Eine FFP2-Maske | dpa
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Nachprüfungen und Zweifel Millionen mangelhafte Masken vom Bund

Stand: 11.06.2021 05:00 Uhr

Mehrere Bundesländer haben Millionen vom Bund bereitgestellte Schutzmasken für die Verwendung gesperrt oder zurückgeschickt. Nach NDR-Informationen fielen sie bei Nachprüfungen durch, oder es gab grundsätzliche Zweifel an der Qualität.

Von Christian Baars und Alexa Höber, NDR

Hunderte Millionen FFP2-Schutzmasken hat das Bundesgesundheitsministerium im vergangenen Jahr beschafft. Es musste alles schnell gehen, aber trotzdem sollte es keine Abstriche bei der Sicherheit geben. So stellen es jedenfalls das Ministerium und sein Leiter, Jens Spahn, dar. Alle Masken seien auf ihre Qualität geprüft worden. Einige Bundesländer verließen jedoch nicht darauf und stellten bei Tests teils erhebliche Mängel fest. Das ergab eine NDR-Recherche.

Länder geben Masken zurück oder lagern sie ein

Allein Schleswig-Holstein schickte vier Millionen Schutzmasken zurück, die der Bund in der Zeit von Mai bis August 2020 geliefert hatte. Die beanstandeten Masken hätten die FFP2-Norm nicht erfüllt, teilte das Sozialministerium in Kiel auf NDR-Anfrage mit. Auch die CPA-Norm - ein zu Beginn der Pandemie entwickeltes Schnellprüfverfahren - hätten die meisten Masken nicht erfüllt. 

Niedersachsen will jetzt ebenfalls vier Millionen Masken an den Bund zurückgeben. Denn im Rahmen einer Überprüfung hätten Zweifel an deren Verkehrsfähigkeit nicht abschließend ausgeräumt werden können, schrieb das dortige Gesundheitsministerium auf Anfrage.

Schon früh Zweifel an Qualität

In Rheinland-Pfalz lagern laut dem zuständigen Landesamt "mehr als eine Million nicht verkehrsfähige FFP2 und FFP2-analoge Masken des Bundes". Schon im vergangenen Sommer seien Zweifel an der Qualität aufgekommen, teilte das Amt mit. Daraufhin habe die zuständige Marktüberwachungsbehörde alle vom Bund gelieferten Produkte überprüft. Von den etwa 150 gelieferten Modellen wurden letztlich nur 49 positiv bewertet, alle anderen als nicht verkehrsfähig eingestuft. Der Bund sei um Rücknahme der Waren ersucht worden, teilte das Landesamt mit.

Auch Hessen stellte verschiedene Mängel bei rund einer Million Masken fest, die es vom Bund bekommen hatte. "Diese Mängel erstreckten sich von formellen Unzulänglichkeiten - beispielsweise fehlenden Dokumenten oder fehlerhaften Beschriftungen - bis zu einer mangelnden Qualität der Masken (Verarbeitung, bakterielle Filterleistung, etc.)", teilte das hessische Innenministerium mit. 

Geruchsbelastung, Beschädigungen, fehlende Anleitungen

Aus Mecklenburg-Vorpommern gingen nach Expertenprüfungen etwa 140.000 Masken an den Bund zurück. "Endscheidungsgründe hierfür waren z.B. fehlende Anwendungshinweise, Geruchsbelastung, Beschädigungen an Verpackungen", schrieb das Ministerium für Inneres und Europa.

Hamburg teilte mit, von Seiten des Bundes sei versichert worden, dass die gelieferten Masken geprüft worden seien. Deshalb habe man "keine zusätzlichen Nachprüfungen dieser Masken beauftragt", habe aber Warnmeldungen aus anderen Bundesländern berücksichtigt und entsprechende Chargen gesperrt. Mehr als eine Millionen Masken, die noch aus den Lieferungen des Bundes vorhanden seien, würden nicht mehr ausgegeben. Auch Bremen hat fast so viele zurückgestellt.

Bereits im Februar hatte das Sozialministerium in Baden-Württemberg etwa 3,5 Millionen mangelhafte Schutzmasken zurückgerufen, die teils vom Bundesgesundheitsministerium kamen. 13 Modelle fielen bei Nachprüfungen durch, zehn davon waren vom Bund geliefert worden.

Lieferung trotz EU-Warnung

Bayern nahm einige Masken des Bundes gar nicht erst an, nachdem sie bei der formalen Eingangsprüfung durchgefallen waren. Ungeeignete Schutzmasken seien "nach erfolgreicher Reklamation wieder zurück an den Lieferanten" gegangen, "also auch an den Bund", so das bayerische Gesundheitsministerium. Zurückgeschickt wurden demnach die Masken des chinesischen Herstellers Yi-Cheng, die der Bund geliefert hatte, obwohl es bereits einen Hinweis des EU-Schnellwarnsystems RAPEX gegeben hatte.

