Guernsey | Bildquelle: picture alliance / Photoshot

Informationen über Bankkonten Deutsche horten Milliarden im Ausland

Stand: 24.06.2020 16:31 Uhr

Auslandskonten bleiben beliebt: Mindestens 590 Milliarden Euro haben Deutsche nach Informationen von NDR und SZ dort deponiert. Darunter sind Orte, die wegen Steuerhinterziehung in die Schlagzeilen geraten sind.

Von Philipp Eckstein, Jan Strozyk und Benedikt Strunz, NDR

In Deutschland steuerpflichtige Privatpersonen haben 2018 über mehr als 590 Milliarden Euro auf Konten im Ausland verfügt. Das geht aus der Antwort auf eine Kleine Anfrage der Linkspartei hervor. NDR und "Süddeutsche Zeitung" konnten sie vorab einsehen. Demnach meldeten andere Staaten mehr als sechs Millionen Bankkonten nach Deutschland, die in Deutschland ansässige Personen im Ausland führten.

Die Informationen stammen aus dem sogenannten automatischen Informationssystem, über das sich Staaten gegenseitig über Konten ausländischer Steuerpflichtiger informieren. Das Verfahren soll Steuerhinterziehung erschweren. Gemeldet werden beispielsweise nach Deutschland alle Konten deutscher Steuerpflichtiger. Ob die Behörden diese schon kannten, dass Geld also legal im Ausland lag, oder ob es dort hinterzogen wurde, kann das zuständige Finanzamt prüfen.

Luxemburg, Schweiz und Liechtenstein bleiben beliebt

Noch immer scheinen klassische Steueroasen bei deutschen Sparern beliebt: Luxemburg meldet mehr als 1,3 Millionen Konten, die Schweiz rund 750.000. Rund 188.000 Konten meldet das Fürstentum Liechtenstein. Die Zahlen beziehen sich jeweils auf das Kalenderjahr 2018. Einige Länder übermittelten keine Daten oder stimmten der Veröffentlichung grundsätzlich nicht zu, darunter Großbritannien, die Kaiman-Inseln, Bermuda und die Isle of Man.

Die Auswertung zeigt, dass es sehr wohlhabende Privatpersonen, die in Deutschland steuerpflichtig sind, auf die Kanal-Inseln zu ziehen scheint. Jersey, eine kleine Insel im Ärmelkanal mit knapp 100.000 Einwohnern, meldete mehr als 12.000 Konten deutscher Steuerpflichtiger, auf denen im Durchschnitt mehr als 14,5 Millionen Euro angelegt worden sind. Auf Guernsey, einer weiteren Kanalinsel, haben deutsche Steuerpflichtige auf rund 4000 Konten im Schnitt 2,5 Millionen Euro angelegt.

Die Kanalinseln Jersey und Guernsey sind, ebenso wie die Isle of Man in der Irischen See, bislang vor allem deshalb öffentlich in Erscheinung getreten, weil Unternehmen sich hier sehr steuergünstig ansiedeln können und einige Konzerne dieses Schlupfloch ausnutzen. Im Zuge der "Paradise Papers" hatten NDR, WDR und "Süddeutsche Zeitung" gemeinsam mit anderen Partnern darüber berichtet, wie auf der Isle of Man ein System zur steuergünstigen Anmeldung von Privatjets mit Hilfe von Briefkastenfirmen entwickelt worden ist. Die Europäische Union hat dazu eine Untersuchung eingeleitet.

USA geben wenige Daten preis

Die Antwort auf die Kleine Anfrage zeigt auch, dass der Austausch mit den Vereinigten Staaten von Amerika offenbar nun funktioniert - mit der Einschränkung, dass die USA keine Kontostände übermitteln müssen. Die europäischen Länder und die USA hatten lange um eine Regelung zum Informationsaustausch gerungen. Noch immer beanspruchen die USA für sich, weniger Informationen übermitteln zu müssen, als sie von den anderen Staaten in Bezug auf US-Staatsbürger einfordern.

Fabio de Masi, finanzpolitischer Sprecher der Fraktion Die Linke im Bundestag, sagte, die Übermittlung der Kontodaten erhöhe "das Entdeckungsrisiko reicher Steuersünder und ist daher ein Fortschritt". Die USA seien jedoch "das schwarze Loch beim steuerlichen Informationsaustausch".

Innerhalb der EU, so De Masi, seien die Gelder im Verhältnis zur Wirtschaftskraft in einzelnen Ländern sehr hoch. Das zeige "wie einige EU-Steueroasen die Vermögenden anziehen wie das Licht die Motten". Der Informationsaustausch sei daher "eine Voraussetzung, aber kein Ersatz für die Schließung von Steuerschlupflöchern", so De Masi.

Ausreichend Mitarbeiter zur Datenauswertung?

Die aus Deutschland ins Ausland übermittelten Beträge sind relativ gering, insbesondere in Bezug auf Drittstaaten, die nicht der EU angehören: Dorthin hat Deutschland nur Guthaben in Höhe von 60 Milliarden Euro gemeldet. Schätzungen gingen bislang davon aus, dass in Deutschland sehr viel mehr Vermögen aus dem nicht-europäischen Ausland investiert ist, beispielsweise aus Russland.

Unklar ist, ob Deutschland überhaupt über ausreichend Personal verfügt, um die hohe Zahl der weltweit übermittelten Meldungen ausreichend auswerten zu können. Der Informationsaustausch sieht vor, dass die Informationen an das Bundeszentralamt für Steuern (BZSt) übermittelt werden.

Markus Henn, Referent für Finanzmärkte beim Netzwerk Steuergerechtigkeit, befürchtet, dass die Finanzämter und das BZSt der Belastung nicht gewachsen sind. "Ohne zusätzliches, qualifiziertes Personal wird der Informationsaustausch verpuffen", sagte Henn. Der von Netzwerk Steuergerechtigkeit regelmäßig veröffentlichte Schattenfinanzindex zeige, dass Jurisdiktionen wie "die Schweiz, Liechtenstein und die Kanalinseln immer noch relativ undurchsichtig" seien, so Henn.

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Textes entstand der Eindruck, dass nur die Konten deutscher Staatsbürger gemeldet werden. Richtig ist, dass auch die Konten von ausländischen Staatsbürgern nach Deutschland gemeldet werden, wenn sie hierzulande steuerlich ansässig sind. Wir haben den Text korrigiert.

Deutsche lagern 600 Milliarden im Ausland
Benedikt Strunz, NDR
24.06.2020 09:38 Uhr

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Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 24. Juni 2020 um 08:41 Uhr.

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