Das "Hochzeitsbild zeigt die drei vollverschleierten Frauen vor der Flagge des IS.

Vater einer IS-Anhängerin Vier Jahre Kampf, vier Jahre Hoffnung

Stand: 05.09.2019 06:00 Uhr

Wie umgehen mit IS-Anhängern, die in Syrien in Haft sitzen? Die Frage stellt sich auch den Angehörigen. Maik Messings Tochter ging 2015 zur Terrormiliz. Vier Jahre haben ihn ARD-Reporter beim Kampf um seine Tochter begleitet.

Von Volkmar Kabisch, Britta von der Heide und Amir Musawy, NDR

Es sind Worte, die einem Vater nur schwer über die Lippen gehen. Worte, die Maik Messing sichtlich schmerzen: "Für uns ist völlig klar, dass sie nicht nur ein verführtes kleines Mädchen ist, sondern sie ist genauso auch Täterin." Messing, ein Bäcker aus Sachsen-Anhalt spricht über seine Tochter, die heute 19 Jahre alt ist.

Im März 2015 haben sich Vater und Tochter zuletzt gesehen. Die Spuren eines Rollkoffers verloren sich damals im Schnee vor dem Haus des kleinen Dorfes im Südharz. Leonora war weg. Unbemerkt von der gesamten Familie war sie zunächst zum Islam konvertiert, hatte sich radikalisiert und schließlich auf den Weg zum "Islamischen Staat" (IS) gemacht. Ein paar Tage nach ihrem Verschwinden meldet sich ein Unbekannter bei Messing. "Mein Name ist Nihad Abu Yasir", leuchtet damals eine Nachricht auf dem Handy-Display auf. "Ihre Tochter liebt sie. Sie hat sich aber für Allah und den Islam entschieden. Sie ist im Islamischen Staat."

Vater und Tochter bevor Leonora zum sogenannten "Islamischen Staat" ging.
galerie

Vater und Tochter bevor Leonora zum sogenannten "Islamischen Staat" ging.

Verheiratet mit 15 Jahren

Die Familie ist geschockt. Leonora, die noch vor wenigen Wochen als Funkenmariechen im Karneval tanzte und einen YouTube-Kanal mit Schminktipps unterhielt, soll nun bei den Steinzeit-Islamisten sein, die Messing nur aus den Nachrichten kennt. "Du drehst dich die ganze Zeit um dich selber und fragst dich: Warum, weshalb, wieso? Warum weshalb wieso?"

Einige Tage danach meldet sich Leonora selbst aus dem Gebiet der Terrormiliz. Anscheinend lebt sie nun in Rakka, der inoffiziellen Hauptstadt des IS. In einer Audionachricht beschreibt sie die Einrichtung ihrer Wohnung und erzählt, sie sei nun verheiratet - mit 15 Jahren: "Ich schicke euch auch Fotos von meinem Geschenk von ihm. Ich habe Gold bekommen."

"Der foltert nicht, der lässt foltern"

Aus Sachen-Anhalt zum IS nach Syrien: Ein Vater sucht seine Tochter
tagesthemen 22:15 Uhr, 05.09.2019, B. von der Heide/V. Kabisch/B. Jung, NDR

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Video einbetten

Nutzungsbedingungen Embedding Tagesschau: Durch Anklicken des Punktes „Einverstanden“ erkennt der Nutzer die vorliegenden AGB an. Damit wird dem Nutzer die Möglichkeit eingeräumt, unentgeltlich und nicht-exklusiv die Nutzung des tagesschau.de Video Players zum Embedding im eigenen Angebot. Der Nutzer erkennt ausdrücklich die freie redaktionelle Verantwortung für die bereitgestellten Inhalte der Tagesschau an und wird diese daher unverändert und in voller Länge nur im Rahmen der beantragten Nutzung verwenden. Der Nutzer darf insbesondere das Logo des NDR und der Tageschau im NDR Video Player nicht verändern. Darüber hinaus bedarf die Nutzung von Logos, Marken oder sonstigen Zeichen des NDR der vorherigen Zustimmung durch den NDR.
Der Nutzer garantiert, dass das überlassene Angebot werbefrei abgespielt bzw. dargestellt wird. Sofern der Nutzer Werbung im Umfeld des Videoplayers im eigenen Online-Auftritt präsentiert, ist diese so zu gestalten, dass zwischen dem NDR Video Player und den Werbeaussagen inhaltlich weder unmittelbar noch mittelbar ein Bezug hergestellt werden kann. Insbesondere ist es nicht gestattet, das überlassene Programmangebot durch Werbung zu unterbrechen oder sonstige online-typische Werbeformen zu verwenden, etwa durch Pre-Roll- oder Post-Roll-Darstellungen, Splitscreen oder Overlay. Der Video Player wird durch den Nutzer unverschlüsselt verfügbar gemacht. Der Nutzer wird von Dritten kein Entgelt für die Nutzung des NDR Video Players erheben. Vom Nutzer eingesetzte Digital Rights Managementsysteme dürfen nicht angewendet werden. Der Nutzer ist für die Einbindung der Inhalte der Tagesschau in seinem Online-Auftritt selbst verantwortlich.
Der Nutzer wird die eventuell notwendigen Rechte von den Verwertungsgesellschaften direkt lizenzieren und stellt den NDR von einer eventuellen Inanspruchnahme durch die Verwertungsgesellschaften bezüglich der Zugänglichmachung im Rahmen des Online-Auftritts frei oder wird dem NDR eventuell entstehende Kosten erstatten
Das Recht zur Widerrufung dieser Nutzungserlaubnis liegt insbesondere dann vor, wenn der Nutzer gegen die Vorgaben dieser AGB verstößt. Unabhängig davon endet die Nutzungsbefugnis für ein Video, wenn es der NDR aus rechtlichen (insbesondere urheber-, medien- oder presserechtlichen) Gründen nicht weiter zur Verbreitung bringen kann. In diesen Fällen wird der NDR das Angebot ohne Vorankündigung offline stellen. Dem Nutzer ist die Nutzung des entsprechenden Angebotes ab diesem Zeitpunkt untersagt. Der NDR kann die vorliegenden AGB nach Vorankündigung jederzeit ändern. Sie werden Bestandteil der Nutzungsbefugnis, wenn der Nutzer den geänderten AGB zustimmt.

