Biathletinnen bei 7,5-Kilometer-Sprint bei der Biathlon-Weltmeisterschaft in Antholz/Südtirol | REUTERS
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Fallstudie zu Missbrauch Die Schattenseite des Sports

Stand: 27.09.2022 00:00 Uhr

Erstmals dokumentiert eine Fallstudie umfassend sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in Vereinen. Betroffene leiden oft ihr Leben lang, auch weil sie häufig keine Hilfe fanden - so wie eine Ex-Biathletin.

Von Lena Gürtler, Elena Kuch, Hendrik Maaßen, NDR

Zerrissene, blutige Schlüpfer nach einer Vergewaltigung durch den Trainer, angebliche Liebesbeziehungen von 13-Jährigen mit erwachsenen Trainern, Scham und Leistungsdruck. Eltern, die schweigen. Vereinskollegen, die wegsehen. "Die Berichte sind wirklich sehr erschütternd", sagt Bettina Rulofs, Leiterin der Studie Sexualisierte Gewalt und sexueller Kindesmissbrauch Missbrauch im Kontext des Sports".

Die Professorin der Sporthochschule Köln gilt als eine der führenden Forscherinnen zu sexualisierter Gewalt im Sport in Deutschland. Für die Studie wurde sie von der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs beauftragt, entsprechende Fälle zu untersuchen, wie es auch im Koalitionsvertrag festgehalten ist.

Die Studie, die NDR und "Süddeutsche Zeitung" (SZ) einsehen konnten, zeigt erstmals mit drastischen Beispielen, wie Kinder, meist von ihren Trainern im Sport sexuell belästigt oder missbraucht wurden. Anders als bei vorangegangen Studien geht es nicht um das zahlenmäßige Ausmaß des Problems, sondern um konkrete Fälle und darum, welche Täterstrategien und strukturellen Probleme sich daraus ableiten lassen.

Dafür wurden insgesamt 72 Berichte und Anhörungen von Betroffenen ausgewertet, die sich an die Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs gewandt hatten und die aus dem Leistungssport und dem wettkampforientierten Breitensport stammen. Die Missbrauchsfälle betreffen viele unterschiedliche Sportarten, darunter Turnen und Fußball, aber auch Judo, Reiten, Rudern, Handball oder Schwimmen.

Nicht erst angesichts der Vielfalt dieser Berichte werde klar, dass es sich bei den Missbrauchsfällen im Sport eben nicht um Einzelfälle in bestimmten Sportarten handele, so Studienautorin Rulofs. Zahlenmäßig sei dies bereits belegt. Rulfos hatte zuvor schon Studien vorgelegt, aus denen hervorgeht, dass im Spitzensport ein Drittel von 1800 befragten Leistungssportlerinnen und Sportler eine Form von sexualisierter Gewalt im Sport erlebt hat und dass in Sportvereinen jeder fünfte Befragte Belästigungen oder Gewalt erlebt hat.

"Ich wusste nicht, dass ich hätte 'Nein' sagen können"

Nora beispielsweise wurde von ihrem Trainer missbraucht, als sie auf dem Weg dazu war, eine Spitzen-Biathletin zu werden. Auch sie wandte sich an die Kommission und sprach nun im Interview mit NDR und SZ erstmals öffentlich über ihr Trauma. Sie hatte davon geträumt, ein Biathlon-Star zu werden. An einem Olympia-Stützpunkt trainierte sie als Schülerin bei einem Mann, der dort als "Super-Trainer" galt. Immer wieder habe er ihr angeboten, "mal bei ihm im Zimmer vorbeizukommen", wenn es im Training nicht lief.

Als sie 13 Jahre alt war, fasste er ihr zum ersten Mal an ihr Gesäß, "um sich sexuell zu stimulieren", heißt es in der Gerichtsakte zu ihrem Fall. Später "hat er meine Brüste berührt und angefangen, mich zu küssen", erzählt Nora. Eine Vertrauenslehrerin, der sie das erzählt, habe nur gesagt: "Du musst aufpassen, das macht er mit vielen."

Immer wieder inszenierte der Trainer private Treffen, angeblich um Trainingstipps zu geben oder Trost zu spenden. "Irgendwann war dann auch der Punkt, dass er mich gefragt hat, ob er mit mir schlafen dürfe. Ich wusste nicht, dass ich hätte 'Nein' sagen können", berichtete Nora. Immer wieder habe er seinen Trainingsschützling daraufhin missbraucht.

Täterstrategien offengelegt

Nora sah damals keinen Ausweg: "Ich habe das gar nicht eingeordnet bekommen." Was die frühere Biathletin beschreibt, deckt sich mit der Analyse von Täterstrategien in der Missbrauchsstudie. Häufig würden die Täter, in den meisten Fällen männlich, die Sportlerinnen und Sportler, manchmal auch ihre Eltern, mit sozialer und emotionaler Nähe umgarnen, mit Gefälligkeiten, Sonderbehandlungen und vermeintlichen Liebesbeziehungen.

