Ein Schild mit der Aufschrift "Impfen" steht im Impfzentrum Kaiserslautern.
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Abgesagte Impftermine AstraZeneca - der ungeliebte Impfstoff?

Stand: 30.04.2021 14:07 Uhr

Viele Impfberechtigte haben weiterhin Vorbehalte gegen AstraZeneca. Das zeigt eine NDR-Umfrage in den deutschen Impfzentren: Die Ausfallquote liegt bei bis zu 25 Prozent. Doch es gibt große Unterschiede.

Von Johannes Jolmes, NDR

Es ist ein Trick, den Fluggesellschaften immer mal wieder anwenden. Damit ein Flugzeug auch komplett voll ist, einfach ein wenig überbuchen. Irgendwer wird der Erfahrung nach sowieso noch kurzfristig abspringen. Jeder Platz soll genutzt werden - so effizient wie möglich. Dieses Prinzip wenden nun auch Impfzentren in einigen Bundesländern an. So stellen sie sicher, dass möglichst alle Termine ausgeschöpft werden und möglichst wenig Impfstoff verloren geht. Hamburg handhabt es etwa so, aber auch Hessen und Rheinland-Pfalz schreiben, dass die Impfzentren im Land von dieser Praxis Gebrauch machen können. Trotzdem kommt es vor - das zeigt eine Umfrage des NDR in den Bundesländern - dass Impftermine freibleiben. Nahezu alle Bundesländer antworteten auf den Fragenkatalog.

Über das Vakzin von AstraZeneca gibt es seit seiner Zulassung viele Debatten. Erst wurde der Impfstoff nicht für ältere Menschen zugelassen, nach Berichten über Sinusvenen-Thrombosen wurde die Impfung kurzfristig komplett ausgesetzt. Aktuell gibt es die Empfehlung, den Impfstoff nur an über 60-Jährige zu verimpfen. Von dieser Empfehlung kann aber abgewichen und der Impfstoff nach Aufklärung auch für jüngere Altersgruppen genutzt werden.

Ausfallquote von 25 Prozent in Hessen

Dieses Hin und Her dürfte sicher einer der Gründe dafür sein, dass aus einigen Bundesländern zurückgemeldet wird, dass es Probleme mit dem Impfstoff von AstraZeneca gebe. So schreibt zum Beispiel Hessen auf Anfrage, dass "beim Wirkstoff von AstraZeneca die durchschnittliche Terminausfallquote in den hessischen Impfzentren zuletzt bei rund 25 Prozent nicht wahrgenommener Termine" liege. Auch Bayern beklagt eine "gewisse Zurückhaltung" bei dem Vakzin. Ähnliches ist auch aus Niedersachsen zu hören. Dort gebe es in einigen Impfzentren, so das zuständige Ministerium, eine Ausfallquote von bis zu 20 Prozent. Rheinland-Pfalz verzeichnet landesweit unter zehn Prozent nicht wahrgenommener AstraZeneca-Termine in den Impfzentren.

Konkrete Zahlen zu den Ausfällen hat zuletzt Bremen erhoben. Von Ende März bis Mitte April habe es bei rund 56.000 Impfungen nur 445 nicht wahrgenommene Termine mit dem Impfstoff gegeben, beim Impfstoff von BioNTech waren es 372. Bremen habe keine Probleme, den Impfstoff loszuwerden. Ähnliches ist auch aus Hamburg zu hören. Dort liegt nach Aussage der Sozialbehörde aktuell kein AZ-Impfstoff auf Lager. Schleswig-Holstein, das Saarland, Sachsen-Anhalt, Thüringen, NRW und Baden-Württemberg haben keine Rückmeldungen aus ihren Impfzentren über eine relevante Zurückhaltung bei AstraZeneca.

