Bundeswehrsoldat beobachtet ein Minenjagdboot | Bildquelle: dpa

Naturschutzgebiet Fehmarnbelt Tote Schweinswale nach Marine-Übung

Stand: 23.11.2019 09:00 Uhr

Die deutsche Marine hat bei einem Manöver in der Ostsee alte Minen gesprengt. Tierschützer fanden danach 18 tote Wale. Sie sprechen von einem Verstoß gegen Naturschutzrecht.

Von Christoph Prössl, NDR

Die Auswirkungen sind massiv: Die Sprengung einer sogenannten Grundmine, also einer Mine, die im Meer liegt, reißt einen 1,5 Meter tiefen Krater in den Boden, fünf Meter breit. In einem Umkreis von zehn bis 30 Metern sterben alle Lebewesen.

Besonders kritisch sind die Detonationen in einem Meeresschutzgebiet wie dem Fehmarnbelt. Dort lebt der streng geschützte Schweinswal. Im Sommer ist Fortpflanzungszeit dieser seltenen Art, ausgerechnet Ende August sprengte die deutsche Marine dort liegende britische Seeminen aus dem Ersten Weltkrieg. In den folgenden Wochen zählten Tierschützer 18 tot aufgefundene Schweinswale in der Region. Die Todesursache der Tiere wird derzeit unter anderem an der Hochschule Hannover untersucht.

Schweinswal
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Der Schweinswal ist streng geschützt. Nach der Minensprengung im Meereschutzgebiet Fehmarnbelt zählten Naturschützer 18 tote Tiere.

39 Minen im Schutzgebiet gesprengt - 18 Schweinswale tot

Auch für weiter entfernte Lebewesen sind die Sprengungen bedrohlich. Das Wasser transportiert den Schall sehr gut. Außerdem, so Naturschützer, belasten freigesetzte Giftstoffe Fische und Umwelt.

Die Sprengungen von insgesamt 42 Grundminen - 39 davon im Meeresschutzgebiet - führte die deutsche Marine im Rahmen eines Manövers durch. Fast 50 Schiffe beteiligten sich im Spätsommer dieses Jahres an der Übung "Northern Coasts" in der Ostsee - mit 3000 Soldaten aus 18 Nationen.

Die deutsche Marine schickte ein U-Boot und sieben Schiffe, darunter die beiden Minenjagdboote "Weilheim" und "Dillingen", außerdem die Minentaucher des Seebataillons in Eckernförde. Denn die Abwehr von Minen ist die Voraussetzung für jede militärische Operation zu Wasser.

Die Karte zeigt das Naturschutzgebiet Fehmarnbelt in der Ostsee zwischen Deutschland und Dänemark.
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Die deutsche Marine sprengte im Rahmen eines Manövers im Spätsommer 42 Grundminen - 39 davon im Naturschutzgebiet Fehmarnbelt in der Ostsee.

NABU sieht Verstoß gegen Naturschutzrecht

Die Umweltschutzorganisation NABU kritisiert, dass die Bundeswehr gegen geltendes Recht verstoßen habe. "Die Sprengungen im Meeresschutzgebiet ignorieren geltendes Naturschutzrecht", sagt Kim Cornelius Detloff, Leiter Meeresschutz beim NABU. "Sie zeigen auch die unzureichenden Umweltstandards der Marine und das Komplettversagen der Politik. Wider besseres Wissen drückt sich hier die Bundesregierung um ihre Verantwortung."

Bundesregierung spricht von Gefahr für Leib und Leben

Das Verteidigungsministerium rechtfertigt die Sprengungen in einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Bundestagsabgeordneten der Grünen, Steffi Lemke, die dem NDR vorliegt.

Steffi Lemke, Bundesgeschäftsführerin der Grünen
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Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Lemke bezweifelt die Angaben des Bundesverteidigungsministeriums (Archivfoto).

Darin heißt es, die Grundsätze der Gefahrenabwehr auf der einen Seite und der Naturschutzbelange auf der anderen Seite hätten gegeneinander abgewogen werden müssen. Durch die Anwesenheit des NATO-Minenabwehrverbandes habe eine Möglichkeit bestanden, Gefahr für Leib und Leben abzuwenden.

Lemke bezweifelt das: "Die Erklärung der Bundesregierung, es hätte eiliger Handlungsbedarf bestanden, erscheint mir angesichts der Tatsache, dass die Munition 2016 festgestellt wurde und die Sprengung 2019 stattfand, wenig plausibel." Die Grünen-Politikerin geht davon aus, dass die Anwesenheit des NATO-Verbandes benutzt wurde, um die Sprengung vorzunehmen und dabei darauf zu hoffen, "unter dem Radar durchzufliegen". Das sei inakzeptabel.

Sprengung lief zunächst nicht nach Plan

Ein Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums teilte dem NDR mit, zunächst habe der Kampfmittelräumdienst versucht, einen Teil der Minen zu entschärfen. Dies sollte durch eine gezielte Sprengung erfolgen, die den Zünder von der Gefechtsladung trennt. Dabei detonierte jedoch eine Mine. Der Räumdienst habe sich daraufhin von dem Auftrag zurückgezogen.

Untersuchungen hätten ergeben, dass der Sprengstoff in den Minen längst kristallisiert war. Das mache die Minen besonders gefährlich. Erschütterungen führten dann bereits zu Detonationen, so der Sprecher.

Marineschiff "Dillingen" | Bildquelle: FILIP SINGER/EPA-EFE/REX
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Die deutsche Marine nahm an der NATO-Übung "Northern Coasts" unter anderem mit den Minenjagdbooten "Weilheim" und "Dillingen" teil.

Verteidigungsministerium: Unklare Rechtslage

Das Verteidigungsministerium räumte ein, angesichts der "unterschiedlichen Zuständigkeiten von Bund und Ländern (...) die Thematik zum Gegenstand einer übergreifenden Abstimmungen zu machen". Dabei solle die rechtskonforme Umsetzung bestehender Verwaltungsverfahren zwischen Bundesregierung und anderen betroffenen Behörden überprüft beziehungsweise weiterentwickelt werden. Soll heißen: Die Rechtslage ist aus Sicht des Ministeriums derzeit unklar, das solle geändert werden.

Umweltschützer betonen, bei der Sprengung hätten Schutzmaßnahmen ergriffen werden müssen. Beispielsweise kann durch einen sogenannten Blasenschleier um die Minen herum die Auswirkung der Detonationen verringert werden. Außerdem können Maßnahmen ergriffen werden, Lebewesen vom Ort der Sprengung zu verjagen.

Millionen Tonnen Munition in Nord- und Ostsee?

Den Fehmarnbelt passieren pro Jahr rund 40.000 Schiffe. Die Region ist damit eine Hauptverkehrsroute in der Ostsee. Der NABU schätzt, dass in Nord- und Ostsee rund 1,6 Millionen Tonnen Munition liegen.

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