand dort zu restriktiven Entscheidungen führt", teilt Rörig in Richtung Ministerium aus. "Und so ist die Situation für Betroffene noch immer größtenteils fürchterlich", bestätigt Ingo Fock vom Verein "Gegen Missbrauch".

Lockdown verschärfte das Problem

Während der Corona-Pandemie hat sich die Situation weiter zugespitzt, weil sich Kinder und Jugendliche im Lockdown die Zeit vielfach online vertrieben haben, sei es bei Instagram und Tiktok oder in Spielen wie Fortnite und Roblox. Die sexuelle Kontaktanbahnung in den sozialen Medien und in den Chats solcher Spiele habe "extrem zugenommen", sagt Kinderschützerin Julia von Weiler. "Sie haben im Netz freie Bahn, weil die Entdeckungswahrscheinlichkeit nahezu null ist."

So wurden Kinder dazu überredet, sich vor der Webcam auszuziehen, sich zu berühren. Und meistens schneiden die Täterinnen oder Täter diese Missbrauchsaufnahmen mit und verbreiten sie massenweise im Netz. Und keiner hindert sie daran. "Die Digitalindustrie verdient zwar Milliarden an ihren kindlichen Kunden, tut aber viel zu wenig, um sie zu schützen", so von Weiler.

Rechtsfreier Raum

Und auch die Polizei schaut nur zu. "Wir sind so ausgelastet mit der Beweissicherung in der realen Welt, wir können uns virtuell keine neuen Aufgaben suchen", sagen Ermittler von der Kripo Rostock. "Das ist schon ein lähmendes Gefühl."

Fachleute warnen schon seit Jahren davor, dass im Netz ein rechtsfreier Raum entsteht. Geschätzt sind nur vier bis fünf Prozent der Polizisten online unterwegs, zumeist bei Twitter oder Facebook - aber eben nicht dort, wo sexuelle Übergriffe geschehen.

Fachleute fehlen

"Über kurz oder lang brauchen wir eine digitale Wache. Aber es ist nicht so einfach", sagt NRW-Innenminister Herbert Reul. Der CDU-Mann gilt seit den Missbrauchsskandalen von Lügde, Bergisch-Gladbach und Münster als einer der wenigen, die das Thema offensichtlich interessiert.

Für mehr Präsenz im Netz, erklärt Reul, brauche man das Personal. Zudem müssten die Bürgerinnen und Bürger diesen Weg mitgehen, denn "das bedeutet, dass irgendwo in der analogen Welt die Polizei nicht mehr da ist". Drittens seien Polizisten auf diese Aufgaben nicht vorbereitet, sagt Reul, "wir haben zu wenig Experten". Und so kommt es, dass die Nachfrage nach Missbrauchsabbildungen laut Bundeskriminalamt dramatisch ansteigt: zuletzt um 53 Prozent.

"Thema verschlafen"

"Wir haben das Thema der sexuellen Gewalt gegen Kinder total verschlafen", räumt der nordrhein-westfälische Innenminister ein. Wie kann das sein? "Weil man sich als Politiker um viele Sachen kümmert, meistens wo man so Schwerpunkt-Mensch ist. Und dann gibt es Themen, die findet man nicht so wichtig. Ich war wie die anderen in der Gesellschaft. Ich habe gedacht, das ist ein Thema, aber doch nicht so ein wichtiges."

Immerhin eine ehrliche Antwort, die Betroffenen aber nicht hilft in ihrer Not. Die von der Politik vor zehn Jahren erzeugte Hoffnung entpuppt sich nur als Sprechblase. "Was ich wirklich zum Kotzen finde, ist, dass wir so Kinder und Jugendliche, erwachsenen Frauen und Männer in Not, mit Ansage vor die Wand kacheln lassen", spricht Julia von Weiler vom Verein "Innocence in Danger" aus, was Viele denken.

Die neue Bundesregierung hat zwar im Koalitionsvertrag ein paar Vorhaben zu dem Thema angekündigt. Doch das hatte die Große Koalition auch. Das Ergebnis ist bekannt.  

Über dieses Thema berichtete das NDR-Fernsehen in einer Dokumentation am 29. November um 22:00 Uhr.