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Fragwürdige Publikationen Im Kampf gegen Fake-Verlage

Stand: 15.02.2021 06:00 Uhr

Deutsche Hochschulen gehen einer Umfrage des NDR zufolge zunehmend gegen das Problem fragwürdiger Online-Fachzeitschriften vor. Diese schaden ihrer Ansicht nach dem Ansehen der Wissenschaft.

Von Peter Hornung, NDR

Es war eigentlich eine Nachricht, auf die viele Menschen gewartet hatten: Ende September sei die Corona-Pandemie in ihrem Land vorüber, meldeten viele indische Medien und beriefen sich dabei auf eine Studie zweier Forscher eines staatlichen Instituts. Gemeint war aber der September 2020, die Schlagzeilen stammten vom Juni letzten Jahres.

Peter Hornung

Die Medien waren einer Studie aufgesessen, die in einem Fake-Verlag erschienen war, der die fragwürdigen Berechnungen der Forscher keinerlei Begutachtung unterzogen hatte. Kein Einzelfall: Gerade in der augenblicklichen Pandemielage veröffentlichen solche Fake-Verlage immer wieder mangelhafte oder gar abstrus falsche Forschungsarbeiten, die für Verwirrung sorgen.

Hunderttausende fragwürdige Publikationen

Eine internationale Recherche unter Federführung von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" hatte 2018 enthüllt, dass in den Jahren zuvor 400.000 Forscher weltweit in solchen Fake-Verlagen veröffentlicht hatten, darunter 5000 Deutsche. Einer aktuellen Umfrage des NDR zufolge gehen deutsche Universitäten seither verstärkt gegen das Phänomen vor.

Hochschulen stellen sich dem Problem

Befragt wurden knapp 50 der größten Hochschulen Deutschlands. In den vergangenen zwei Jahren gab es demnach zahlreiche Workshops, Veröffentlichungen, neue Beratungsangebote und Checklisten für Nachwuchswissenschaftler. Viele Unis stellten zudem klar: Wer in solchen Fake-Verlagen veröffentlicht, bekommt keinen Zuschuss von seiner Hochschule.

Es geht dabei um Verlage, die sich oft in Indien oder China befinden und die nur vorgeben, nach wissenschaftlichen Regeln zu arbeiten - was für Wissenschaftler zunächst attraktiv scheint: Diese Unternehmen versprechen eine schnelle Publikation und behaupten, dass trotzdem - wie in der Wissenschaft üblich - erfahrene Fachkollegen eingereichte Arbeiten gründlich begutachten, damit Fehler korrigiert werden können, also einen sogenannten Peer Review durchführen.

Prüfung findet nicht statt

Tatsächlich gibt es aber keine Prüfung, alle eingereichten Arbeiten werden nahezu unverändert im Internet publiziert. So werden die Autoren getäuscht - aber auch diejenigen angelockt, die für ihre fragwürdigen Publikationen den Anschein der Wissenschaftlichkeit brauchen: Verschwörungstheoretiker, Klimawandelleugner und Lobbyisten, die lediglich den Anschein der Wissenschaftlichkeit suchen. Denn auf Anhieb sind in Fake-Verlagen erschienene Arbeiten kaum von seriösen wissenschaftlichen Studien zu unterscheiden.

Vor allem junge Wissenschaftler müssten vor den Gefahren der Fake-Verlage gewarnt werden, erklärte die Ruhruniversität Bochum, "weil immer neue Zeitschriften gegründet werden und es immer schwieriger wird, den Überblick zu behalten." Es sei abzusehen, dass dieses Phänomen "die Wissenschaft noch einige Zeit begleiten wird, so dass kontinuierliche Aufklärung nötig erscheint", so ein Sprecher der Goethe-Universität Frankfurt.

Bewusstsein für Fake-Verlage steigt

Die Medienberichterstattung des Jahres 2018 sei in der deutschen Hochschullandschaft aufmerksam aufgenommen worden, sagte Wolfram Horstmann, Direktor der Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen (SUB): "Es war sicher zu großen Teilen vorher schon bekannt, dass hier eine Problematik vorliegt, die beachtet werden muss. Aber der Durchdringungsgrad hat sich deutlich erhöht."

Eine Untersuchung der SUB im vergangenen Frühjahr habe gezeigt, dass in den Jahren 2018 bis 2020 die Zahl deutscher Autorinnen und Autoren bei solchen Fake-Verlagen eindrucksvoll gesunken sei - eine Tendenz, die auch von einigen anderen Hochschulen bestätigt wird, so eine Sprecherin der Universität Mainz. Bei Anträgen auf Kostenübernahme für Publikationen seien Anfang 2019 noch vereinzelt Fake-Verlage aufgefallen. "Seit Mitte 2019 gab es keine Anfragen ähnlicher Art mehr", sagt sie: "Die Aufklärung zu diesem Thema scheint unter den Forschenden zu gelingen."

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell im Hörfunk am 15. Februar 2021 um 09:23 Uhr.