"Aktionstage" in einigen Bundesländern

Viele Bundesländer haben allerdings "Aktionstage" ausgerufen, um besonders viele über 60-Jährige zu impfen. In NRW konnten sich zum Beispiel über Ostern alle Menschen über 60 Jahren mit einen Impftermin mit dem AstraZeneca-Wirkstoff versorgen, egal ob sie Vorerkrankungen hatten oder nicht. Baden-Württemberg bietet zurzeit regionale "Impfaktionstage" an. Diese Termine seien sehr gut angenommen worden und waren schnell ausgebucht, so die Rückmeldung aus dem Land. Wieder andere Impfzentren führen spezielle Listen mit impfberechtigten Gruppen, etwa Lehrern oder Polizisten, die sie bei freien Terminen schnell einladen können.

Die meisten Länder halten zumindest in den Impfzentren noch an einer Altersgrenze bei der Impfung von AstraZeneca fest. Mecklenburg-Vorpommern hat die Alterspriorisierung hingegen komplett aufgehoben. Dort kann jeder, der will, sich in einer Arztpraxis oder in einem Impfzentrum mit AstraZeneca impfen lassen. Nötig ist lediglich eine vertiefende Aufklärung über die Risiken durch den Arzt.

Auch Berlin und Bayern haben die Priorisierung für AstraZeneca aufgehoben, Erstimpfungen mit dem Vakzin gibt es dort allerdings nur in Haus- und Facharztpraxen. Besonders in Berlin ist der Impfstoff derzeit knapp - Termine sind für Impfwillige daher schwer zu bekommen.

AstraZeneca oft nur noch in Hausarztpraxen

Auch der Freistaat Sachsen hat die Altersgrenze bei der Impfung mit dem AstraZeneca-Vakzin aufgehoben. Erfahrungen mit dem Impfstoff liegen dort vor allem aus Hausarztpraxen vor. Diese durften besonders in Gebieten mit einer hohen Inzidenz, etwa dem Vogtlandkreis, schon vor dem bundesweiten Start in Praxen impfen. Allerdings, so schreibt das Ministerium, sei zurückgemeldet worden, dass es immer wieder Menschen gebe, die Vorbehalte gegenüber AstraZeneca hätten. Erstimpfungen mit AstraZeneca werden in Sachsen nur noch in den drei großen Zentren in Dresden, Leipzig und Chemnitz und in Hausarztpraxen vorgenommen.

Diese Entwicklung zeigt sich in den meisten Impfzentren der Bundesländer. Mehrere Länder verweisen darauf, dass der AstraZeneca-Impfstoff nur noch in die Hausarztpraxen geht und für Erstimpfungen gar nicht mehr im Impfzentrum verwendet wird. Die Gründe für die Terminausfälle können natürlich auch im Einzelfall daran liegen, dass so manch einer einfach vergisst, seinen Termin im Impfzentrum zu stornieren. Das dürften aber Einzelfälle sein, so die Rückmeldung. Wie der AstraZeneca-Impfstoff in den Zehntausenden Hausarztpraxen angenommen wird, darüber liegen den Behörden keine Daten vor. Hausärzte berichten aber immer wieder davon, dass eine persönliche Beratung oft die Bedenken nimmt und zögernde Impfberechtigte sich am Ende doch für die Spritze statt dagegen entscheiden.

EMA empfiehlt AstraZeneca uneingeschränkt

AstraZeneca wird von diversen nationalen Aufsichtsbehörden und der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) als guter und nützlicher Impfstoff eingeschätzt. Der Nutzen des Vakzins übertreffe die möglichen Risiken. Zwar sieht auch die EMA einen möglichen Zusammenhang zwischen den Hirnthrombosen und dem Wirkstoff, sie empfiehlt aber weiterhin die uneingeschränkte Anwendung von AstraZeneca. Die Blutgerinsel seien demnach sehr selten und sollen als seltene Nebenwirkung gelistet werden.

Über dieses Thema berichtete die „hessenschau“ im hr Fernsehen am 28. April 2021 um 19:30 Uhr.

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Moderation 30.04.2021 • 14:57 Uhr

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