Sachsen-Anhalt vernichtete nach eigenen Angaben einen kleinen Teil der gelieferten Masken, nachdem der Bund selbst mitgeteilt habe, dass ein bestimmtes Modell nicht verkehrsfähig sei.

Einige Bundesländer - etwa Thüringen oder das Saarland - riefen nach eigenen Angaben keine Masken aus der Verteilung des Bundes zurück, andere antworteten auf die NDR-Anfrage nicht. Auch Nordrhein-Westfalen führte keine eigenen Tests durch, sondern sperrte oder vernichtete lediglich einige Masken, wenn entsprechende RAPEX-Meldungen vorlagen.

Fehlerhafte Masken teilweise ausgegeben

Bevor die Qualitätsmängel auffielen, waren viele vom Bund gelieferten Masken bereits ausgegeben worden. Brandenburg teilte mit, dass es mangelhafte Masken eines chinesischen Herstellers vom Bund bekommen habe. Als dies auffiel, waren allerdings solche Masken schon an Krankenhäuser sowie Pflege- und Rehabilitationseinrichtungen verteilt worden. Wie viele mangelhafte Masken über die Länder insgesamt zum Einsatz kamen, lässt sich nicht mehr rekonstruieren.

Der Bund belieferte zudem nicht nur die Länder, sondern im Dezember 2020 und Januar 2021 auch direkt mehr als 30.000 Pflegeeinrichtungen in Deutschland. Fast 100 Millionen FFP2- oder FFP2-analoge Schutzmasken versandte das Gesundheitsministerium ungefragt als "Masken-Hilfspaket" an Heime, ambulante Pflegedienste und Hospize.

Nur "eiserne Reserve"

Auf Nachfragen der AWO Hamburg, warum den Masken keine Prüfzertifikate beiliegen würden, schickte die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst&Young ein Schreiben des Bundesgesundheitsministeriums. Darin hieß es, die Masken seien in der Hochphase der Corona-Pandemie beschafft und vom TÜV Nord geprüft worden. Allerdings sollten sie nur in Mangelsituationen verwendet werden - also als "eiserne Reserve" dienen. 

In einer Seniorenunterkunft in Schleswig-Holstein kam es im Januar nach einer Verwendung von Masken aus dem Hilfspaket des Bundes zu einem Corona-Ausbruch. 22 Bewohner erkrankten, drei starben. Anschließend warnte das schleswig-holsteinische Gesundheitsministerium vor der Verwendung dieses Maskenmodells.

Zweifel an Schnelltestverfahren

Der "Spiegel" hatte zuletzt darüber berichtet, dass das Gesundheitsministerium Hunderte Millionen gelieferter Masken in einem Schnellverfahren testen ließ. Nach Ansicht des SPD-geführten Arbeitsministeriums reichten diese Prüfungen jedoch nicht aus. Es sperrte sich gegen eine offenbar geplante Verteilung an Obdachlose und an Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen.

Bundesgesundheitsminister Spahn wies die Vorwürfe zurück. Er teilte mit, die gelieferten Schutzmasken seien intensiv geprüft worden. Außerdem veröffentlichte sein Haus ein "Faktenblatt". Darin heißt es, für das Gesundheitsministerium gelte "Safety first! - Die Sicherheit der Nutzerinnen und Nutzer hat absolute Priorität".

Bundesgesundheitsministerium schweigt

Fragen des NDR zur gesamten Zahl der von den Ländern zurückgeschickten Masken oder zu deren weiteren Verwendung beantwortete das Ministerium nicht. Es teilte aber mit, dass alle Schutzmasken, die vom Bundesgesundheitsministerium während der Pandemie beschafft wurden, "in einem standardisierten zweistufigen Verfahren qualitätsgeprüft" worden seien, "um ihre Eignung als Infektionsschutz im Gesundheitssektor sicherzustellen".

Dieses Verfahren - den CPI-Prüfgrundsatz - hatte das Ministerium zusammen mit dem Bundesinstitut für Arzneimittel (BfArM) und dem TÜV Nord eigens entwickelt. Es sah eine Schnellprüfung vor, noch etwas reduziert im Vergleich zu den CPA-Verfahren, die ab März 2020 vom Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA), der DEKRA und der ZLS entwickelt wurden. Nach Angaben des Gesundheitsministerium sollen die Prüfmaßstäbe CPA und CPI bezüglich des Infektionsschutzes identisch sein.

Fachleute zweifeln jedoch daran. "Vereinfachende Prüfungen" könnten keine Sicherheit garantieren, sagte Peter Paszkiewicz vom IFA dem NDR, das sei in Fachkreisen bekannt. Auch das von seinem Institut mitentwickelte CPA-Verfahren könne "nur eine Vermutungswirkung für die Schutzwirkung entfalten". Es habe aber in der Pandemie keine Alternative gegeben. Klar sei jedoch: Je geringer die Prüfanforderungen seien, umso weniger könne die Qualität einer Maske sicher beurteilt werden.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 11. Juni 2021 um 08:55 Uhr in den Nachrichten.