Virologen in einem P4 Labor in Wuhan, Archivbild | Bildquelle: AFP

Nach Kritik an China Große Zweifel an Geheimdienstpapier

Stand: 07.05.2020 17:05 Uhr

Angeblich sollen mehrere Geheimdienste China Vertuschung beim Corona-Ausbruch vorwerfen, hieß es vor einigen Tagen. Doch nach NDR-Recherchen gibt es dieses vermeintliche Dossier womöglich so nicht.

Von Reiko Pinkert, NDR

Es war ein echter Scoop, eine Nachricht, die weltweit Schlagzeilen machte: Westliche Geheimdienste sollen einen Dossier zusammengestellt haben, in dem es heißt, China habe das wahre Ausmaß des Corona-Ausbruchs heruntergespielt. In dem 15-seitigen Papier soll den chinesischen Behörden Vertuschung vorgeworfen werden, es handle sich um einen "Anschlag auf die internationale Transparenz". Den Medienberichten zufolge stammt das Papier von den sogenannten "Five Eyes", einer Kooperation der Geheimdienste von Australien, Neuseeland, Kanada, Großbritannien und den USA.

Nun gibt es aber erhebliche Zweifel daran, dass ein solches Geheimdienst-Papier überhaupt existiert. Nach Informationen des NDR berichtete der Bundesnachrichtendienst (BND) am Mittwoch den Obleuten des Auswärtigen Ausschusses im Deutschen Bundestag über eigene Erkenntnisse zu China im Rahmen der Corona-Pandemie.

Gezielte Falschmeldung?

Laut Teilnehmern der vertraulichen Sitzung referierte BND-Vizepräsident Werner Sczesny auch über das sogenannte Five-Eyes-Papier. Der Nachrichtendienst habe bei den fünf Partnern nachgefragt. Diese hätten daraufhin mitgeteilt, dass man keine Kenntnis von einem gemeinsamen Papier habe.

Die Vertreter des BND erklärten den Abgeordneten, dass das Dossier vielleicht von einem der Partnerdienste erstellt worden sein könnte und es zu einer Verwechselung gekommen sei. Aber es könne sich auch um eine gezielte Falschnachricht handeln.

Der Bundesnachrichtendienst wollte sich auf eine Anfrage des NDR dazu nicht äußern. Ein Sprecher antwortete, dass man eigene Erkenntnisse oder operative Aspekte ausschließlich der Bundesregierung und den zuständigen, geheim tagenden Gremien im Bundestag berichte.

Nur Zusammenstellung von öffentlichem Material?

Über das vermeintliche Geheimdienst-Papier hatte als erstes Medium die australische Zeitung "Daily Telegraph" berichtet. Auf dessen Artikel berufen sich die meisten anderen Medienberichte. Die Autorin des "Daily Telegraph" teilte auf Anfrage des NDR mit, sie habe nicht geschrieben, dass es sich um ein Dossier der "Five Eyes" gehandelt habe.

Tatsächlich ist in dem Artikel auf der Online-Seite des "Daily Telegraph" die Rede davon, dass westliche Regierungen das Dossier vorbereitet hätten. Weiter unten im Text heißt es dann, dass die "Five Eyes"-Geheimdienste die Angelegenheit untersuchen würden.

Laut einem Bericht des britischen "Guardian" hat mittlerweile auch Australien klar gemacht, dass es sich nicht um ein Papier der fünf Dienste handele. Es scheine sich um eine Zusammenstellung von öffentlich zugänglichem Material zu handeln. Wer dies zusammengestellt habe, sei unklar, heißt es im "Guardian".

BND bezweifelt FiveEyes-Papier
Benedikt Strunz, NDR
07.05.2020 17:42 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 30. April 2020 um 23:50 Uhr.

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