Einverstanden

Zum einbetten einfach den HTML-Code kopieren und auf ihrer Seite einfügen.

Leonoras Ehemann Nihad Abu Yasir heißt eigentlich Martin Lemke und stammt ebenfalls aus Ostdeutschland. Er war ein knappes halbes Jahr vor ihr nach Syrien ausgereist und hatte bei der Terrormiliz schnell Karriere gemacht. Lemke arbeitet für die als besonders brutal geltenden "Amniyat", den IS-Geheimdienst. Ein Rückkehrer wird später über ihn sagen: "Der foltert nicht, der lässt foltern".

Eine Aussage, die Lemke später dementieren wird. Leonora Messing wird seine Drittfrau. Das "offizielle" Hochzeitsbild zeigt drei vollverschleierte Frauen vor der Flagge des IS. Lemke liegt mit einer Kalaschnikow davor. Ein angsteinflößendes Bild, das bei Maik Messing die beabsichtigte Wirkung nicht verfehlt.

"Dschihad-Romantik" und Helene Fischer

Experten wie Claudia Dantschke von der Berliner Beratungsstelle Hayat (zu Deutsch: Leben) nennen solche Botschaften "Dschihad-Romantik". Gerade junge Frauen wie Leonora Messing fühlten sich von der Vorstellung angezogen, an der Seite ihres Mannes mit klaren Regeln und vorgegebenen Rollenbilder ein glückliches Leben im angeblich Heiligen Krieg zu führen.

Während auf den Straßen des selbst ernannten Kalifats gemordet und gefoltert wird, führen Messing und die anderen Frauen ein überraschend normales Leben. In Nachrichten an ihre Familie und ihre beste Freundin in Deutschland berichtet sie, häufig völlig naiv, aus dem Alltag in Syrien. Es geht um Backrezepte und um Partys in der Hauptstadt des Terrors.

"Atemlos, durch die Nacht, bis ein neuer Tag erwacht …", der Hit von Schlagerstar Helene Fischer landet als Audionachricht auf Maik Messings Telefon. Leonora feiert sich und die Erfolge des Islamischen Staates. Wäre sie von den strengen Sittenwächtern beim Musikhören erwischt worden, hätten ihr Peitschenhiebe gedroht. Musik ist verboten im "Islamischen Staat".

Die Romantik bekommt Risse

Doch die Romantik bekommt für Leonora rasch erste Risse. Sie versteht sich nicht mit ihrem Mann und noch weniger mit dessen anderen Frauen. Immer wieder herrscht Zickenkrieg im Bürgerkrieg - die Angehörigen in Deutschland sind live dabei: "Boar. Ich raste gleich aus. Ich werde bekloppt hier", schreibt sie. Sherine, die französischstämmige Erstfrau, wolle ihr unterstellen "ihre Unterwäsche zerschnitten zu haben. Wie verrückt ist das denn?" Nur ein Beispiel.

Stück für Stück erkennt Leonora auch die Brutalität vor ihrer Haustür. Sie wird Zeugin, wie fünf Männer - in einen Käfig gesperrt - zur Schau gestellt werden. Im syrischen Hochsommer sollen sie ohne Wasser und Nahrung ausharren, weil sie im Fastenmonat Ramadan nicht gefastet hatten.

