Ein Foto des ermordeten Kasseler Regierungspräsidenten Lübcke bei der Trauerfeier im Juni 2019. | dpa
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Mordfall Lübcke Herkunft der Tatwaffe bleibt im Dunkeln

Stand: 24.09.2021 11:06 Uhr

Der mutmaßliche Verkäufer der Tatwaffe im Mordfall Lübcke muss sich demnächst vor Gericht verantworten. Die ursprüngliche Herkunft der Waffen in dem Fall konnten die Ermittler nach NDR-Informationen jedoch nicht vollständig klären.

Von Julian Feldmann und Nino Seidel, NDR

Das Bundeskriminalamt (BKA) hat zwei Jahre nach dem Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke die Ermittlungen zu den Waffen des mutmaßlichen Mörders Stephan E. abgeschlossen. Die Ermittler konnten offenbar nicht herausfinden, woher die Waffen ursprünglich stammten, die bei dem Neonazi E. gefunden wurden. Es handelt sich unter anderem um eine Maschinenpistole und eine Pumpgun. Das geht aus dem BKA-Abschlussbericht hervor, der dem NDR vorliegt.

Stephan E. hat sich jedoch selbst dazu geäußert, woher er die Waffen angeblich bekam. Laut seiner Aussage erhielt er die Tatwaffe, einen Revolver der Marke "Rossi", von seinem Bekannten Elmar J. aus Nordrhein-Westfalen. Auch soll J. ihm alle anderen Schusswaffen verkauft haben, die man in seinem Waffenversteck gefunden hatte.

Der mutmaßliche Waffenverkäufer J. muss sich demnächst vor Gericht verantworten. Am Landgericht Paderborn beginnt im Januar kommenden Jahres der Prozess gegen J., dem wegen des angeblichen Verkaufs der Mordwaffe mit Munition an E. fahrlässige Tötung und ein Verstoß gegen das Waffengesetz vorgeworfen wird. J. bestreitet, dass er E. die Tatwaffe verkauft habe.

Spur der Tatwaffe verlor sich vor Jahrzehnten

Außer der Frage, wie Stephan E. konkret an sein Waffenarsenal kam, versuchte das BKA zu ermitteln, über welche Wege und Kanäle möglicherweise weitere Waffen gehandelt wurden. Schließlich stehe, so notierten die Beamten in dem Abschlussbericht, eine illegale Bewaffnung der rechtsextremen Szene im Raum. Nach NDR-Informationen hatte sich das BKA durch Nachforschungen zu den Waffenwegen auch Hinweise auf noch unbekannte Unterstützer des mutmaßlichen Lübcke-Mörders erhofft. Um das Umfeld von E. aufzuhellen, war nach der Tat 2019 im BKA eigens die Ermittlungsgruppe (EG) "Lupe" eingerichtet worden.

Die BKA-Ermittler stellen in ihrem Abschlussbericht fest, dass sich die Spur der Tatwaffe vor Jahrzehnten in der Schweiz verloren habe. Der dort lebende letztbekannte, legale Besitzer der Waffe konnte wegen seines altersbedingten Gesundheitszustandes nichts über den weiteren Verbleib des Revolvers aussagen.

Die Herkunftsermittlungen hätten sich insgesamt als schwierig dargestellt, schreiben die Ermittler. Zwischenzeitlich hatten sie die These verfolgt, dass ein 66-Jähriger aus der Nähe von Bielefeld die Waffen beschafft haben könnte. Der Mann war bereits wegen illegalem Waffenbesitz aktenkundig. Bei einer Durchsuchung im November 2019 fand die Polizei ein großes Waffen- und Sprengstofflager bei dem Mann. Dieser nahm sich nach der Durchsuchung das Leben. Die Ermittlungen verliefen anschließend ergebnislos, auch weil der Mann - wie das BKA notierte - über seine illegalen Waffengeschäfte kein Buch geführt hatte.

Weitere Fälle untersucht

Intensiv beschäftigt hatten sich die BKA-Ermittler mit einer Maschinenpistole des Typs "Uzi", die in E.s Waffenbunker gefunden wurde. Die Beamten gingen ähnlichen Fällen aus dem politisch rechten Spektrum nach. So vernahm das BKA im vergangenen Jahr den Gründer des rechten Prepper-Netzwerks "Nordkreuz", Marko G. aus Mecklenburg-Vorpommern. G. war 2019 wegen des Besitzes einer "Uzi" zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. Die Waffe habe G., so erzählte er, bei einer Waffenmesse in Kassel vor Jahren gekauft.

Außerdem überprüften die Ermittler einen weiteren alten Fall. Im Jahr 2007 war bei dem Neonazi-Anführer Thorsten Heise in Thüringen ein funktionsfähiges Teil einer "Uzi" sichergestellt worden. Der Rechtsextremist E. und der heutige stellvertretende NPD-Bundesvorsitzende Heise bewegten sich beide in der Neonazi-Szene im Dreiländereck zwischen Hessen, Niedersachsen und Thüringen. Auch hier untersuchte das BKA das damals gefundene Waffenteil auf DNA-Spuren und Fingerabdrücke, verglich Seriennummern und Hersteller. Hinweise auf eine Verbindung der Fälle ergaben sich jedoch nicht.

Ebenso gingen die Ermittler Spuren aus dem Komplex um die Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) nach. Hier ergaben sich laut dem Abschlussbericht keinerlei Verfahrensbezüge.

Der Rechtsextremist Stephan E. war vom Oberlandesgericht Frankfurt am Main im Januar wegen des Mordes an dem CDU-Politiker Lübcke zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Über dieses Thema berichtete das HR-Fernsehen am 02. Juni 2021 um 00:00 Uhr.