Flagge der Türkei | Bildquelle: dpa

Deutsche sitzt in Türkei fest Festgehalten - nur für einen Like?

Stand: 11.06.2020 16:11 Uhr

Mindestens 66 Deutsche dürfen die Türkei nicht verlassen. Dazu gehört auch eine Hamburgerin, die im Oktober verhaftet wurde. Was ihr genau vorgeworfen wird, weiß sie bis heute nicht.

Von Gabor Halasz und Karaman Yavuz, NDR

Nebahat Yildirim weiß noch immer nicht genau, was sie konkret verbrochen haben soll. Nur, dass sie angeblich den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan beleidigt hat. So haben es ihr Polizisten im Oktober gesagt.

Die 59 Jahre alte Erzieherin aus Hamburg wurde damals kurz vor ihrem Rückflug verhaftet. Sie hat nur einen deutschen, aber keinen türkischen Pass. Wenige Tage später wurde sie freigelassen, darf aber die Türkei nicht verlassen. Jetzt lebt sie bei ihrem Bruder in einem Dorf, 50 Kilometer von der Millionenstadt Diyarbakir entfernt.

Tayyip Erdogan | Bildquelle: via REUTERS
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Schon ein Like für einen regierungskritischen Post kann in der Türkei zu Ermittlungen führen.

Langes Warten auf eine Anklage

Seit acht Monaten warten Yildirim und ihre Familie nun auf die Anklage. Ihrem Ehemann in Hamburg bleiben nur regelmäßige Gespräche über Telefon und Skype. Cafer Yildirim sagt: "Meine Frau ist eigentlich politisch nicht aktiv." Sie soll, so vermutet er, "über Facebook aus Spaß einen Beitrag über den türkischen Präsidenten gelikt und weiter geteilt haben". Deswegen sollte man keinen Menschen verhaften oder an der Ausreise hindern, meint Yildirim.

Ein kritischer Kommentar, ein Like oder ein geteilter Beitrag auf Facebook, das kann in der Türkei als Terrorunterstützung gewertet werden. Dazu passt, dass die Akte von Nebahat Yildirim als geheim eingestuft worden ist. Ihr Anwalt Abdulmenaf Kiran sagte dem NDR, mit Terror habe seine Mandantin nichts zu tun. Es könne aber theoretisch noch Jahre dauern, bis er Konkreteres erfährt. 

Verzögerungen aufgrund der Corona-Pandemie?

Nach Informationen des NDR könnte das auch daran liegen, dass die türkische Justiz wegen der Corona-Pandemie nur eingeschränkt arbeitet. Anwalt Kiran kann deswegen die wichtigste Frage auch nicht beantworten. "Da die Akte als geheim eingestuft ist, kann ich nicht sehen, was genau meiner Mandantin vorgeworfen wird. Ich habe mich fünf mal an den verantwortlichen Staatsanwalt in Ankara gewandt, bis jetzt habe ich keine Antwort bekommen."

Auch auf das Angebot, eine Kaution zu zahlen, habe niemand reagiert. Eine Anfrage des NDR ließen die türkischen Behörden ebenso unbeantwortet.

Yildirim wird konsularisch betreut

Dem Auswärtigen Amt in Berlin ist der Fall bekannt. Es heißt, die Betroffene werde konsularisch betreut, weitere Auskünfte könnten nicht erteilt werden. Insgesamt seien 66 Fälle von deutschen Staatsbürgern bekannt, die die Türkei nicht verlassen dürfen.

In Haft befinden sich nach Angaben des Auswärtigen Amtes noch 59 Deutsche. Die Strafvorwürfe - so heißt es weiter - beziehen sich größtenteils auf Drogendelikte, Körperverletzungs- und Tötungsdelikte, Diebstahl sowie terroristische Straftaten. Nicht in jedem Fall seien die den Verhaftungen zugrunde liegenden Vorwürfe mit den der Bundesregierung vorliegenden Erkenntnissen bewertbar.

Warnung vor regierungskritischen Äußerungen

Das Auswärtige Amt warnt in den Reise- und Sicherheitshinweisen für die Türkei ausdrücklich: "Seien Sie sich bewusst, dass regierungskritische Äußerungen in sozialen Medien, auch wenn sie länger zurückliegen, aber auch das Teilen oder 'Liken' eines fremden Beitrags, Anlass für strafrechtliche Maßnahmen der türkischen Sicherheitsbehörden sein können."

Cafer Yildirim macht sich große Sorgen, denn seine Frau ist krank. Bei ihr wurde 2018 eine Depression diagnostiziert, zuletzt war sie in orthopädischer Behandlung. Sie könne sich kaum bewegen. "Bevor sie in die Türkei flog, wurde sie an Meniskus operiert, jetzt ist ihr Bein entzündet, Wasser soll sich im Bein gesammelt haben." Die Medikamente in der Türkei vertrage sie nicht, nun soll sich auch ihre Niere entzündet haben, erzählt Cafer Yildirim. Seine beiden Söhne und die Enkel fragten ständig nach ihr. Doch wann die Mutter, die Oma wieder zurück nach Hamburg kommt, kann er nicht sagen. 

Über dieses Thema berichtete NDR 90,3 am 04. Oktober 2019 um 20:00 Uhr.

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