al-Hol-Camp | Bildquelle: Daniel Hechler

Türkische Militäroffensive Verzweiflung in syrischen Gefangenenlagern

Stand: 15.10.2019 05:42 Uhr

In Gefangenenlagern im Nordosten Syriens sitzen Dutzende deutsche IS-Anhänger. Sie fürchten aufgrund der Militäroffensive der Türkei um ihr Leben. Eine Mutter dreier Kindern bittet die Bundesregierung um Hilfe.

Von Philipp Eckstein, Britta von der Heide und Stella Peters, NDR

Die junge Frau klingt verzweifelt. Es sei der 14. Oktober 2019, berichtet sie in einer rund vierminütigen Audioaufnahme, die dem NDR vorliegt.

Sie habe drei Kinder und befinde sich im Gefangenenlager Al-Hol: "Was auch immer ich gemacht habe, meine Kinder haben nichts damit zu tun", schluchzt sie ins Telefon: "Ich bitte Deutschland und ich bitte Sie, Heiko Maas, wenn es irgendeine Möglichkeit gibt, dass ich irgendjemand meine Kinder geben kann und hier rausholen kann, dann bitte: Sagen sie mir, wie ich das tun kann."

Die Mutter hatte sich der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) angeschlossen. Nach eigenen Angaben ergab sie sich im Januar 2019 und wird seitdem im Lager Al-Hol im Nordosten Syriens festgehalten. Bisher werden mehrere solcher Gefangenenlager von der kurdischen Selbstverwaltung in der Region geleitet.

Panik unter deutschen IS-Anhängern

Unter den Gefangenen sind zahlreiche deutsche IS-Anhänger und ihre Kinder. Unter ihnen macht sich nun offenbar Panik breit, dass die Lager bald von Truppen des syrischen Machthabers Baschar al Assad übernommen werden könnten. Die Kurden hatten Assad aufgrund der türkischen Militäroffensive am Wochenende um Hilfe gebeten.

Die deutsche Mutter schildert in der Audionachricht an den Bundesaußenminister ihre Ängste. Assads Truppen seien dafür bekannt, "dass sie Frauen vergewaltigen, dass sie Menschen quälen und foltern". Auch vor Kindern machten sie nicht Halt, so die junge Frau.

Anwaltlich vertreten wird die Frau, die sich nach eigenen Angaben vom IS losgesagt hat, in Deutschland von Dirk Schoenian. Der Rechtsanwalt aus Hannover vertritt zahlreiche weitere deutsche Frauen und ihre Kinder und schildert im Interview mit dem NDR die verzweifelte Lage unter den Müttern in den Gefangenenlagern:

Er habe von mehreren Müttern gehört, dass sie Filzstifte sammelten, "um den Kindern auf den Rücken den Namen, das Geburtsdatum und die Nationalität zu schreiben, für den Fall das Assad die Lager übernimmt." Die Mütter wollten so sicherstellen, dass ihre Kinder identifiziert werden können, falls sie von ihnen getrennt werden, so Schoenian.

Vorwürfe gegen die Bundesregierung

Dass sich die deutschen Frauen und ihre Kinder überhaupt noch in den syrischen Lagern befinden und sich ihre Sicherheitslage nun offenbar noch einmal verschärft, dafür sieht der Rechtsanwalt die Verantwortung auch bei der deutschen Bundesregierung. "Das Auswärtige Amt tut nichts, zu dem es nicht gezwungen wird", so der Anwalt.

Seit Monaten versucht er die Bundesregierung mit Klagen dazu zu bringen, deutsche Staatsbürgerinnen mit ihren Kindern aus den Lagern zurück nach Deutschland zu holen.

Er erhebt schwere Vorwürfe gegen das Auswärtige Amt. Je länger gewartet werde, desto größer sei die Wahrscheinlichkeit, dass überhaupt keiner mehr dort herauskomme, so Schoenian. "Vielleicht ist das ja auch das Kalkül des Auswärtigen Amtes, denn bis dato haben sie immer ausschließlich auf Zeit gespielt." Der Rechtsanwalt vertritt mittlerweile mehr als 60 deutsche Frauen und Kinder.

Das Verwaltungsgericht Berlin hatte die Bundesregierung bereits Mitte Juli dazu verpflichtet eine Mutter und ihre Kinder aus dem Lager in Syrien zurück nach Deutschland zu holen. Doch das Auswärtige Amt legte dagegen Beschwerde ein, über die noch nicht entschieden ist.

Bisher vier Kinder in Sicherheit gebracht

Das Auswärtige Amt bleibt jetzt auf Anfrage des NDR bei der Formulierung, dass man weiterhin mit Hochdruck daran arbeite, die Ausreise deutscher Kinder aus Nordsyrien zu ermöglichen. Das Auswärtige Amt sei dabei allerdings auf die Hilfe unterschiedlicher Akteure angewiesen. Die schon zuvor sehr schwierige Situation werde durch die Kampfhandlungen weiter verkompliziert.  Momentan sollen sich mehr als 100 deutsche Kinder in syrischen Lagern befinden.

"In den Fällen erwachsener mutmaßlicher IS-Anhänger stellen sich weitere schwierige Fragen. Hierzu zählen neben Fragen der inneren Sicherheit in Deutschland auch Strafverfolgungsansprüche gegen IS-Anhänger, die unter Umständen vor Ort in Syrien oder dem Irak bestehen", so das Auswärtige Amt

schriftlich.

Trotz heftiger Kritik von Gerichten an der Haltung der Bundesregierung sind bislang lediglich vier Kinder in Sicherheit gebracht worden. Dabei handelt es sich um drei Waisenkinder und ein schwerkrankes Kleinkind.

Hilferuf aus syrischem Gefangenenlager
Philipp Eckstein, NDR
14.10.2019 22:04 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 15. Oktober 2019 um 11:11 Uhr.

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