Beutel mit Frischplasma

Blutplasma aus den USA EU will unabhängiger von Importen werden

Stand: 29.10.2019 08:07 Uhr

Ein EU-Papier bestätigt Recherchen von NDR, SWR und SZ, wonach Europa zunehmend auf Blutplasma aus den USA angewiesen ist. Die EU will nun handeln, um unabhängiger zu werden.

Von Peter Hornung und Stefanie Dodt, NDR

Es ist eine Abhängigkeit, mit der man in Europa alles andere als glücklich ist: Mehr als ein Drittel des Blutplasmas, das hier verarbeitet wird, stammt aus den USA. "Die EU hat es bisher nicht geschafft, selbstversorgend zu werden und verlässt sich auf Importe, um seine Patienten zu versorgen", heißt es in einem neuen EU-Papier zur Evaluierung der derzeitigen europäischen Gesetzgebung rund um die Bereiche Blut, Gewebe und menschliche Zellen.

Die Nachfrage nach dem Plasma aber steigt weiter. Plasma ist der flüssige Teil des Blutes. In ihm stecken wertvolle Gerinnungsfaktoren und Antikörper, die den Menschen vor Krankheiten schützen. Pharmaunternehmen stellen daraus Arzneien gegen chronische Immunerkrankungen, zur Krebstherapie und für die Notfallmedizin her. Die USA ist weltweit der Hauptversorger mit Plasma, das Land mit den meisten Plasma-Spendenzentren und den lockersten Regularien zum Schutz der Spender.

Mexikaner verkaufen ihr Plasma in den USA

Eine Recherche von NDR, SWR und "Süddeutscher Zeitung" hatte gezeigt, dass gesundheitliche Risiken vor allem Spender in den USA tragen, insbesondere an der amerikanisch-mexikanischen Grenze. Dort überqueren den Recherchen zufolge jede Woche mindestens 10.000 Mexikaner die Landesgrenze in die USA, um dort ihr Blutplasma zu verkaufen. Die Nachfrage nach bezahlter Plasmaspende ist dort hoch, ganz im Gegensatz zu Europa. In Deutschland stagniert die Zahl der Plasmaspenden seit Jahren. Dennoch haben deutsche Bundesbehörden bisher nicht reagiert.

"Problem erst nicht erkannt, dann nichts getan"

In Brüssel haben sich nun Expertinnen und Experten aus Plasma-Verbänden, Patientenorganisationen und Pharmaindustrie auf Einladung der EU-Kommission zusammengesetzt. Der niederländische Transfusionsmediziner Paul Strengers warnte vor den Folgen der Abhängigkeit: Kämen die Lieferungen ins Stocken, würden lebenswichtige Medikamente knapp. Strengers sieht auch Schuld bei den Europäern: "Erst hat die EU das Problem nicht erkannt. Und dann hat sie nichts getan."

Man habe einiges gefunden, was nicht gut läuft, sagt Anna-Eva Ampelas von der EU-Kommission. So seien die Spender von Blutplasma nicht ausreichend geschützt, und es fehlten Daten über die Langzeitfolgen bei häufigem Spenden. Außerdem sei das Spendenaufkommen in den EU-Staaten sehr unterschiedlich. In vier EU-Staaten bekommen Spender eine Entschädigung, darunter Deutschland, in den anderen aber nicht.

In Europa fehlen Spender

Und schließlich reiche das in Europa gespendete Plasma eben nicht. Das Problem habe sich die EU in den 1990er-Jahren selbst eingebrockt, sagt Philip Vandekerckhove vom Verband der europäischen Blutspendezentren EBA: "Plasma wurde als Pharmaprodukt eingestuft und auf dem freien Markt gehandelt. So kam billiges Plasma aus den USA, wo man die Spender bezahlt. Die Plasmafirmen in Europa haben deshalb ihre Produktion heruntergefahren. Und nun, 20 Jahre später, haben wir nicht mehr genug Spender."

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Billiger ist das Plasma aus den USA unter anderem, weil weniger in den Schutz der Spender investiert wird. Anders als in Deutschland ist in US-Spendenzentren kein Arzt dauerhaft vor Ort, und zentrale Blutwerte zum Schutz der Spender werden deutlich seltener überprüft. Auch die Spendenfrequenz ist eine andere: In den USA darf bis zu 104 Mal im Jahr Plasma gespendet werden, in Deutschland nur bis zu 60 Mal. Das so gewonnene Plasma darf, trotz der unterschiedlichen Standards, dennoch nach Deutschland und Europa importiert werden.

Aufwandsentschädigung als Lösung?

Gebraucht wird das US-Plasma dringend: Chronisch Kranke, Unfallopfer, frisch Operierte benötigen Produkte, die aus Blutplasma hergestellt werden. Die Zahl wächst von Jahr zu Jahr. Der Bedarf in Europa steigt also, aber nicht die Zahl der Spender. Eine Lösung sei, den Spendern eine Aufwandsentschädigung zu zahlen, so Matthias Gessner vom europäischen Industrieverband EPA: "Es gibt vier Vorreiter: Das sind Deutschland, Österreich, Ungarn und Tschechien, in denen Plasma in größerem Maßstab gesammelt werden kann. Und wenn andere EU-Länder sich da anschließen würden, hätten wir in Nullkommanichts eigentlich die nötige Menge zusammen, um Europa ausreichend versorgen zu können."

So leicht sei das nicht, sagt dagegen der Transfusionsmediziner Strengers. Wichtiger sei, dass man den Menschen zeige, wie sehr Plasma gebraucht werde und wie es Patienten hilft. Wenn man sie überzeuge, etwas Gutes zu tun, dann gingen sie auch spenden.

Mangelware Blutplasma: Wie die EU unabhängig von Trumps USA werden will
Peter Hornung, NDR
29.10.2019 08:36 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 29. Oktober 2019 um 10:08 Uhr.

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