Selbst als Nora Essstörungen entwickelte, schwieg sie weiter. Zu wichtig war ihr der Traum von der Biathlon-Karriere: "Ich hatte Angst, dass ich seine Unterstützung verliere, weil er mir ja auch wichtige Tipps für das Training gegeben hat." Erst nach Jahren merkte Nora, dass der Trainer auch andere Mädchen immer wieder auf sein Zimmer rief. In ihrem Sportinternat sei seine Nähe zu vielen Mädchen irgendwann ein "offenes Geheimnis" gewesen, sagt Nora.

Einer der Hauptbefunde der Studie ist, dass Vereine und Verbände die Betroffenen oft im Stich lassen: "Die Geschichten wurden weggedrückt, sie wurden bagatellisiert, sie wurden ignoriert und dadurch haben die Betroffenen keine Hilfe bekommen", so Sportsoziologin Rulofs.

Die Eltern einer anderen Athletin zeigten Noras Trainer schließlich an. Nora schloss sich als Nebenklägerin an. 2008 wurde der Trainer wegen 38-fachen Missbrauchs von Schutzbefohlenen und Kindern zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Das Gericht hielt ihm damals im Urteil zugute, dass er geständig gewesen sei, beruflich etabliert und er inzwischen nur noch männliche Jugendliche und Männer trainiere.

Schutz vor Missbrauchstätern

Nach Recherchen von NDR und SZ trainiert der Mann inzwischen aber auch wieder Mädchen und junge Frauen. Es gibt keine Hinweise darauf, dass er wieder straffällig geworden ist. Auf Anfrage von NDR und SZ verwies er auf sein "Recht auf Resozialisierung" und "berufliches Fortkommen" und schrieb weiter, dass er sich "auch nach der Verurteilung bis heute strafrechtlich nichts zuschulden kommen lassen habe".

Laut Gesetz sollen Kinder und Jugendliche vor verurteilten Missbrauchstätern geschützt werden. Daher müssen Urteile, wie etwa zu sexuellem Missbrauch von Schutzbefohlenen 20 Jahre im erweiterten Führungszeugnis aufgeführt werden. Mit einem solchen Eintrag dürfen Täter beispielsweise nicht an Schulen arbeiten. Schulen müssen sich das erweiterte Führungszeugnis vorlegen lassen. Für Sportvereine gilt die Regelung jedoch nicht flächendeckend.

Die größte Dachorganisation für Sportvereine, der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB), spricht lediglich eine Empfehlung zur Abfrage des erweiterten Führungszeugnisses aus. Er verweist darauf, dass es keine gesetzliche Verpflichtung zur Einsichtnahme gibt. Allerdings, so eine DOSB-Sprecherin gegenüber NDR und SZ, haben sich alle Mitgliedsorganisationen in einem Stufenmodell verpflichtet, Maßnahmen zum Schutz vor Gewalt umzusetzen. Demnach müssten bis spätestens Ende 2024 bei haupt-, nebenberuflichen und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern regelmäßig die erweiterten Führungszeugnisse eingesehen werden.

Negative Seiten des Sports nicht ausblenden

Doch eine Verpflichtung, sich das erweiterte Führungszeugnis vorlegen zu lassen, sei nur "ein Puzzleteil" für mehr Schutz von Kindern und Jugendlichen, meint Sportsoziologin Rulofs. Zwar hätten viele Vereine große Fortschritte gemacht und Schutzkonzepte entwickelt. Von den Sportvereinen unabhängige Anlaufstellen wie das Safe-Sport-Zentrum des Vereins Athleten für Deutschland seien wichtig. Rulofs sieht aber vor allem einen gesellschaftlichen Auftrag: "Dass es im Grunde genommen mal an der Zeit ist, auch diese sehr positive Erzählung über den Sport, die wir alle immer gerne so mittragen, zu unterbrechen. Der Sport verspricht uns Gesundheitsförderung, Persönlichkeitsentwicklung, soziales Miteinander. All diese positiven Aspekte, die der Sport mit sich bringt. Aber das, was Betroffene von sexualisierter Gewalt berichten, ist das krasse Gegenteil dazu."

Nora hatte während ihres Studiums mit Flahsbacks ihrer Missbrauchserlebnisse zu kämpfen. Sie war jahrelang in Therapie. Noch heute könne sie manchmal die Umarmungen ihres Freundes nicht ertragen: "Es macht mich traurig und wütend gleichzeitig, dass der Trainer mir das mein ganzes Leben mit auf den Weg gibt." Von ihrem Biathlon-Traum hat sie sich lange verabschiedet. Sportlich erfolgreich ist sie dennoch geworden, als Triathletin.

Betroffene können hier Hilfe finden: Hilfe-Telefon sexueller Missbrauch, 0800 2255530 (kostenfrei und anonym), www.hilfe-portal-missbrauch.de

Infotelefon Aufarbeitung sexueller Kindesmissbrauch, 0800 4030040 (kostenfrei und anonym), www.aufarbeitungskommission.de;

Das NDR Ressort Investigation recherchiert zu Sexismus, MeToo und sexualisierter Gewalt im Sport. Sie erreichen die Redaktion unter investigation@ndr.de

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 27. September 2022 um 06:48 Uhr.