Nach etwa zwei Monaten berichtet Leonora erstmals, dass sie weg will. Weg von ihrem Mann, weg vom Zickenkrieg, einfach raus aus Syrien. Nach langen Diskussionen mit der Familie beauftragt Maik Messing in der Türkei einen Schleuser, der einen engen Draht zu einem syrischen Al-Kaida-Ableger unterhält. In solch einer Situation müsse er solch eine Zusammenarbeit eingehen, sagt Messing. "Es stand für mich fest, sie gehört dort nicht hin. Das ist nicht ihr Land, das ist nicht ihr Krieg", erklärt er.

Zerstörte Häuser in Rakka | Bildquelle: AFP
galerie

Weite Teile der Stadt Rakka wurden im Bürgerkrieg zerstört.

Vorgetäuschter Todesfall

Es gibt mehrere Fluchtversuche - die Aktionen sind lebensgefährlich. Leonora schickt verzweifelte Sprachnachrichten. "Papa, wo sind die? Ich warte überall! Und niemand kommt, niemand ist da. Papa bitte! Bitte!" Die Schleusung scheitert. Stattdessen erhält der Vater eine Todesnachricht. Leonora sei bei einem Luftangriff getötet worden. Tagelang glaubt Maik Messing, er habe seine Tochter verloren. Eine Gedenkfeier wird vorbereitet. Dann erhält er wieder eine Nachricht. Der angebliche Tod war nur vorgetäuscht.

Der Bäcker durchlebt Jahre des Hoffens und des Bangens. Im Sommer 2017 flüchten Leonora, ihr Ehemann und seine anderen Frauen aus Rakka. Der IS steht militärisch unter Druck. Inzwischen ist Leonora 17 Jahre alt und schwanger. Oft weiß ihre Familie nicht, wo sie gerade ist. Manchmal meldet sie sich monatelang nicht. Im Herbst bringt sie ihre erste Tochter zur Welt. Die Umstände beschreibt sie der Familie in einer Nachricht: "Ausgerechnet an dem Tag war die Straße zerbombt worden, also mussten wir Umweg fahren und dann war's zu spät. Meine Fruchtblase ist geplatzt. Paar Minuten später habe ich einfach alleine im Auto entbunden."

Distanzierung vom IS

Leonora und ihr Mann flüchten immer weiter mit dem IS, bis sie irgendwann, nach vielen Monaten, in der letzten Enklave der Terrormiliz in Baghus angekommen sind. Aus dem "Islamischen Staat" ist Anfang 2019 ein "Islamisches Dorf" geworden.

"Hallo Papa, ich bin’s Leo. Eine Straße besitzt der Islamische Staat noch. Das war's. Alle Menschen leben aufeinander, übereinander, verhungern. Kinder erfrieren." - Leonora Messing

Leonora, die ihr zweites Baby zur Welt gebracht hat, schafft es schließlich, zu fliehen. Lemke wird von kurdischen Kämpfern gefangen genommen. In Deutschland ermittelt der Generalbundesanwalt gegen ihn. Es gibt einen Haftbefehl. Leonora wird mit ihren Kindern in das Gefangenenlager Al-Haul gebracht. Eine Zeltstadt, in der 70.000 Menschen leben. Dort treffen Reporter von NDR und WDR die inzwischen 19-Jährige. "Also ich will unbedingt, unbedingt nach Deutschland, zurück zu meiner Familie", sagt sie. Vom IS habe sie sich distanziert.

Generalbundesanwalt ermittelt

In Deutschland ermittelt der Generalbundesanwalt gegen sie wegen der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Er wirft ihr vor, wie ihr Ehemann, für den IS-Geheimdienst spioniert zu haben. Im Interview streitet sie das vehement ab. Ob sie sich strafbar gemacht hat, wird ein Prozess zeigen. Doch erst muss die Bundesregierung entscheiden, ob und wann Leonora Messing und ihre Kinder nach Deutschland zurückkommen können.

Maik Messing hat die Rückkehr seiner Tochter und seiner zwei Enkelinnen schon vorbereitet. Auch wenn er nicht weiß, wen er da zurückbekommt. "Vier Jahre IS, vier Jahre Propaganda, das hinterlässt Spuren. Sie ist sicherlich verführt worden, aber sie hat sich auch verführen lassen." Nun kann Messing nur abwarten, so wie in den vergangenen vier Jahren.

Das Erste sendet dazu am 09.09. um 22:50 Uhr die Dokumentation "Leonora - wie ein Vater seine Tochter an den IS verlor". Der Film ist bereits in der ARD-Mediathek verfügbar. Zudem gibt es einen Podcast zu der Dokumentation.

Leonora: Wie ein Vater seine Tochter an den IS verlor
Lena Gürtler, NDR
05.09.2019 09:28 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtet das Erste am 09. September 2019 um 22:50 Uhr.

Volkmar Kabisch Logo NDR

Volkmar Kabisch, NDR

Britta von der Heide Logo NDR

Britta von der Heide, NDR

Korrespondent

Amir Musawy, NDR Logo NDR

Amir Musawy, NDR

Darstellung: