Kokain das mit einem Messer abgekratzt wurde | Bildquelle: dpa

Organisierte Kriminalität Auf der Suche nach neuen Geschäften

Stand: 31.03.2020 03:01 Uhr

Zwar geht der internationale Rauschgifthandel infolge der Corona-Pandemie zurück - doch das ist kein Grund zur Entwarnung. Die Krise könnte die Organisierte Kriminalität stärken.

Von Volkmar Kabisch, Jan Lukas Strozyk, Benedikt Strunz, NDR

Weltweit beobachten Fahnder und Wissenschaftler derzeit sehr genau, wie organisierte Kriminelle auf die Corona-Pandemie reagieren. Auch wenn verbindliche Aussagen derzeit nur schwer zu treffen seien, stehe eines fest, sagt Mark Shaw im Interview mit dem NDR: "Wir sehen bereits jetzt, dass die Krise erhebliche Auswirkungen auf das organisierte Verbrechen hat." Shaw ist der Direktor der Nichtregierungsorganisation Global Initiative Against Transnational Organized Crime.

Auch deutsche Ermittler berichten, dass derzeit bestimmte "Wirtschaftsfelder der Organisierten Kriminalität" schlichtweg nicht mehr funktionieren. So beispielsweise der Schmuggel. Ein Drogenfahnder aus Süddeutschland berichtet, seit mehreren Wochen hätte seine Abteilung keine größeren Einsätze wegen Drogen mehr gehabt, die illegal ins Land gebracht werden sollten.

Oliver Huth vom Bund Deutscher Kriminalbeamter glaubt, dass Grenzschließungen und intensivere Kontrollen einen deutlichen Effekt haben. "Natürlich fällt es da der Organisierten Kriminalität schwer, die Drogen für den Einzelkonsumenten letztendlich auf den Markt zu bringen", so Huth, der im LKA Nordrhein-Westfalen Ermittlungsgruppen gegen die Organisierte Kriminalität leitet. Zudem sei es üblich, größere Drogengeschäfte, etwa im Bereich des Kokains, direkt in Südamerika beziehungsweise in den Niederlanden zu verhandeln.

Mafiosi reisen nach Italien

In Europa ist in diesem Feld unter anderem die italienische Mafiaorganisation 'Ndrangheta aktiv. Huth beobachtet, dass viele Mafiosi, die eigentlich in Deutschland wohnen, zurück nach Italien gefahren seien. "Organisierte Kriminalität in Italien ist ein Familiengeschäft, da ist es völlig klar, dass man sich in der Krise auch direkt unterstützt." Aufgrund der aktuellen Situation sei es den Kriminellen nun schlecht möglich, ihren Geschäften in Deutschland nachzugehen.

Ein weiteres Problem sei, dass der Straßenmarkt für Drogen derzeit nur noch äußert beschränkt funktioniere, berichtet ein norddeutscher Zollfahnder: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass die jetzt alle im Internet einkaufen." Gleichwohl sei natürlich anzunehmen, dass größere Drogenlieferungen, die bereits vor Wochen bestellt wurden, noch weiter über die Häfen liefen. Andere Drogenmärkte, wie etwa den Markt für Marihuana, das auch auf deutschen Plantagen angebaut wird, beeinträchtige die Krise sicherlich weniger.

Routen von Schleusern versperrt

Der abnehmende Personen- und Warenverkehr erschwere derzeit unter anderem auch das Geschäft für Schleuser, heißt es in einer aktuellen Studie der Global Initiative Against Transnational Organized Crime. In einigen afrikanischen Ländern, insbesondere in Libyen, zeige sich bereits jetzt, dass die etablierten Routen von Schleusergruppen im Zuge der Corona-Pandemie versperrt seien.

