Patient wird in China wegen einer Corona-Infektion behandelt | Bildquelle: AP

Folgen der Pandemie Corona könnte Antibiotika-Krise verschärfen

Stand: 12.06.2020 19:00 Uhr

Ärzte setzen bei Covid-19-Patienten häufig unnötig Antibiotika ein. Die WHO befürchtet, dass sich so eine der größten globalen Gefahren verschärft: die Zunahme resistenter Bakterien.

Von Luisa Meyer, WDR

Je häufiger Antibiotika eingesetzt werden, desto mehr verlieren sie ihre Wirkung - weil Bakterien Resistenzen entwickeln. Diese Entwicklung ist schon lange bekannt. Langfristig könnte es dazu führen, dass selbst kleine Wunden oder Operationen lebensbedrohlich werden, weil die Mediziner mögliche Infektionen nicht mehr behandeln können. Die Corona-Krise könnte dieses Problem verschärfen.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat festgestellt, dass die Covid-19-Pandemie zu einem gestiegenen Einsatz von Antibiotika geführt hat. Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus warnte bei einer Pressekonferenz Anfang Juni: "Dadurch werden mehr Bakterien Resistenzen entwickeln und Krankheiten und Todesfälle werden zunehmen, während der Pandemie und danach."

Antibiotika werden oft vorsorglich eingesetzt

Zwar wird Covid-19 durch Viren verursacht, bei denen Antibiotika nicht wirken. Dennoch geben viele Ärzte den Patienten im Krankenhaus diese Mittel - häufig als Vorsichtsmaßnahme. Sie wollen eine sogenannte Superinfektion verhindern - also, dass die Patienten zusätzlich einen bakteriellen Infekt bekommen.

"Das ist das alte Pseudo-Sicherheitsdenken nach dem Motto: 'Wir gehen auf Nummer sicher und geben Antibiotika dazu'", sagte Jörg Janne Vehreschild, Infektionsforscher an der Uniklinik Köln. Er kritisiert, dass manche Mediziner Antibiotika häufig als harmlosen Zusatz sehen. Gerade bei unkomplizierten Covid-19-Verläufen würden zu viele der kritischen Mittel eingesetzt. Auch in Deutschland beobachten Wissenschaftler und Ärzte dies mit Sorge.

Vehreschild hat zusammen mit Kollegen seiner Uniklinik Daten von etwa 130 Krankenhäusern und niedergelassenen Ärzten zusammengetragen. Die meisten Daten kommen aus Deutschland, einige auch aus anderen Ländern. Der Datensatz umfasst rund 2700 Covid-19-Patienten. Demnach hat etwa ein Viertel der Patienten mit einem unkomplizierten Krankheitsverlauf Antibiotika bekommen. Bei den meisten wäre es wohl nicht nötig gewesen.

WHO warnt vor Antibiotika-Gabe

Ein Ratgeber der WHO rät bei milden Verläufen gänzlich von Antibiotika ab. Bei moderaten Verläufen solle ein Antibiotikum erst bei Verdacht auf eine Zweitinfektion gegeben werden. Und selbst bei schwer erkrankten Patienten ist aus Sicht von Experten von einer Antibiotika-Gabe als Sicherheitsmaßnahme abzuraten. "Eine prophylaktische Antibiotikagabe wird nicht empfohlen", heißt es in der deutschen Leitlinie zur intensivmedizinischen Behandlung von Covid-19-Patienten.

Dennoch geben offenbar viele Ärzte weltweit häufig unnötigerweise Antibiotika. Das zeigen einige Studien, die in den vergangenen Wochen weltweit erschienen sind. Demnach erleiden offenbar weniger als zehn Prozent der Covid-19-Patienten eine bakterielle Superinfektion, aber wesentlich mehr bekommen Antibiotika.

Professor Vehreschild von der Uniklinik Köln befürchtet, dass aktuell deutlich mehr der kritischen Mittel eingesetzt würden als üblich - obwohl viele Behandlungen und Operationen wegen der Corona-Krise ausgefallen seien, bei denen sonst auch Antibiotika eingesetzt würden. "Wenn Corona weltweit ein Problem bleibt und hospitalisierte Menschen weiterhin in großen Mengen Antibiotika bekommen, wird sich das auf die Resistenzstatistiken auswirken", sagt Vehreschild.

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