Beschlagnahmtes Chrystal Meth (Foto: Zollfahndungsamt Essen)

Crystal aus den Niederlanden Europas Drogenküche

Stand: 18.05.2020 06:01 Uhr

Fahnder entdecken in Deutschland immer mehr synthetische Drogen, die in den Niederlanden hergestellt wurden. Offenbar hat sich insbesondere die Crystal-Produktion aus Osteuropa in das Land verlagert.

Von Benedikt Strunz, NDR

Anfang Mai im niederländischen Achter-Drempt, 20 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Eine schwer bewaffnete Spezialeinheit der niederländischen Polizei stürmt eine unscheinbare Scheune. In ihr finden die Beamten Chemikalienfässer, Kochplatten und Gasflaschen: ein voll funktionsfähiges Drogenlabor im laufenden Betrieb. Die Beamten nehmen mehrere Verdächtige fest, darunter einen Mexikaner und einen Kolumbianer.

Der Fund einer Drogenküche in den Niederlanden ist an sich nicht ungewöhnlich. In den vergangenen Jahren wurden hier Dutzende Produktionsstätten für synthetische Drogen wie etwa Ecstasy ausgehoben. Doch dieser Fall ist besonders: zum einen, da offenbar auch südamerikanische Drogenköche festgenommen wurden, zum anderen, weil in dem Labor Methamphetamin produziert wurde, das noch bis vor Kurzem in den Niederlanden kaum eine Rolle spielte.

Methamphetamin, das in der Szene aufgrund der kristallinen Struktur auch Crystal genannt wird, gilt als besonders gefährlich, da es sehr schnell abhängig macht und der Konsum zu gravierenden gesundheitlichen Schäden führen kann.

"Einfuhrmengen wachsen kontinuierlich"

In den vergangenen Jahren waren es vor allem Kokain und Cannabis, das Zollfahnder Drogenkurieren auf ihrem Weg aus den Niederlanden abnahmen. Crystal spielte so gut wie überhaupt keine Rolle. Doch heute sieht das anders aus, wie statistische Daten belegen, die das Zollfahndungsamt Essen jetzt veröffentlicht hat.

Demnach konnten Zöllner im vergangenen Jahr 97 Kilogramm der gefährlichen Droge sicherstellen. Im Vorjahr waren es gerade einmal 15 Kilogramm. "Wir sehen, dass die Einfuhrmengen dieser Droge aus Holland kontinuierlich wachsen", sagt Zollfahnderin Heike Sennewald. Nach Angaben des BKA zeigt sich dieser Trend bundesweit, ein Großteil aller Crystal-Sicherstellungen stamme inzwischen aus den Niederlanden.

Eine Tüte mit der Droge Chrystal Speed | Bildquelle: dpa
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Eine Tüte mit der Droge Crystal Speed

Banden verdrängen tschechische Drogenküchen

Drogenexperten gehen davon aus, dass sich ein sehr großer Teil der europäischen Crystal-Produktion von Tschechien in die Niederlande verlagert hat. Zwei Gründe seien dafür verantwortlich, heißt es von Drogenfahndern: Zum einen sei die tschechische Polizei mit massivem Druck gegen Crystal-Labore vorgegangen. Zudem sei in den Niederlanden in den vergangenen Jahren eine beispiellose kriminelle Infrastruktur für den internationalen Rauschgifthandel entstanden.

Bereits seit mehreren Jahren gelten die Niederlande nicht mehr nur als Zielland für Kokain- und Marihuana-Schmuggler, sondern auch als Exportland für vor Ort hergestellte Designerdrogen wie Ecstasy und Speed. Zur Produktion der ungleich gefährlicheren Droge Crystal sei es "technisch gesehen ein kleiner Schritt", sagt Martin Raithelhuber vom Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC). Zwar sei anzunehmen, dass in niederländischen Drogenküchen Crystal vor allem für den Export gekocht werde, etwa nach Osteuropa oder nach Asien. Gleichwohl sei denkbar, dass die größere Verfügbarkeit auch zu einem wachsenden Konsum vor Ort führen könnte, sagte Raithelhuber dem NDR.

Allianz zwischen Kriminellen?

Drogenfahnder und Experten wie Raithelhuber sehen eine Entwicklung dabei mit großer Sorge: In den vergangenen Monaten wurden immer wieder Mexikaner in niederländischen Drogenlaboren festgenommen. Es ist bislang unklar, ob es sich dabei lediglich um Zufälle handelt. Fest steht aber, dass mexikanische Drogenkartelle weltweit zu den führenden Produzenten von Methamphetamin gehören.

Sie produzieren längst nicht mehr nur für den US-Markt, sondern haben unter anderem auch Australien, Neuseeland und Europa im Visier. Niederländische Fahnder beschäftigt deshalb auch die Frage, inwiefern lateinamerikanische und niederländische Kriminelle mittlerweile gezielt auf dem Crystal-Markt zusammenarbeiten.  

Kriminalbeamte: Konsum von Drogen entkriminalisieren

Derzeit stellt nicht nur Crystal-Meth Polizei und Zoll in Deutschland vor Herausforderungen. Auch andere Drogen scheinen, zumindest was die Verfügbarkeit angeht, einen Boom zu erleben. So wurden im vergangenen Jahr mehr als zehn Tonnen Kokain in deutschen Häfen sichergestellt - so viel wie nie zuvor.

Und auch die Menge von entdecktem Heroin ist größer geworden. Frank Buckenhofer von der Gewerkschaft der Polizei (GdP) fordert deshalb einen Kurswechsel. Der Zoll müsse endlich "organisatorisch, personell und technisch" besser aufgestellt werden, um seinen Auftrag, die Bekämpfung des internationalen Rauschgiftschmuggel, auch wirklich umsetzen zu können.

Sebastian Fiedler, Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, fordert eine "Anti-Drogen-Strategie", die unter anderem eine bessere Geldwäschebekämpfung, eine intensivere internationale Zusammenarbeit der Ermittler und eine Stärkung der europäischen Polizeibehörde Europol umfassen soll. Zudem müsse es darum gehen, den Konsum von Drogen zu entkriminalisieren. "Wenn wir beim Konsumenten das Ordnungswidrigkeitsrecht nutzen und die gesundheitlichen Probleme in den Vordergrund stellen, zugleich aber Dealer konsequent verfolgen, verringern wir den Konsum, haben weniger Rauschgifttote und weniger Beschaffungs- und Begleitkriminalität", sagt Fiedler.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 18. Mai 2020 um 09:08 Uhr.

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