Der Shutdown der chinesischen Wirtschaft geht auch an der Welt des Organisierten Verbrechens nicht spurlos vorüber. Laut einem Bericht des US-Magazins "Vice" beklagen mexikanische Drogenkartelle zurzeit Schwierigkeiten bei der Herstellung der Drogen Fentanyl und Methamphetamin. Der Grund dafür: Die Vorstoffe für diese Drogen stammen überwiegend aus China, wegen der dortigen Situation stocke aber derzeit der Nachschub.

Das Gleiche gelte für gefälschte Handtaschen, Sportschuhe und andere Modeartikel, die Kriminelle in der Regel günstig in China einkaufen und anschließend auf den europäischen Markt werfen, glauben die Experten der Global Initiative Against Transnational Organized Crime.

Kein Grund zur Entwarnung

Offenbar suchen sich Kriminelle allerdings bereits neue Geschäftsfelder: In seiner Studie warnen Mark Shaw und seine Kollegen vor wachsenden Online-Betrügereien. Zudem sieht der Wissenschaftler die Gefahr, dass Formen der sexuellen Ausbeutung auf Online-Plattformen zunehmen könnten.

Andernorts beobachte man bereits jetzt, wie Kriminelle direkt aus der Krise Profit zu schlagen versuchen. Etwa indem Händler in Laos und in China Elfenbein als Heilmittel gegen Corona vermarkten. Oder indem in Teilen Afrikas gefälschte Corona-Tests angeboten würden.

Besondere Vorsicht müsse man zudem in solchen Ländern aufbringen, in denen die Gesundheitssysteme von organisierten Verbrechen infiltriert seien, wie etwa in Italien. Denn die großen Geldsummen, die derzeit bewegt werden, weckten auch bei der Mafia Begehrlichkeiten.

Wirtschaftskriminalität als Antwort auf die Krise

Auch Oliver Huth sieht die Gefahr, dass Kriminelle versuchen werden, durch Wirtschaftsverbrechen aus der Krise Profit zu schlagen. Die Milliarden-Förderprogramme von Bund und Ländern würden mit Sicherheit auch das Organisierte Verbrechen anziehen. "Wir kennen das aus der Vergangenheit, da haben Kriminelle relativ schnell die entsprechenden Gesetzeslücken erkannt, um dieser Subventionen habhaft zu werden." Aber auch die Themenfelder Versicherungsbetrug und klassischer Betrug böten sich an.

Huth rechnet beispielsweise damit, dass auch in Deutschland Mafiosi Restaurants, die sich nicht mehr rechnen, anzünden, um bei der Versicherung die Prämie zu kassieren. Entsprechende Fälle sind deutschen Ermittlern aus der Vergangenheit bekannt.

Geldwäsche

Ein deutlich größeres Problem könnte aber bei der Geldwäsche liegen. Wissenschaftler und Ermittler sind überzeugt, dass im Zuge der Weltfinanzkrise 2008/2009 Dutzende, wenn nicht Hunderte Milliarden Euro Schwarzgeld in die Legalwirtschaft geflossen sind. Schlichtweg, weil vielerorts Geldknappheit herrschte. Auch im Zuge der derzeitigen Corona-Krise könnte vielerorts das Geld knapp werden. Cafés und Restaurants könnten Pleite gehen, ihre Besitzer würden dann dringend nach Käufern suchen, glaubt Huth. "Umso einfacher wird es dann für die Organisierte Kriminalität, hier zu investieren."

Für Immobilienmakler, aber auch für Banker und Fahnder sei es deshalb wichtig, künftig doppelt wachsam zu sein. Von der für Geldwäsche-Verdachtsfälle zuständigen Financial Intelligence Unit (FIU) heißt es auf Anfrage des NDR, dass man zwar Mitarbeiter ins Homeoffice geschickt habe. Dennoch sei die FIU, trotz Corona-Krise in der Lage, jeden eingehenden Verdacht zu bewerten und gegebenenfalls an Ermittler weiterzuleiten. Dies gelte auch für "zeitkritische Sachverhalte".

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Jan Strozyk, NDR | Bildquelle: NDR/Christian Spielmann Logo NDR

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