Zunahme der Internetkriminalität

Interview zu Fakeshops "Nicht arglos billigste Angebote annehmen"

Stand: 17.04.2019 18:11 Uhr

Wie kann man sich gegen Betrug durch Fakeshops im Internet schützen? Ein Experte mit dem Pseudonym "Detektei Köhler" befasst sich seit Jahren damit. tagesschau.de hat mit ihm gesprochen.

Peter Hornung
Zur Person

Der Experte auf dem Gebiet von Fakeshops und Betrugskonten tritt auf dem Verbraucherschutzforum auktionshilfe.info unter dem Pseudonym "Detektei Köhler" auf.

Er beschäftigt sich nach eigenen Angaben seit Jahren mit diesen Themen und ist dabei in ständigem Austausch mit Behörden, Banken und Medien. Von ihm stammt die Liste mit knapp 400 Betrugskonten, über die tagesschau.de berichtet hat. Die Onlinebank N26 bestätigte die Liste. Alle Konten seien inzwischen geschlossen.

tagesschau.de: Perfekt gemachte Fakeshops mit deutschen Internetadressen und deutschen Bankkonten ziehen immer neue Opfer an. Wie hat sich dieses Phänomen seit dem vergangenen Jahr entwickelt?

"Detektei Köhler": Fakeshops gibt es, seit Einkäufe im Internet für "Normalbürger" immer populärer und schon fast zum Normalfall geworden sind, also seit mindestens 15 Jahren. Anzahl und Qualität der Shopgestaltung haben sich dieser Entwicklung angepasst und sind somit weiterhin tendenziell steigend.

Die Betrüger verwenden alle möglichen Domain-Endungen und auch internationale Bankkonten, bevorzugen jedoch de-Domains und deutsche Konten, da diese den Verbrauchern eine höhere Seriosität vorgaukeln.

Zudem trägt natürlich die prominente Platzierung der Fakeshops bei Suchmaschinen wie Google über das Werbeprogramm "Google AdWords" zum Erfolg bei. Trotz eindeutiger Kennung als Werbeanzeigen, gehen einfach zu viele User davon aus, dass Google ihnen das beste Ergebnis auf ihre Suchanfrage zeigt.

Screenshot Auktionshilfe.info | Peter Hornung / NDR

Screenshot des Verbraucherschutzforums auktionshilfe.de Bild: Peter Hornung / NDR

Fakeshops werden aufwändig betrieben

tagesschau.de: Was wissen Sie über die Täter?

"Detektei Köhler": Die Vorgehensweise ist arbeitsteilig. In der Regel sind die Ersteller der Fakeshops nicht deren Betreiber. Mit den dazu nötigen Bankkonten, den sogenannten Bankdrops, verhält es sich ähnlich. An einem Fakeshop sind also mehrere Täter bzw. Tätergruppen beteiligt.

Die Täter kommen aus der Szene zahlreicher Untergrund- oder Darknet-Foren, auf denen sich User den ganzen Tag lang mit Betrug beschäftigen und fleißig über alles austauschen. Dort werden Dienstleistungen aller Art angeboten. Auch reines Wissen, oft in Form kostenpflichtiger sogenannter TuTs, kann erworben werden. Komplette Datensätze von Realpersonen inklusive Onlinezugang und PIN zu Bankkonten oder Kreditkarten werden dort frei gehandelt.

tagesschau.de: Wie wichtig ist der Faktor Geschwindigkeit für den Erfolg dieser Fakeshops?

"Detektei Köhler": Sobald so ein Shop online gegangen ist, fordert er die volle Aufmerksamkeit des Betrügers, weil da viele Kaufvorgänge erwartet werden und dann trotz automatisch versendeter Bestellbestätigung im Normalfall jeder einzelne Kauf manuell geprüft und erst danach die Kontodaten versendet werden. Je schneller das abläuft, umso schneller ist das Geld auf dem Konto und umso schneller muss es auch abgehoben oder weitertransferiert werden. Eile ist auch deswegen geboten, weil es noch keine Warnungen gibt und eine Kreditkartenzahlung für eine eventuell bei Google geschaltete Anzeige storniert werden könnte.

Skepsis auch bei gut gestalteten Websites

tagesschau.de: Wie könnte Ihrer Meinung nach dieses Phänomen erfolgreicher bekämpft werden?

"Detektei Köhler": Zuerst müssen die Internetnutzer an sich selbst arbeiten und nicht prüfungs-, kritik- und arglos billigste Angebote, höchste extra ausgewiesenen Rabatte, Gutscheine und dergleichen für real halten, mag die Seite auch noch so gut gestaltet sein.

Viele User fallen auch auf von den Betrügern extra auf Google geschaltete Anzeigen herein und halten die Seiten deshalb für seriös. Google prüft da nichts, außer dass die Anzeigen bezahlt werden, oft sogar mit gestohlenen oder missbräuchlich genutzten Kreditkarten.

tagesschau.de: Woraus sollten Nutzer achten?

"Detektei Köhler": Spätestens wenn beim Bezahlvorgang entgegen anderer vorher vom Fakeshop beworbener Zahlungsmöglichkeiten, ausschließlich Vorkasse möglich ist, sollte der Kauf abgebrochen werden. Ebenso wenn statt einer deutschen mit DE beginnenden IBAN eine für deutsche Unternehmen unübliche exotische ausländische IBAN genannt wird.

Gegen Internetkriminalität sollte zentral ermittelt werden

tagesschau.de: Wie sieht es mit der Strafverfolgung aus?"

Detektei Köhler": Da gibt es Defizite. Insbesondere durch die föderale Polizeistruktur bleibt das ganze Ausmaß verborgen und viele Behörden werkeln, bei allem Respekt vor den Leistungen der Beamten, uneffektiv an Ermittlungen wegen Einzelanzeigen herum.

Dem Thema Internetkriminalität sollte mehr Augenmerk geschenkt und zentral beim BKA angesiedelt werden, denn es geht um Zigmillionen Euro und Zigtausend betrogene Bürger, oft verbunden mit Familientragödien und traurigen Kindern.

Machen wir uns nichts vor: Betrug im Internet wird es auch weiterhin geben. Dafür sind die Möglichkeiten, die Arglosigkeit der User und der Einfallsreichtum der Betrüger einfach zu groß. Aber vorgenannte Maßnahmen würden den Betrügern ihr Werk erschweren sowie mit Sicherheit die Ermittlungen der Strafverfolgungsbehörden deutlich effizienter machen.

tagesschau.de:  Wenn Sie warnen, ernten Sie da nur Dank oder werden Sie auch angefeindet?

"Detektei Köhler": Beides. Manchmal melden sich User an, die aufgrund von Warnungen vor Verlust bewahrt worden sind und sich bedanken. Leider gibt es das viel zu selten. Andererseits geben mitunter kurz nach einer Warnung eigens neu angemeldete User vor, ausschließlich gute Erfahrungen gemacht zu haben, sogenannte "Jubelperser", um den Fakeshop in Schutz zu nehmen und andere zu verunsichern. Gelegenthlich sind es noch die Fakeshop-Betreiber selbst, die sich anmelden, die Seriosität ihres Shops zu untermauern versuchen, um dann doch die betreffenden User zu beschimpfen und zu bedrohen.

Das Interview führte Peter Hornung, NDR

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 17. April 2019 um 16:00 Uhr.