Eine Flüssigkeit tropft aus der Kanüle einer Spritze. | dpa

Coronavirus Hoffnung auf Impfstoff wächst

Stand: 21.07.2020 11:02 Uhr

Britische und chinesische Forscher haben Ergebnisse von klinischen Tests mit möglichen Impfstoffen gegen das Coronavirus veröffentlicht. Experten bewerten sie vorsichtig optimistisch.

Von Christian Baars und Oda Lambrecht, NDR

Die wissenschaftliche Fachzeitschrift "The Lancet" hat zeitgleich die Ergebnisse von zwei Impfstoff-Studien veröffentlicht, eine von einer britischen Forschergruppe, die andere von chinesischen Wissenschaftlern. Beide arbeiten an ähnlichen Impfstoff-Kandidaten, und beide haben vielversprechende Ergebnisse erzielt. 

Christian Baars
Oda Lambrecht

Das Team der Universität Oxford teilte mit, ihre Untersuchungen der frühen klinischen Phase hätten ergeben, dass der Impfstoff sicher sei, kaum Nebenwirkungen verursache und eine starke Immunantwort hervorrufe. Sie entwickeln gemeinsam mit dem Pharmakonzern AstraZeneca einen sogenannten Vektor-Impfstoff, bei dem genetische Informationen des Coronavirus mithilfe eines anderen, harmlosen Virus in den Körper gebracht werden.

Mehr als 1000 Probanden in Großbritannien 

Ihren Kandidaten haben sie nun in einer Studie mit mehr als 1000 freiwilligen Probanden in fünf Kliniken getestet. Die eine Hälfte von ihnen bekam den neu entwickelten Impfstoff, die zweite erhielt zum Vergleich einen anderen Impfstoff, eine Meningokokken-Impfung - also eine die gegen diese Bakterien wirkt, aber nicht gegen Viren. So konnten die Wissenschaftler überprüfen, ob die Corona-Impfung eine erkennbar bessere Reaktion hervorruft.

Tatsächlich habe der neue Stoff eine "starke Immunreaktion" hervorgerufen, heißt es im "Lancet". Etwa 60 Prozent der Patienten hatten zwar Nebenwirkungen wie Fieber, Kopf- und Muskelschmerzen sowie Reaktionen an der Injektionsstelle, aber sie allen wurden als leicht oder mäßig eingestuft.

Allerdings weist Klaus Überla von der Universitätsklinik Erlangen daraufhin, dass sich bei einigen Patienten wohl eine deutliche Schmerzreaktion gezeigt habe, sodass die Autoren der Studie empfehlen würden, zusätzlich zur Impfung Paracetamol zu geben. Positiv bewertet er, dass die Studie zeige, dass bei den geimpften Personen beide Teile des Immunsystem angesprochen werden. Sie bildeten Antikörper, außerdem zeigte sich eine Reaktion der T-Zellen, die möglicherweise zu einem längeren Schutz führen könnte.

Eine medizinische Mitarbeiterin der Oxford Universität setzt einem Probanden eine Injektion. | dpa

An der Studie der Uni Oxford nahmen mehr als 1000 Freiwillige teil. Die Hälfte von ihnen bekam den Impfstoff-Kandidaten. Bild: dpa

Zahl der Antikörper "nicht berauschend"

Allerdings sagt Überla, das Ergebnis sei bei den Antikörpern "nicht berauschend". Ihre Zahl liege nicht deutlich höher als bei asymptomatisch Infizierten, also Menschen, die sich angesteckt haben, aber keine Symptome verspüren. Bei ihnen ist die Reaktion des Immunsystems deutlich schwächer ausgeprägt, als bei Patienten, die schwer erkranken. Damit sind sie womöglich nur schlecht vor einer erneuten Ansteckung geschützt.

Der Virologe Gerd Sutter von der Ludwigs-Maximilians-Universität München sieht die Ergebnisse insgesamt positiv. Er habe sie "gleichzeitig erwartet und erhofft", sagt er. Sutter arbeitet selbst für das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung an einem Impfstoff gegen das Coronavirus.

"Gute Chance auf Schutz vor schwerer Erkrankung"

Er sagt, die T-Zell-Antwort sei wichtig. Denn sie biete "eine gute Chance auf einen Schutz vor einer schweren Erkrankung", sagt Sutter. "Die Ergebnisse stimmen mich hoffnungsvoll, dass mit einem Impfstoff schwere Verläufe von Covid-19 verhindert werden können." Ihn freue zudem, dass die Studie "auf ein akzeptables Sicherheitsprofil des Impfstoffs hinweist". Aber es seien noch weiterführende Tests nötig, so Sutter.

Aus Sicht von Thomas Mertens sind die Ergebnisse der Studie "interessant und wichtig". Mertens war Direktor des Instituts für Virologie an der Uniklinik Ulm und ist Vorsitzender der Ständigen Impfkommission. Auch er hebt hervor, dass die Studie zeige, dass beide Arme des Immunsystems aktiviert werden.

Wichtige Reaktion des Immunsystems

Das sei positiv zu bewerten, sagt Mertens, da sich zuletzt gezeigt habe, dass Antikörper möglicherweise recht rasch wieder verschwinden können und eine T-Zell-Immunität offenbar wichtig ist. Die Reaktion der T-Zellen könnte möglicherweise einen länger anhaltenden Schutz gewähren.

Doch da es sich noch um eine Studie in einer frühen Phase gehandelt habe, wisse man jetzt noch nicht, ob der Impfstoff wirklich vor einer Erkrankung oder einer Ansteckung schütze, sagt Mertens. Und falls ja, gebe es immer noch einige offene Fragen, etwa welche Altersgruppen einen Nutzen hätten, wie viele Impfungen nötig seien und wie lange ein möglicher Schutz anhalte.

"Noch viel zu tun"

"Es bleibt noch viel zu tun, bis wir bestätigen können, ob unser Impfstoff bei der Bekämpfung der Covid-19-Pandemie helfen wird, aber diese ersten Ergebnisse sind vielversprechend", sagte Sarah Gilbert von der Universität Oxford dem "Lancet". Ihr Team hat den Impfstoff erforscht. Er wird nun bereits in mehrere großen, abschließenden Phase-3-Studien erprobt - mit Tausenden Teilnehmern in Großbritannien, Südafrika und Brasilien. Die Forscher hoffen hier auf Ergebnisse im Herbst.

Weitere Studie mit 500 Probanden in Wuhan

Auch die chinesischen Forscher zeigen sich vorsichtig optimistisch. Sie arbeiten an einem ähnlichen Impfstoff-Kandidaten wie die Wissenschaftler in Oxford und haben in ihrer Studie mehr als 500 Probanden in Wuhan untersucht. Die Hälfte von ihnen bekam den Impfstoff in einer hohen Dosis, ein Viertel in einer niedrigeren Dosis und ein Viertel erhielt ein Placebo. Auch hier reagierten bei fast allen Probanden, die das Mittel bekamen, beide Teile des Immunsystems.

Feng-Cai Zhu, von der regionalen Seuchenschutzbehörde, sagte dem "Lancet", die Studie sei ein "wichtiger Schritt bei der Bewertung dieses experimentellen Impfstoffs im Frühstadium". Die Autoren betonen allerdings, es sei zu früh, um wirklich beurteilen zu können, ob der Impfstoff schütze. Denn die Probanden hätten keinen Kontakt mit dem Coronavirus gehabt. Eine große Phase-3-Studie soll nun auch hier zeigen, ob das Mittel tatsächlich wirkt wie erhofft.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 20. Juli 2020 um 20:06 Uhr.

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